Selten wurde vor einem Fussball-Match mehr über die beiden Trainer gesprochen als die Teams selbst. Vor dem heutigen Spiel der USA gegen Deutschland jedoch ist das so. Es geht um: Jürgen Klinsmann gegen Jogi Löw. Das Gipfeltreffen der Trainer, die den deutschen Fussball bei der WM 2006 sexy gemacht haben. Ein Duell vor 43´900 Zuschauern im Stadion im nordbrasilianischen Recife und Hunderten Millionen von Fans vor den TV-Bildschirmen weltweit.

Die Spiele beim Challenge-League-Club FC Winterthur sind reichlich weniger prominent. Statt TV-Übertragung gibt es nur Videoüberwachung. Kommen 1000 Zuschauer zum Spiel, ist es ein guter Tag. Der Arbeiterverein, dessen Stadion von der Zentrale vom Industriekonzern Sulzer überschattet wird, war Löws letzte Station als Aktiver. Löw war 32, als er sich 1992 in Winterthur die Kapitänsbinde überstreifte und aus dem Mittelfeld das Spiel dirigierte. Im letzten Jahr, 1994, probte er den Wechsel hinter die Seitenlinie: Der jetzige deutsche Bundestrainer trainierte nebenher die D-Jugend.

«Jogi Löw war unser Leitwolf»

Heute ist Pascal Humbel für das Nachwuchstraining in Winterthur verantwortlich, als 19-Jähriger hat er an Löws Seite gekickt. «Löw war unser Leitwolf», erinnert sich Humbel. «Er war immer voll bei der Sache und ist mit gutem Beispiel vorangegangen.» Das hat dem jungen Mittelfeldspieler imponiert, genauso wie Löws Ehrgeiz. Ähnlich, wie es die Fernsehzuschauer auch in der Partie gegen Ghana beobachten konnte, hat Löw seinen Ärger über Misserfolge auch damals schwer zu verbergen gewusst. «Wenn wir verloren haben, hat er nach den Gründen gesucht und war erstmal nicht ansprechbar«, sagt Humbel.

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Als Spieler war Löw gut, aber nicht überragend. «Er war technisch spitze und schon damals ein Stratege, aber er war nicht der Schnellste», sagt Axel Thoma, heute Trainer beim FC Wil. Löw hält mit 81 Abschlüssen bis heute den Torschützen-Rekord beim SC Freiburg, seinem Heimatverein. In der Bundesliga – bei Eintracht Frankfurt, dem Karlsruher SC, dem VfB Stuttgart – konnte er sich aber nie als Stammspieler etablieren. «Jogi hat früh den Plan entwickelt, Trainer zu werden», sagt Thoma.

«Nächtelang über Fussball diskutiert»

Thoma und Löw kennen sich noch aus Bundesliga-Zeiten. Wie Löw absolvierte auch Thoma eine Stippvisite beim VfB Stuttgart. In der Schweiz spielten er und Löw fünf Jahre lang im gleichen Team, erst beim FC Schaffhausen, dann in Winterthur. Sie pendelten täglich von Schaffhausen, wo Löw mit seiner Frau Daniela lebte, ins Stadion. Mal fuhr Thoma, mal fuhr Löw – übrigens in durchaus gesittetem Tempo, wie Thoma versichert. Sie sprachen über ihre Familien, andere Sportarten – und kreisten doch meist um ihr zentrales Thema. «Wir haben damals nächtelang über Fussball diskutiert», so Thoma.

Gemeinsam mit dem Schaffhausener Fussballlehrer Rolf Fringer, dem späteren Schweizer Nationaltrainer, sinnierten sie über Taktiken und Strategien. «Vieles von dem, worüber wir damals gesprochen haben, ist heute Standard, zum Beispiel die Viererkette», so Thoma. «Da waren die Schweizer den Deutschen voraus, die ja lange noch auf den Libero setzten.»

Klinsmann: «Bei Jogi habe ich es verstanden»

Fringer war es auch, der Löw 1995 auf seine erste prominente Stelle holte: Der Badener trainierte den Erstligisten FC Frauenfeld, als ihn Fringer zum VfB Stuttgart berief. Hier war es wie später unter Klinsmann bei der Nationalmannschaft: Löw wurde erst Co-Trainer, 1996 übernahm er selbst.

Der unverhoffte Wechsel nach Stuttgart führte dazu, dass Löw seine Trainerausbildung in der Schweiz abbrach und erst 2000 beendete – gemeinsam mit Jürgen Klinsmann. Die erste Begegnung mit ihm beim DFB-Trainerlehrgang in Hennef zeigt, dass sich die vielen Taktik-Diskussionen offenbar gelohnt haben. «Ich war 18 Jahre lang Profi. Und in den 18 Jahren konnte es mir kein Trainer erklären, wie sich eine Viererkette verschiebt», erinnert sich Klinsmann gegenüber dem «Handelsblatt». «Bei Jogi habe ich es in einer Minute verstanden.»

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