Das vor knapp zwei Wochen mit Drohnen getroffene Ölfeld auf Abqaiq zählt zu den wichtigsten Ölanlagen Saudi-Arabiens. Mit einer Produktionsmenge von knapp 5.7 Millionen Fässern pro Tag werden dort fast 60 Prozent der aktuellen Exporte Saudi-Arabiens produziert.

Der katapultartige Sprung im Rohölpreis von plus 20 Prozent direkt nach Bekanntwerden der Angriffe ist aufgrund der Bedeutung der Anlage somit verständlich. Dass der Rohölpreis seit den Anschlägen wieder auf sein Ausgangsniveau gefallen ist, hat jedoch andere Gründe.

Saudi-Arabien fängt Lieferengpässe mit Reserven auf

Gemäss der «Joint Organisations Data Initiative (JODI)» lagen die Rohölreserven Saudi-Arabiens vor den Angriffen bei circa 190 Millionen Fässern. Trotz des entstandenen Produktionsausfalls hat Saudi-Arabien somit genug Vorräte, um seinen Verpflichtungen für mehr als 30 Tagen nachzukommen.

Wie nun von Seiten Saudi-Arabiens bekannt gegeben wurde, rechnet das Land damit, dass die getroffenen Anlagen bereits in der kommenden Woche wieder operativ einsetzbar sind. Zusätzlich kauft das Land zurzeit Öl von seinen Nachbarn, um seinen eigenen Lieferverpflichtungen nachzukommen. Dies nimmt aktuell den Druck vom Preis.

Zeichen der Entspannung mit Iran

Trotz des Bekenntnisses der Huthi-Rebellen im Jemen zu dem Anschlag auf die Ölfelder, scheint festzustehen, dass der Iran die Fäden des Angriffs in der Hand hält. Nachdem der Iran in den vergangenen Monaten bereits Tanker im Golf von Hormuz angegriffen und beschlagnahmt sowie eine US-Drohne abgeschossen hat, scheint diese erneute Aggression der Iraner eine Eskalation der Situation im Nahen Osten weiter zu befeuern.

Eine Chance zur Entspannung ist möglicherweise die aktuell in New York abgehaltene UN-Generalversammlung. Zwar beschuldigte der US-Präsident die Iraner in seiner Rede «…ihre Lust nach Blut befriedigen zu wollen», streckte jedoch gleichzeitig mit seinem Wunsch nach Frieden in der Region die Hand für eine Entspannung der Situation aus.

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Parallel versuchen Frankreichs Präsident Macron und der britische Premierminister Johnson den iranischen Präsidenten Ruhani zu einem Treffen mit Trump zu bewegen. Ob dies letztlich gelingt und somit ein Durchbruch in der angespannten Lage erzwungen werden kann, bleibt abzuwarten.

Handelskonflikt belastet

Die weiterhin offene Situation beim Handelskonflikt der USA mit China belastet die Weltwirtschaft weiterhin. Sollten die Amerikaner und die Chinesen keine Einigung im Konflikt finden, könnte dies das chinesische Wirtschaftswachstum weiter trüben und damit die gesamte Weltkonjunktur gefährden.

China ist der weltgrösste Importeur von Rohöl und nach den USA der zweitgrösste Verbraucher. Eine Abschwächung der Konjunktur im Land der Mitte dürfte die Nachfrage nach Öl nachhaltig belasten. Gleichzeitig sind diese Woche die Rohölreserven in den USA überraschend um 2.4 Millionen Fässer gestiegen, obwohl ein leichter Rückgang der Vorräte erwartet wurde.

Nachfragesorgen überwiegen

Trotz der angriffsbedingten Lieferengpässe und der weiterhin schwelenden Sorgen über eine erneute Eskalation der Situation im Nahen Osten, scheinen die Ängste einer Eintrübung der Weltwirtschaft und eines daraus resultierenden Nachfragerückgangs nach Öl zu überwiegen.

Auch charttechnisch zeigt sich aktuell ein eher angeschlagenes Bild. Sollte der Kurs der Öl-Sorte Brent unter seine Tiefststände aus dem August fallen, könnte ein erneuter Test der Marke von 50 Dollar pro Fass anstehen. Ein gegenläufiges Signal käme, wenn der Kurs auf Monatsbasis im September über 64 Dollar schliessen würde.

 

*Christos Maloussis ist Market Analyst und Premium Client Manager bei der IG Bank.