Eines haben Krisen oft an sich, sie verstärken bereits existierende Trends. Im Handel trifft das gegenwärtig besonders zu: Auf der Sonnenseite schiesst der E-Commerce heuer mit einem zu erwartenden Plus von 30 Prozent in neue Höhen, im Schatten ringen die stationären Händler um jeden Kunden.

Trotz sinkender Umsätze dürfen sie ­jedoch kaum mit tieferen Mieten rechnen. Schon gar nicht an Toplagen wie der Zürcher Bahnhofstrasse. Und das, obwohl die teuerste Shoppingmeile der Schweiz gleich mit zwei Problemen zu kämpfen hat: Erstens bleiben ausländische Gäste aus. Die Zahl an Touristen blieb auch nach dem Shutdown tief (siehe Grafik).

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Quelle: BFS
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Zweitens verändert Homeoffice das Strassenbild. Während sich Tagesausflügler und Shopping­enthusiasten aus dem Umland auf die Bahnhofstrasse begeben, fehlt die klassische Klientel: Männer und Frauen in Geschäftskleidung sind dieser Tage nur spärlich auszumachen. In der Finanzbranche arbeitet ein Grossteil noch immer daheim. Und Kongresse finden ebenso wenig statt, wie Geschäftsreisende nach Zürich und an die Bahnhofstrasse kommen.

«Uns fehlen die ausländischen Geschäftsleute»

Das spürt etwa Adriano Maestrini, ­Inhaber des eleganten Herrenausstatters Brunos. «Uns fehlen die ausländischen Geschäftsleute», sagt er. Und weil Ende Jahr die Zürich-Versicherung, der das Gebäude gehört, den Mietzins beträchtlich erhöht, hat Brunos Ende August die Bahnhof­strasse verlassen. «Es ist schon traurig, dass wir nach über 83 Jahren den Standort wechseln müssen.» Immerhin: Die neue Location unweit an der St. Peterstrasse ­bietet neben tieferer Miete auch eine ­grössere Verkaufsfläche.



Mit Brunos ist nun einer der letzten alteingesessenen Händler von der berühmten Einkaufspromenade weggezogen. 2019 wechselte schon das noble Schreibwarengeschäft Landolt-Arbenz in eine Nebenstrasse, und das Modehaus Weinberg schloss nach 65 Jahren seine letzte Filiale. Davor hatte nach 110 Jahren das Familienunternehmen Türler Schmuck Uhren den Paradeplatz verlassen und war ebenfalls in eine Nebenstrasse gewechselt – eingezogen ist eine Harry-Winston-Boutique der Swatch Group.

Gekündigt wegen «Eigenbedarf» hat der Bieler Uhrenkonzern dem Modehaus Grieder, das auf Ende 2024 die Bahnhofstrasse verlassen muss. Was die Swatch Group dort vorhat, ist noch geheim – gemunkelt wurde bereits über ein mög­liches Uhrenmuseum. Noch dieses Jahr eröffnen soll hingegen ein Shop der zum LVMH-Konzern gehörenden Uhrenmarke TAG Heuer – sie zieht ins Lokal des Schmuckhändlers Thomas Sabo.

Weltmarken ziehen an die Bahnhofstrasse

Es sind neben der Bäckerei Bachmann, Salt und Sunrise besonders weltbekannte Brands wie IWC, Saint Laurent, Lacoste oder Zara Home, die in den letzten fünf Jahren an die Bahnhofstrasse drängten, bald eröffnet auch Versace. Und dieser Trend dürfte sich nun gar verstärken. «Die grossen Marken straffen ihre Filialnetze und müssen dafür umso mehr an Toplagen präsent sein», sagt Michael Dressen, ­Retail-Experte bei der Immobilienberatungsfirma CBRE. Das führe zu einer Polarisierung der Standorte.

Während die Mietpreise an der Bahnhofstrasse stabil bleiben, sinken sie an den B- und C-Lagen. Vor dem Shutdown gab es laut Dressen teils Quadratmeterpreise für kleine Retailflächen an der Bahnhofstrasse von gegen 15 000 Franken. Dass Corona nun einen Effekt darauf habe, lässt sich noch nicht festmachen. Dressen geht aber nicht davon aus. Das Schaufenster der Schweiz bleibe attraktiv. Da nehmen die Brands eben auch mal ein Krisenjahr hin.

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