Das kürzlich erschienene «Spiegel»-Interview mit dem Publizisten Klaus ­Harpprecht wurde schnell legendär. Es wurde legendär durch einen tierischen Vergleich.

Harpprecht nannte im Gespräch den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt einen Esel. Er meinte es nicht freundlich.

Aber der Vergleich war nicht schlecht. Schmidt hat widerspenstige Züge, wie sie dem Esel zugeschrieben werden. Zum Beispiel raucht er bis heute störrisch auch dort seine Zigaretten, wo das ­verboten wäre, etwa in Speisewagen, Theater und TV-Studio.

Ein Pferd, feige, wie es ist, würde sich das nie ­getrauen.

Esel und Pferd sind die ältesten Rivalen im Tierreich. Doch sie sind nah verwandt. Man kann sie kreuzen. Ist der Hengst ein Esel, entsteht ein Maultier. Ist der Hengst ein Pferd, gibt es einen Maulesel.

Man kann viel von Tieren lernen

Es ist ja seit je meine These, dass man in Unternehmen viel von Tieren lernen kann. Ich habe darum eine deutliche Präferenz für den Esel. Er ist intelligenter und charakterstärker als sein Rivale.

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Pferde sind Fluchttiere. Wenn es brenzlig wird, machen sie sich aus dem Staub. Die meisten Manager sind Pferde.

Wenn Firmen in Schieflage geraten und die Manager in Stress, dann bringen sie sich rasch in Sicherheit. Sie versuchen die Firma zu verkaufen oder zu fusionieren, oder sie wechseln hastig hinüber in den sicheren ­Verwaltungsrat. Vielfach zeigen sie das ultimative Fluchtverhalten: Sie ­treten zurück.

Ein Esel tritt nie zurück. Weil er kein Fluchttier ist, bleibt er in Gefahrensituationen halsstarrig stehen. Er geht nicht vorwärts, er geht nicht zurück. Es helfen auch keine Hiebe.

Esel gelten darum als dumm. Ist es dumm, in Krisenzeiten stur vor Ort zu bleiben und durchzuhalten? Ich glaube, es ist nicht Dummheit, es ist ein Zeichen von Widerstandskraft und innerer Stärke. Opportunismus wäre sonst Klugheit.

Mehr flüchtige Pferde als Esel

Wenn ich die letzten Jahre in Wirtschaft und Politik so überblicke, fallen mir viel mehr flüchtige Pferde als Esel ein. Joe Ackermann bei der Zurich war ein Pferd, Oswald Grübel bei der CS war ein Pferd, die Regierungsräte Carlo Conti und Mark Muller waren Pferde, Marcel Ospel bei der UBS, Claude Béglé bei der Post, Heinz Karrer bei Axpo, Staatssekretär Michael Ambühl, Markus Spillmann bei der «NZZ», Bruno Pfister bei Swiss Life und so fort.

Sture Esel sind seltener. Über Jahre war Daniel Vasella bei Novartis ein Paradebeispiel. Ich denke, auch Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und Brady Dougan von der CS haben Eselqualitäten. Nationalbanker ­Philipp Hildebrand versuchte erst, ein Esel zu sein, galoppierte dann aber ziemlich zügig davon.

Ein eher starrsinniger Typus war auch Andrew Jackson, der siebte US-Präsident. Im Wahlkampf von 1828 bezeichnete ihn sein Gegenkandidat als Esel. Jackson druckte nun das Tier auf alle seine Wahlplakate. Seitdem ist der Esel das Symbol der US-Demokraten.

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Das neuste Beispiel in der Politik lieferte Italiens Premierminister ­Matteo Renzi. Vor seiner Wahl schlug ihm heftige parteiinterne Kritik an seinem dickköpfigen Stil entgegen. Renzi sagte darauf: «Ich mache ruhig weiter. Ich bin doch kein Esel.»

Renzi hat es nicht ganz verstanden. Richtig wäre diese Antwort gewesen: «Ich mache ruhig weiter. Ich bin ein Esel.»