Der Ressortleiter, mit dem ich mal zu tun hatte, hiess Paul. Paul zeigte in Stresssituationen ein sehr spezielles Verhalten. Wenn er sich attackiert fühlte, zog er seine Oberlippe hoch, präsentierte aggressiv seine obere Zahnreihe und atmete durch die Zähne deutlich hörbar aus.

Paul nannten wir manchmal scherzhaft Wolfi.

Wölfe sind das bekannteste Beispiel von sogenannten Zähnefletschern. Das Fletschen der Wölfe ist das klassische dentale Körpersignal. Wölfe fletschen ihre Zähne als Drohgebärde. Sie senden damit die Botschaft aus, dass sie sich nichts gefallen lassen und, wenn es doch einer versucht, sie notfalls heftig zu­beissen können. Affen, etwa Schimpansen, tun das Gleiche und zeigen im Stress ihr Gebiss.

Unser soziales Leben ist dentalisiert

Wölfe und Affen sind wie wir. Wir sind dentalsozial. Unser soziales Leben ist dentalisiert.

Ich glaube, die Zähne sind der wichtigste humane Körperteil. Kein anderer Teil des menschlichen Körpers hat eine der­artige Signalwirkung. Das Signal kann positiv oder negativ sein.

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Nehmen wir ein Beispiel aus männ­licher Sicht. Er trifft sie erstmals. Alles passt. Sie ist hübsch, sie ist gut frisiert, sie kommt in einem Kleid von Chanel, und er trifft sie in einer netten Bar. Er erzählt einen guten Witz, sie lacht und entblösst dazu ihre Zähne. Ihre Zähne sind bräunlich und schief. Game over.

Äussere Aushängeschild der inneren Verfassung

Unsere 32 Zähne, so wissen Biologen, sind die wichtigste Visitenkarte der ­Lebewesen. Der Dentalbereich ist zwar im Grössenvergleich physiologisch unerheblich, denn Zähne sind klein. Aber die Zähne sind das äussere Aushängeschild der inneren Verfassung. Der Zahn ist die Botschaft.

Schlechte Frisuren und schlechte ­Vestons kann man in der Bar und im Büro allenfalls noch akzeptieren. Schlechte Zähne kaum. Fast zwei Milliarden Franken geben die Schweizer pro Jahr für Zahnärzte aus. Das sind über 200 Franken pro Person. Allein in einer Stadt wie Zürich gibt es mittlerweile 800 ­Zahnärzte.

Zähne sind die einzige echte Waffe, die wir haben. Der Zahnschmelz, gebaut aus Calcium und Phosphor, erreicht auf einer Härteskala von eins bis zehn den Wert fünf. Das ist deutlich härter, als es Edelmetalle wie Gold sind oder auch Knochen, etwa Elfenbein. Zähne erreichen die Härte von Halbedelsteinen wie Opal. Der Wert zehn auf der Skala ist für Dia­manten wie Rubine und Saphire reserviert, das härteste natürliche Vorkommen der Welt.

Sowohl zur ­Abschreckung wie zur Verlockung

Es ist deshalb soziologisch folgerichtig, dass unsere einzige Waffe sowohl zur ­Abschreckung wie zur Verlockung ein­gesetzt werden kann. Das Fletschen der Zähne ist die aggressivste Form menschlicher Mimik. Das Lächeln ist die versöhnlichste und entwaffnendste Form der Kommunikation.

Damit wären wir wieder bei meinem Ressortleiter Paul. Wenn er in Stresssituationen aggressiv seine obere Zahnreihe präsentierte und Luft durch die Zähne blies, blieb das ohne grossen Effekt. Ungleich erfolgreicher war seine Controllerin im Zimmer daneben. Sie hatte auch in Drucksituationen das, was man ein goldenes Lächeln nennt.

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Schon Wilhelm Busch kannte diesen Unterschied und kalauerte darum:

«Mitunter sitzt die ganze Seele

In eines Zahnes dunkler Höhle.»