Schon vor Erscheinen dieser Enzyklika hatten sich die ideologischen Bataillone in Stellung gebracht. Wem sie nun den Rücken stärke und wem nicht. Selten ist so hitzig um Unterstützung durch die Kirche gestritten worden, auch unter durchaus eher kirchenfernen Zeitgenossen. Offenbar spielt die katholische Kirche und ihr Heilsverständnis eine größere Rolle, als selbst ihre Gegner ihr zugestehen mögen. In den grünen Foren machten Postings die Runde wie: «Na ja, wenn es hilft, muss man den Papst mit an Bord nehmen.» Oder «Nicht schlecht, wenn nur die Religion nicht wäre.»

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In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» referierte der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber über seine federführende Rolle: «Es war ein hartes Stück Arbeit, die Erkenntnisse der Wissenschaft so aufzubereiten, dass im Vatikan das Klimaproblem jetzt so sehr viel besser verstanden wird.» Puh, aber mittlerweile hat der Holzkopf auf dem Petri-Thron wohl begriffen und jedes «Lavieren» vermieden und jede «falsche Balance», auch wenn er das Klima-Albtraumszenario «Stürme, Dürren und so weiter eher kursorisch behandelt». Anders gesagt: Er hätte ruhig noch bisschen mehr auf Panik machen können.

Voller Erfolg für die grünen Parteitage?

Voller Erfolg für die grünen Parteitage? Hm. Womöglich für diejenigen, die nach Stellen suchen und sich nicht soviel aus Kirche machen. Zunächst und in erster Linie ist diese Enzyklika ein Gesang auf die Schöpfung Gottes, ein Jubelgesang, aber auch ein Klagegesang, ein frommer Gesang auf jeden Fall. Wer beginnt, sie wirklich zu lesen, betritt einen Klangraum, der nichts mit den kirchenfeindlichen und glaubensfeindlichen Sottisen der Foren zu tun hat.

Sie heisst programmatisch «Laudato si», und nimmt damit den Jubel auf, den der Poverello angestimmt hat im 13. Jahrhundert. Der Jubel über die Schöpfung Gottes und ihre Vernunft und Wahrheit. Papst Franziskus macht klar, dass es hier nicht um eine jähe Erkenntnis der Kirche geht, sondern um eine schon lange und tief verankerte Sorge. Schon im zweiten Absatz ist von der «Gewalt des von der Sünde verletzten menschlichen Herzens» die Rede, die sich in den «Krankheitssymptomen» der geschändeten Natur bemerkbar machen. Das ist, zunächst mal, kein Aufruf auf die Barrikaden, sondern die Einladung in den Beichtstuhl.

«Das Buch der Natur ist eines und unteilbar»

Zum Thema seiner Enzyklika findet Franziskus durch die Lektüre von Vorgängern wie Papst Johannes XXIII., Papst Paul VI., dem heiligen Johannes Paul II., dessen Diatriben gegen unsere Konsum- und Wegwerfgesellschaft noch allen in den Ohren klingen dürften. Schliesslich das Katholische Naturrecht, die Ökologie des Menschen, die hat besonders Franzikus' Vorgänger bedacht, Papst Benedikt, der in seiner Reichstagsrede den Grünen so grossartig die grüne Idee erklärte, den Schutz der Schöpfung, der natürlich auch den des ungeborenen Lebens umfasst.

«Das Buch der Natur ist eines und unteilbar», und Franziskus fasst in eigenen Worten zusammen, «das schliesst unter anderem die Umwelt, das Leben, die Sexualität, die Familie und die sozialen Beziehungen ein.»

Und nochmals zitiert er Benedikt: «Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur.» Ich weiss nicht, wie die Gen- und Gendermatadore mit solchen Hinweisen umgehen, aber vielleicht gibt es ihnen Hinweise auf das, was man das katholische Menschenbild nennt. Und dann kommt, in grosser ökumenischer Geste, Patriarch Bartholomäus zu Wort, der mahnt, «ein Verbrechen gegen die Natur zu begehen, ist eine Sünde gegen uns selbst und eine Sünde gegen Gott».

Da ist sehr viel von Sünde die Rede, mehr, als es heute für allgemeinverträglich gehalten wird. Die Sünde der Machbarkeit, die Sünde der Hybris, die Sünde der Selbsterschaffung. Unter den Verbrechen, die wir «Schwester Natur» antun, sind die meisten bekannt. Kaum einer, der sich nicht krümmt, wenn er sieht, wie unsere Ozeane unter einem Teppich von Plastikmüll ersticken. Wie Wasservorräte zur Begrünung von Golfplätzen in den Wüsten vergeudet werden. Ein Blick in die Verliesse der Massentierhaltung verschlägt jedem nicht völlig Abgestumpften die Sprache.

Muss man an den Klimawandel glauben, um die Ausbeutung der Natur zu verabscheuen und gegenzusteuern? Wohl kaum. Der Papst scheint ihn für eine Tatsache zu halten, andere sind sich da nicht so sicher. Schuldig aber machen wir uns in jedem Fall, wenn wir mit der Natur umgehen wie mit einem Truppenübungsplatz.

Dieser Papst ist in erster Linie katholisch

Eigentlich weiss das auch jeder. Die eigene und die Natur des Nächsten gehört dazu. Immer wieder kehrt der Papst auf das christliche Menschenbild zurück. Die Theologie der Schöpfung. Die Gottesebenbildlichkeit. Die Liebe des Schöpfers zu jedem Einzelnen von uns. «Diejenigen, die sich für die Verteidigung der Menschenwürde einsetzen, können im christlichen Glauben die tiefsten Argumente für diese Aufgabe finden.» Und dann zitiert er den grossartigen Jeremias-Psalm «Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen.»

Da können sie sich noch so übergeben, die Blockademeister und Gendertechniker, aber dieser Papst ist in erster Linie katholisch und heiter und tief gläubig. Und dieses Glaubens-Licht liegt über der Enzyklika und es leuchtet über alle, über Gegner und Befürworter der Thesen des Klimawandels. Schöpfungstheologie, Kain und Abel, und schließlich der «Blick Jesu», der in voller Harmonie mit der Schöpfung lebt.

Enzyklika ist ein einsichtsvoller, menschenliebender Einspruch

Selbst wenn der Papst in seiner Enzyklika wohl sämtliche Programmpunkte grüner NGOs abarbeitet, von Umweltpolitik bis zum Schutz lokaler Traditionen und indigener Kulturen, Sozialökologie, Kulturökologie, liegt über ihr nicht der agitatorische Lärm von Trillerpfeifen – sie ist ein einsichtsvoller, menschenliebender Einspruch. Und, wie bei diesem Papst üblich, ein wenig weitschweifig, ein wenig lang.

Und selbstverständlich kommt sie nicht ohne lateinamerikanische und befreiungstheologische Kritik an unserem Wirtschaftssystem aus, aber deutlicher als in der letzten Enzyklika – wo es hiess: unsere Wirtschaft tötet – kann man ohnehin nicht werden. «Laudato si» ist ein katholischer Weckruf, aber auch ein sehr inniger Aufruf, sich zu besinnen auf den Ursprung unseres Lebens, auf dieses grosse Geschenk und den Schöpfer.

Er redet uns ins Gewissen, dieser Papst. Die Enzyklika wird in den folgenden Wochen sicher für Fraktionskämpfe vereinnahmt werden. Dabei ist sie eine Einladung zur Selbstbefragung, an alle Lager: Wofür leben wir, was hinterlassen wird, was ist unsere Bestimmung? Sie spricht nicht nur von den äusseren Wüsten, sondern auch den inneren, die wachsen. Und deshalb zitiert er noch einmal den franziskanischen Sonnengesang und evoziert diesen kleinen wieselnden Troubadour Gottes aus dem großen 13. Jahrhundert.

Diese Enzyklika wird nicht allen gefallen. Aber doch den allermeisten, und auch das ist typisch für unseren Papst.

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