Zunächst läuft das Bewerbungsgespräch gut: Der angehende Investmentbanker hat alle Fragen gemeistert. Er ist sich sicher, dass er den Job ­bekommt, zumal seine Abschlussnoten hervorragend sind. Doch dann lässt der Personaler die Bombe platzen. «Eine Frage hätte ich noch», sagt er beiläufig, «stellen Sie sich vor, Ihr Körper wird auf eine Grösse von fünf Millimeter ­ geschrumpft – bei gleichbleibender Dichte. Dann wirft man sie in ­einen Küchenmixer. Ihnen bleiben 60 ­Sekunden, bis die Hackmesser aktiviert werden. Was tun Sie?»

In Zukunft müssen Bewerber vermehrt mit solchen Fragen rechnen. Denn die Unternehmen entdecken zunehmend ihre kreative Ader bei der Nachwuchsauswahl. Anstatt nur Fragen zum Lebenslauf zu stellen, servieren sie den Bewerbern Denksportaufgaben – die sogenannten Brainteaser. «Mit solchen Methoden werden die logisch-analytischen Fähigkeiten in Belastungssituationen überprüft», erklärt Christoph Thoma von der Unternehmensberatung Kienbaum in Zürich.

Weltmeister in Sachen Brainteaser ist Google. Die abgedrehten Aufgaben, mit denen der Suchmaschinenriese seine Bewerber grillt, sind legendär. Absolventen, die ins kalifornische Mountain View pilgern, müssen auf Einwürfe gefasst sein wie: «Entwickeln Sie einen Evakuierungsplan für San Francisco» oder «Bauen Sie eine völlig neue Art von Lift». Beliebt sind auch Rechenaufgaben à la «Wie viele Golfbälle passen in einen Schulbus?» und Schätzfragen, etwa nach der Anzahl der Klavierstimmer auf der Welt.

Wenn ein Rad fehlt

Dabei hatte Google bis 2005 sehr konservativ rekrutiert: Bevorzugt eingestellt wurden IQ-Riesen, Jahrgangsbeste, Absolventen der Top-Unis. So entwickelte sich das quirlige Start-up zum Tummelplatz für Überflieger mit Doktortitel. Doch es zeigte sich, dass die vermeintlichen Genies im Job keineswegs so genial agierten wie gehofft. Also entwickelte Google neue Methoden, um Querdenker zu identifizieren.

Auch Microsoft, Facebook und diverse Investmentbanken nutzen in ihren Auswahlverfahren standardmässig Brainteaser. Dass die Denksportaufgaben auch ganz handfest funktionieren, zeigt die US-Armee: Hier müssen Offizierskandidaten einen Anhänger, an dem ein Rad fehlt, vier Kilometer weit bewegen – ohne dass die Achse den Boden berührt. Zur Lösung der Aufgabe stehen ein Seil, ein Stück Rohr oder beliebige andere Gegenstände zur Auswahl. Der Clou: Es ist gar nicht möglich, den Anhänger wieder flottzumachen. Die Vorgesetzten schauen nur zu und ­beobachten, wie die Kandidaten mit der aussichtslosen Lage umgehen.

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Führender Experte für Überraschungsangriffe im Bewerbungsgespräch ist ­Stefan Menden. Der 35-Jährige hat vor elf Jahren die Internetplattform Squeaker gegründet, auf der sich junge Berufseinsteiger über Interviewerfahrungen austauschen können. Er beobachtet, dass sich die Online-Gespräche dort immer häufiger um Denksportaufgaben drehen. Vor allem Beratungen, Informatikunternehmen, Start­ups und Banken fühlen den Neulingen gerne mit Denksportaufgaben auf den Zahn. «Sie vertrauen weniger ihrem Bauchgefühl und suchen deshalb nach objek­tiveren Massstäben», mutmasst Menden über die Gründe.

Personalfachleute mögen Brainteaser deshalb, weil sich die Bewerber nur bedingt vorbereiten können. «Die generelle Denkweise lässt sich trainieren – mehr nicht», erklärt Menden, der über die Tests sogar ein Buch geschrieben hat («Das ­Insider-Dossier: Brainteaser im Bewerbungsgespräch»).

Grundsätzlich kann jeder Mensch mit ein wenig Allgemeinbildung und Talent im Kopfrechnen die richtigen Antworten auf die Trickfragen finden. Doch darum geht es gar nicht. Der Weg ist das Ziel: Der Jobkandidat soll zeigen, dass er analytisch an ein Problem herangeht und sich nicht entmutigen lässt. Optimal ist: Laut denken, Schritt für Schritt vorgehen, Annahmen begründen. Wer sich dagegen über «fiese Fragen» mokiert, hat schon verloren. «Beim Brainteaser spaltet sich das Feld der Bewerber», so Experte Menden.

Einseitige Fähigkeiten

Freilich sind die Gedankenspiele ziemlich einseitig; schliesslich zeigen sie nur, wie routiniert ein Bewerber analysieren kann. Soziale Fähigkeiten fallen unter den Tisch. Kienbaum-Berater Thoma empfiehlt Firmen deshalb eher ein Arbeitstag-Assessment. Dabei wird der Bewerber mit einer realen Jobsituation konfrontiert – er kommt ins Büro, muss eine Präsentation halten, seine Agenda organisieren, ein Kundengespräch führen. «Das ist viel aussagekräftiger», meint Thoma.

Aber nicht so sexy wie ein Banker im Mixer. Deshalb hier zum Schluss ein paar mögliche Auflösungen: Der geschrumpfte Bewerber könnte sich natürlich unter den Hackmessern des Mixers wegducken. Oder die physikalische Argumentation: Bei gleichbleibender Dichte des Körpers wiegt der Minibewerber weniger als eine Briefmarke – und weht mit ein bisschen Glück aus dem Mixer heraus. Noch aus­gefeilter ist der biologische Fluchtplan: Wenn ein Organismus schrumpft, nimmt die Kraft seiner Gliedmassen unterproportional ab – deshalb können Ameisen auch so schwere Lasten tragen. Im Miniformat hat der Investmentbanker möglicherweise so starke Beine, dass er einfach aus dem Mixer herausspringen kann.

Antwort: Der Bewerber muss zunächst schätzen, wie breit und lang die Insel ist – etwa anhand der Strassenblocks (Lösung: Länge 21 km, max. Breite 3,7 km). Das ergibt die Grundfläche. Als nächstes gilt es, eine Annahme zur vertikalen Ausdehnung von Manhattan zu machen; hier bietet sich die Höhe über dem Meeresspiegel an, als zum Beispiel 20 Meter. Zum Schluss muss der Bewerber schätzen, wie schwer ein Kubikmeter Fels ist, und das gesamte Volumen der Insel mit diesem Wert multiplizieren. Hinzu kommt das geschätzte Gewicht der Gebäude.

Interview mit Thomas Achhorner, Partner und Managing Director Boston Consulting Group, Zürich

Worauf müssen sich Kandidaten einstellen, wenn Sie bei Boston Consulting im Bewerbungsgespräch sitzen?
Thomas Achhorner:
Wir wollen herausfinden, ob ein Bewerber kreativ denkt und Zusammenhänge schnell erkennt. Dazu setzen wir unter anderem Fallstudien ein: Darin wird meist ein einfaches wirtschaftliches Szenario geschildert, etwa die Kosten- und Preisstruktur eines Unternehmens. Eine typische Aufgabe bestünde dann darin, die Parameter so zu verändern, dass die Firma den Breakeven erreicht.

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Also eine Rechenaufgabe?
Natürlich gibt es Bewerber, die sich an die Tafel stellen und minutenlang Gleichungen lösen. Doch wir suchen eher Leute, die das Ganze schnell erfassen und die Antwort spontan geben.

Im Internet gibt es Lösungen zu so ­ziemlich jeder möglichen Fallstudie …
Vor allem für die klassischen Brainteaser gilt das, die sind trainierbar. Und natürlich kommt es vor, dass ein Bewerber die Fallstudie in Grundzügen kennt. Doch unsere Interviewer stellen sich darauf ein und verändern die Aufgabe dann in eine anderen Richtung.

Glauben Sie, dass sich solche Tests auch ausserhalb der Beratungsbranche ­verbreiten?
Ich denke schon. Wir beobachten derzeit zum Beispiel, dass die Schweizer Banken ihre Rekrutierung in Richtung Hochschulabsolventen ­verschieben. Gerade für solche Kandidaten-Zielgruppen sind Fallstudien ein gutes Auswahlinstrument.

Was ist Ihre persönliche Lieblingsfrage?
Darüber möchte ich natürlich möglichst wenig verraten. Nur so viel: Man muss den Blick öffnen und nach links und rechts schauen.

 

Fragen aus der Praxis: Würden Sie den Test bestehen?

  1. Ein Mann besitzt zwei Sanduhren. Die eine braucht fünf Minuten, um durchzulaufen, die andere sieben Minuten. Der Mann möchte mit den Sanduhren 13 Minuten stoppen. Wie macht er das?
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  2. Wie schwer ist Manhattan?
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  3. In einer Familie hat jeder Sohn gleich viele Schwestern und Brüder. Jede Tochter hat aber doppelt so viele Brüder wie Schwestern. Wie viele Söhne und Töchter hat die Familie?
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  4. Sie sitzen in einem Boot auf einem See und haben den Anker ausgeworfen. Wie verändert sich der Wasserspiegel, wenn Sie den Anker ins Boot holen?
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  5. Peter und seine Frau laden drei Ehepaare zum Abendessen ein. Die Leute geben sich teilweise zur Begrüssung die Hand. Später fragt Peter jede Person, wie viele Hände sie geschüttelt habe und bekommt von allen eine andere Antwort. Wie vielen Gästen gab Peters Frau die Hand, wenn man weiss, dass niemand an diesem Abend seinem ­Ehepartner, sich selbst oder mehrmals der gleichen Person die Hand gab?
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