Das Wort Kredit kommt vom lateinischen «credere» für «glauben», «vertrauen». Wer nur fest genug an die strukturierten Produkte des Investment Banking glaubt, kommt ins Bonus-Paradies. Alle anderen erleben ihr blaues Wunder und stehen mit dem Volksvermögen für das angerichtete Debakel der Credit-Suisse-Kernschmelze gerade. Der Reputationsschaden, der dem gesamten Finanzplatz an diesem geschichtsträchtigen Märzsonntag zugefügt wurde, ist heute weder beziffert noch absehbar. Hätten wir es nicht selbst miterlebt, es wäre kaum zu glauben.

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Wie können wir unsere Volkswirtschaft vor weiterem Schaden schützen? Banken spielen eine wichtige Rolle für eine prosperierende Realwirtschaft. Indem sie mit Hypotheken den Bau von Immobilien ermöglichen oder mit Firmenkrediten die Liquidität in Unternehmen sicherstellen, tragen sie unbestritten und entscheidend zur Wertschöpfung im Land bei. 

Nullsummenspiele mit Derivaten

So weit, so nachvollziehbar. Doch das Geschäft gewisser Banken beschränkt sich nicht nur auf den realen Primärmarkt, sondern erstreckt sich auch auf realitätsferne Hochrisikoprodukte wie zum Beispiel Spekulationen mit undurchsichtigen Derivaten. Mit einigen Mausklicks beteiligt man sich an absurden Wetten mit Geld, das real noch nicht einmal vorhanden ist. Von Wertschöpfung ist hier keine Rede mehr, es geht nur noch ums Spiel: Darum, wer gewinnt – und wer die Zeche bezahlt. Die desaströse Subprime-Krise von 2007 hätte als abschreckendes Beispiel genügen können. 

Doch der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spielt, hiess es einmal. Allerdings sind nicht alle Spiele des Menschen unschuldig. Was im Casino gespielt wird, fällt in der Schweiz unter das Geldspielgesetz. Seriöse Finanzinstitute werden sich von Spielen fernhalten, die nur auf virtuelle Wertsteigerung abzielen, wenn man rechtzeitig aussteigt. Und wenn aus Gründen des Risikomanagements doch mitgespielt wird, dann bitte nur in einer Dosis, die keine Vergiftung anrichten kann.

Vorbild Nutri-Score

Hierfür sollten die Banken die Wirkung einer Anlage nachvollziehbarer ausweisen müssen. Dies analog zu den Nutri-Scores auf Lebensmitteln, deren Nährwert als fünfstufige Farbskala von A bis E dargestellt wird. Das dunkelgrüne A steht für einfach nachvollziehbare, realwirtschaftlich direkt wirksame Produkte; das rote E für Produkte, die derart komplex sind, dass sich ihrer (Aus-)Wirkungen einer realen Nachvollziehbarkeit entziehen.

So würde auf einen Blick ersichtlich, ob ein getätigtes Investment eher bekömmlich sein wird oder ob es zu unerwünschten Komplikationen und Nebenwirkungen führen könnte. Damit stünden auch transparent informierte Kundinnen und Kunden stärker in der Verantwortung. Ob die Deklarationen korrekt erfolgen, wäre von der Finanzmarktaufsicht zu prüfen.

Mit einer Interpellation will ich vom Bundesrat wissen, ob er bereit wäre, zusammen mit der Branche einen Realwirtschaftsindikator für Produkte und ganze Finanzunternehmen zu entwickeln. Oder ob er allenfalls alternative Ansätze sieht, wie die Finanzmarktkundschaft über die Wirkung der Geschäftsmodelle von Finanzinstituten transparent aufgeklärt werden kann.

Die Politik hat die Aufgabe, die Allgemeinheit vor Schaden zu bewahren. Und sowohl in Politik als auch im Finanzmarkt gilt: «Street credibilty» geniesst, wer den Grundsatz «Keep it real» befolgt.

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Karin Bosshard, Chefredaktorin von HZ Banking, und ihr Bankenexpertenteam liefern Ihnen die Hintergründe zu Themen, welche die Schweizer Bankenszene bewegen. Jeden Tag (werktäglich) in Ihrem E-Mail-Postfach. Jetzt anmelden und unseren exklusiven Guide zu Lohn- und Vergütungsfragen erhalten.
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