Seit 110 Jahren kennt man die Krankheit, die der deutsche Arzt Alois Alzheimer 1906 erstmals beschrieb. Seit 110 Jahren suchen Ärzte und Wissenschaftler nach einem Mittel gegen die Krankheit des Vergessens – bis heute mit geringem Erfolg. Alzheimer ist nach wie vor nicht heilbar, man weiss nicht genau, was die Krankheit auslöst, mit Medikamenten lässt sie sich höchstens aufhalten – um vielleicht ein bis zwei Jahre. Laut dem Wirtschaftsdienst Bloomberg sind nicht weniger als 190 Medikamente in der entscheidenden Phase des Tests am Menschen gescheitert. Die Wissenschaft spricht gar von einem «Friedhof der Pharmaforschung» («Handelsblatt»).

In hohem Masse altersabhängig

Dabei wird das Thema in Zukunft nur noch relevanter: 119'000 Menschen sind in der Schweiz an Demenz erkrankt – bis 2050 werden es über 300'000 sein. Grund sind die steigende Lebenserwartung und die stetige Alterung der Bevölkerung. Alzheimer ist in hohem Masse altersabhängig: Liegt der Anteil Demenzkranker in der Altersgruppe der 65- bis 69-Jährigen noch bei knapp über einem Prozent, ist in der Altersgruppe der 85- bis 89-Jährigen schon jeder Vierte betroffen, bei den über 90-Jährigen gar jeder Dritte.

Die Krankheit ist ein weltweites Phänomen. 10,5 Millionen Demenzkranke gibt es laut dem World Alzheimer Report in Europa, 9,4 Millionen in den USA, 22,9 Millionen in Asien, 4 Millionen in Afrika. 2050 werden es nach Schätzungen fast dreimal so viele sein. Weil praktisch alle Patienten über kurz oder lang Pflegefälle werden, wird das Gesundheitssystem einer enormen Belastung ausgesetzt sein.

2015 beliefen sich die Kosten für Alzheimer in der Schweiz auf rund fünf Milliarden Franken, weltweit auf über 800 Milliarden Dollar. Ganz abgesehen von den Kosten birgt die Krankheit enormes Leid für die Betroffenen und deren Angehörige, gehen Demenzkrankheiten doch oft mit Persönlichkeitsveränderungen einher, an deren Ende die Patienten die Selbständigkeit und oft auch die Würde verlieren.

Aus Angst vor einer solchen persönlichen Zukunft hat etwa der deutsche Industrielle und Ex-Playboy Gunter Sachs 2011 im Alter von 78 Jahren Suizid begangen. «In den letzten Monaten habe ich durch die Lektüre einschlägiger Publi­kationen erkannt, an der aussichtslosen Krankheit A. zu leiden», schrieb er in seinem Abschiedsbrief. «Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten.»

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Gefährliche Selbstdiagnosen

Ärzte warnen allerdings dringend vor Selbstdiagnosen, weil es andere Krankheiten mit ähnlichen Symptomen wie Alzheimer gibt, etwa Altersdepressionen. Sachs ist nur eine von vielen bekannten Persönlichkeiten, die von der Krankheit betroffen waren oder sind. Ronald ­Reagan, US-Präsident von 1981 bis 1989, bekannte sich 1994 im Alter vom 83 Jahren zu seiner Krankheit, er starb 2004. Weitere prominente Betroffene sind etwa die deutsche Fussball-Legende Gerd Müller, Weltmeister von 1974, oder der 2003 verstorbene Hollywood-Schauspieler Charles Bronson.

Alzheimer und Demenz werden fälschlicherweise oft gleichgesetzt. Demenz ist der Name für das medizinische Syndrom, das durch zunehmende Defizite bei den geistigen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Es kommt vom lateinischen «de mens» – etwa: ohne Verstand.

Degenerative Veränderung des Gehirns

Die Alzheimer-Erkrankung ist zwar für rund 60 Prozent aller Fälle von Demenz verantwortlich, aber es gibt auch andere Ursachen. Zu diesen gehören vor allem Gefässerkrankungen, die vaskuläre Demenzen zur Folge haben. Oft gibt es Mischformen – fast alle alten Patienten mit Alzheimer haben auch Gefäss­veränderungen. Dazu kommen seltene Demenzen wie jene infolge der Creutzfeldt-­Jakob-Krankheit, als Begleiterscheinung von Hirntumoren oder infolge exzessiven Alkoholmissbrauchs (Korsakow-Syndrom).

Die Alzheimer-Demenz ist gekennzeichnet durch eine degenerative Veränderung des Gehirns, in deren Verlauf sich giftige Eiweissablagerungen – sogenannte Amyloide – bilden. Diese Gehirnplaque entdeckte der Namensgeber der Krankheit, als er eine 55-jährige Patientin, die an auffallender Vergesslichkeit litt, nach ihrem Tod untersuchte und im aufgeschnittenen Gehirn eine gelbliche Masse fand.

Schädliche Eiweisse

Im menschlichen Organismus laufen viele Prozesse nach dem Prinzip von Produktion und Abbau ab. Bei Alzheimer funktioniert der Abbau der produzierten schädlichen Eiweisse nicht mehr genügend, wodurch sich diese im Gehirn ansammeln.

Warum das Gehirn überhaupt Amyloid produziert, weiss man nicht. Viele Forscher gehen davon aus, dass es einfach nur ein Abfallprodukt des Gehirns ist. Es gibt aber auch Ansätze, die davon ausgehen, dass es ursprünglich für die Abwehr von Mikroben eine Rolle spielte.

Bis heute ist das Amyloid der wichtigste Ansatzpunkt der Wissenschaft im Kampf gegen die Alzheimer-Erkrankung. Viele der heute auf dem Markt befindlichen Medikamente greifen hier an, indem sie die Ablagerungen reduzieren oder aus dem Gehirn entfernen sollen. Sie wirken aber, wie gesagt, nur bescheiden – sie erlauben nur zeitliche Verzögerungen des Abbaus der kognitiven Fähigkeiten.

Auf neuen Wegen zum Erfolg

Doch die Wissenschaft hat den Kampf noch nicht aufgegeben. Neue Ansätze werden verfolgt, einige mit durchaus vielversprechenden Ansätzen. Wobei allerdings gesagt werden muss, dass in der Vergangenheit die Erwartungen zuletzt doch immer wieder enttäuscht wurden.

An der Universität Zürich wird unter dem renommierten Hirnforscher Roger Nitsch versucht, auf einem neuen Weg zum Erfolg zu kommen. So konzentrieren sich Nitsch und seine Leute nicht auf die festen Amyloid-Ablagerungen, sondern auf Ketten von Amyloid-Molekülen.

Die Zürcher Forscher haben sich dafür mit dem US-Unternehmen Biogen zusammengetan und einen Wirkstoff namens Aducanumab entwickelt, der in einer Studie bei Patienten mit leichter Demenz die Amyloid-Plaques vollständig abbaute und so den Prozess des Nachlassens der geistigen Fähigkeiten verlangsamen konnte.

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Noch sind einige Probleme nicht gelöst, so gibt es Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen. Ob dieser Wirkstoff am Ende zudem wirklich hält, was er verspricht, bleibt abzuwarten.

Andere Forscher, etwa jene des Pharmagiganten Johnson & Johnson, nehmen ein anderes Molekül ins Visier: Tau, ebenfalls ein Eiweiss, das sich bei Alzheimer-Patienten im Gehirn ausbreitet. Viele Forscher sehen in diesem Eiweiss den eigentlichen Auslöser der degenerativen Veränderungen, nicht das Amyloid. Die stellvertretende Forschungschefin von Biogen hat das eingängige Bild gebraucht, dass Tau wohl der Killer der Nervenzellen sei, Amyloid aber die Waffe dazu.

Gewichtige Nebenwirkungen

Was den Wissenschaftlern zu Hoffnung Anlass gibt, ist die Tatsache, dass sich Tau langsamer bildet als Amyloid und sich auch weiter ausbreitet, wenn man schon Symptome hat, man also in einer weitaus späteren Phase als bei Amyloid eingreifen kann und immer noch Fortschritte erzielt.

Heute sind die Pharmaforscher zweigleisig unterwegs. Während die einen – nebst Biogen auch Eli Lilly, AstraZeneca, Merck und Roche (mit ihren Wirkstoffen Gantenerumab und Crenezumab) – auf das Amyloid losgehen, setzen nebst Johnson & Johnson auch TauRx Pharmaceuticals und AbbVie auf den Kampf gegen Tau. Welcher Ansatz das Rennen machen wird, ist offen. Allerdings sind die Tau-Forscher, was die Studiendichte betrifft, gegenüber den Amyloid-Forschern mehr als ein Jahrzehnt hintendrein.

Ein Problem beschäftigt fast alle Forscher: Viele Medikamente aus dem Feld der Alzheimer-Forschung zeigen gewichtige Nebenwirkungen, und dies oft schon bei relativ niedriger Dosierung.

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Medikament hätte enormes Potenzial

Bis heute ist Alzheimer eines der wenigen «unmet medical needs», also Krankheitsfelder, für die es keine Behandlung gibt. Selbst die in den letzten Jahren so starke Genforschung, die etwa die Krebsbehandlung nach vorne katapultierte, hat hinsichtlich Alzheimer nicht zu einem Quantensprung geführt.

Dass die Pharmagiganten trotz den zermürbenden Misserfolgen der Vergangenheit am Ball bleiben werden, liegt wohl vor allem am enormen Potenzial, das ein wirksames Medikament in einer Zukunft mit exponentiell wachsender Altersbevölkerung verspricht.

Genetische Disposition

Doch das Grundproblem ist, dass man bis heute nicht weiss, was der eigentliche Auslöser der Krankheit ist. Es gibt zwar gewisse genetische Dispositionen, die offenbar eine Rolle spielen, aber klar nachgewiesen sind sie nur für eine der seltenen Ausprägungen von Alzheimer in sehr jungen Jahren.

Die Erkenntnisse dazu basieren unter anderem auf Studien besonderer Bevölkerungsgruppen, in denen Alzheimer in jungen Jahren gehäuft vorkommt. So leidet in gewissen Dörfern nahe der kolumbianischen Stadt Medellín jede zweite Person an Alzheimer, und nirgends auf der Welt werden die Betroffenen im Schnitt so jung krank, viele sind erst 30 Jahre alt. Die genetische Besonderheit ist, über viele Generationen zurück, auf eine einzige Person zurückzuführen, einen spanischen Eroberer.

Schwierige Forschungslage

Die jüngste Person, bei der Alzheimer diagnostiziert wurde, erkrankte mit 27 Jahren und starb sechs Jahre später. Die durchschnittliche Lebenserwartung nach einer Alzheimer-Diagnose liegt bei sieben bis zehn Jahren.

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Bei den Patienten in höherem Alter, die überall in der Welt klar den Grossteil aller Fälle ausmachen, ist die Forschungslage einiges schwieriger. Klar ist, dass es Lebensgewohnheiten gibt, die die Krankheit befördern, wie etwa Rauchen, oder sie hemmen, wie etwa Sport oder Kaffeegenuss. Doch auch wenn sich die Effekte dieser Verhaltensweisen nachweisen lassen, so weiss man doch nicht in allen Fällen, wie genau sie im Gehirn wirken.

Frauen häufiger betroffen

Auch hormonelle Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen. Frauen sind deutlich stärker von Alzheimer betroffen als Männer. Nicht nur erkranken sie häufiger – nach 65 Jahren ist das Risiko für Frauen, daran zu erkranken, doppelt so hoch wie bei Männern –, die Krankheit schreitet ausserdem schneller voran.

Auch hier gibt es über die Gründe zwar Theorien, aber keine allgemein gültigen Erkenntnisse. Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen scheint eine Rolle zu spielen. Dieses wirkt wie eine Art Schutzmechanismus für die Verbindungen zwischen den einzelnen Nervenzellen. Sinkt der Hormonspiegel nach der Menopause, nimmt dieser Schutz ab – die Krankheit kann sich leichter ausbreiten.

Unaufhaltsames Sterben

Für Männer wie Frauen gilt: Bricht die Krankheit einmal aus, sterben unaufhaltsam Nervenzellen ab, eine nach der anderen, Tag für Tag, Jahr für Jahr. In einem fortgeschrittenen Stadium können so bis zu 20 Prozent aller Hirnzellen absterben, zudem sind auch die restlichen 80 Prozent beeinträchtigt, wird doch die Kommunikation zwischen den noch bestehenden Zellen nach und nach stärker behindert. Die Schäden sind irreversibel.

Nach mehrjähriger Krankheit ist zerstört, was einen Menschen in seinem Innersten ausmacht: seine Persönlichkeit, sein Gedächtnis, seine Emotionen. Für die Betroffenen ein Kampf gegen die Zeit, den die Krankheit Alzheimer bislang allzu leicht gewinnen konnte.

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