Es gab diese Momente, in denen Ingrid Krauss an der grossen Idee ihres Sohnes zweifelte. Etwa als sie 2013 mit ihrer erwachsenen Tochter Tanja über die Autobahn fuhr und in die Busse der Konkurrenzmarke MeinFernbus blickte, die waren «meistens gut besetzt», erzählt sie. «Die von FlixBus waren nicht so voll.» Da hätten sich die beiden Frauen vielsagend angeschaut, voller Sorgen.

Fast sieben Jahre später sitzt die 67-Jährige in der neuen Nürnberger FlixBus-Niederlassung: dunkle Jeans, dunkler Blazer, selbstbewusster Haarschnitt. Die dreifache Mutter blickt auf ein bewegtes Arbeitsleben zurück, hat als Flugbegleiterin bei der Lufthansa gejobbt, für Messen hostiert, in der Firma ihres Exmannes angepackt. Neben ihr hockt Daniel, ihr 36-jähriger Sohn, dem sie bis zu diesem Tag nichts von den Zweifeln erzählt hatte – auch weil sie ihren Glauben an ihn nie wirklich erschütterten. «Wenn es schieflaufen sollte, da war ich mir sicher, würde er auch wieder was anderes finden», sagt sie. Es lief nicht schief.

Die Firma, die Daniel Krauss 2011 mit André Schwämmlein und Jochen Engert gegründet hat, ist heute deutlich mehr als eine Milliarde Euro wert. FlixMobility gilt als Europas erfolgreichstes Mobilitäts-Start-up und ist auch in der Schweiz aktiv.

Das ist sein Erfolg. Aber wie viel von seinem unternehmerischen Mut verdankt einer wie Krauss seiner Erziehung, seiner Mutter? Und was lässt sich von den Eltern anderer Gründer lernen, dem Vater von Bill Gates oder der Mutter von Elon Musk?

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Parallelen in der Erziehung

Die Frage nach der erfolgreichsten Art der Erziehung beschäftigt Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Manche Eltern mögen danach streben, ihre Kinder zu besonders mitfühlenden, ehrlichen oder intelligenten Wesen zu formen. Andere wünschen sich schlicht, diese mögen eines Tages glücklich werden oder einen Familiensinn entwickeln. Für viele aber bedeutet Erfolg: Reichtum, Einfluss, Unabhängigkeit. Eben: Unternehmertum.

Der Blick auf die Vita von Gründern zeigt allerlei Ähnlichkeiten. Viele haben an guten Universitäten studiert, sie entstammen häufig selbst materiell gut abgesicherten Familien. Aber auch in ihrer Erziehung finden sich Parallelen: Viele sind in einem Umfeld aufgewachsen, in dem sie sich ausprobieren und Grenzen austesten konnten oder sie mitunter sogar einreissen mussten. Wer die Lebensaufgabe seines Nachwuchses in der Millionengründung vermutet, dem raten Experten: Weckt den Rebellen im Kind!

Erziehung ist nicht alles. Nicht jeder Gründer hat weitere Gründer unter seinen Geschwistern. Daniel Krauss’ Halbschwester etwa promoviert in der Krebsforschung, sein Halbbruder ist Spartenleiter beim deutschen mittelständischen Hersteller von Schutzkleidung und Sportbrillen Uvex. Das Unternehmergen aber ist angelegt. Gründer sind eher extrovertiert, kreativ, gewissenhaft, emotional stabil, nicht allzu angepasst, nicht allzu brav. «Und diese Eigenschaften stecken bis zu einem gewissen Teil in uns drin», sagt Martin Obschonka, Wissenschaftler am Centre for Entrepreneurship Research an der Universität Queensland in Brisbane. Doch damit aus diesen Anlagen ein Unternehmer wird, komme es auch auf eine frühe Förderung an. Und auf Vorbilder, die den Unternehmergeist gewissermassen wecken.

William H. Gates, Sr. and his son Bill Gates, chairman and chief software architect of Microsoft, are introduced during a lecture at the University of Washington in Seattle Friday, May 4, 2001. The lecture followed a groundbreaking for the university's new law school facility, William H. Gates Hall, named after the senior Gates, a school alumnus. (AP Photo/Andy Rogers)

Bill Gates Senior, Vater des Microsoft-Gründers Bill Gates: «Er hat so viel gelesen, dass Bills Mutter und ich eine Regel einführen mussten: Keine Bücher am Esstisch.»

Quelle: Keystone
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Ingrid Krauss sagt: «Ich habe Grenzen gesetzt, aber sehr weit gesteckte.» Daniel habe «eine ideale Kindheit» gehabt. Er durfte in der Natur toben, Musik machen, Computerspiele zocken und auch mal «viel Mist fabrizieren». Früh baute er Raumschiffe aus Lego, mit acht Jahren trommelte er wie wild auf dem Schlagzeug, als Neunjähriger begann seine Leidenschaft für Computer. Auf einem nahen Fluss baute er Flösse aus Paletten und Kanistern. Er bekam Computerverbot, als er seine sechs Jahre jüngere Schwester mitnahm, die nicht schwimmen konnte und ins Wasser fiel. «Das war eine drakonische Strafe», sagt Daniel Krauss heute.

Panda vs. Tiger

Ob Gründer oder nicht, ein festes Wertegerüst mit klaren Grenzen ist das Fundament, auf dem jede gelingende Erziehung aufbaut. So erklärt es auch Esther Wojcicki. Die Pädagogin ist eine Art Supermama des Silicon Valley: Ihre älteste Tochter Susan hat es zur YouTube-Chefin gebracht, ihre jüngste, Anne, hat das Biotechunternehmen 23andme gegründet. Im vergangenen Jahr hat Wojcicki ihre Erziehungsmethoden in einem viel beachteten Buch festgehalten. Es ist ein Plädoyer für die Panda-Mom, eine «liebevolle Mutter, die weiss, dass Scheitern zum Lernen dazugehört und Loslassen über den Erfolg ihrer Kinder entscheidet», wie die 79-Jährige schreibt.

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Susan Wojcicki, Esther Wojcicki, Anne Wojcicki - The Commonwealth Club of California's 110th Anniversary and 25th Annual Distinguished Citizen Award Dinner held at the Plaza Hotel, San Francisco, California, on April 10, 2013. (Photo by Vasna Wilson/Drew Altizer/ddp/Sipa USA)

Esther Wojcicki, Mutter der YouTube-Chefin Susan (links) und der 23andMe-Gründerin Anne Wojcicki: «Ich vertraute ihnen, sie vertrauten mir. Ich habe ihre Individualität von Beginn an respektiert.»

Quelle: ddp/Drew Altizer/Sipa USA

Der Gegenentwurf zur Tiger-Mom, die die chinesisch-amerikanische Juristin Amy Chua 2011 in einem nicht weniger beachteten Buch skizziert hatte: eine Mutter, die ihre Kinder mit Disziplin, Kontrolle und Drill zu Höchstleistungen treibt. Die Methode von Wojcicki sei das ideale Umfeld für Gründer, betont Psychologe Obschonka: fordernd, aber warmherzig und unterstützend. Das so entwickelte Selbstbewusstsein stärke die Widerstandskraft. Als Kind einer Tiger-Mom stecke man dagegen später Rückschläge nur schwer weg, sehe in ungewissen Situationen eher Bedrohung als Chance.

Der Vater des Microsoft-Gründers Bill Gates erzählte einst, dass er der Begeisterung seines Sohnes für Bücher eine Grenze setzen musste: keine Bücher am Abendbrottisch. Auch Elon Musk, der Tesla-Gründer, hatte eine strenge, aber warmherzige Mutter: So wie sie selbst schon als Kind Werbezettel für die Praxis ihres Vaters verteilt hatte, liess sie auch ihre Kinder in ihrer eigenen Praxis für Ernährungsberatung mit anpacken. «Kinder müssen nicht vor der Verantwortung in der Realität geschützt werden», schrieb Maye Musk in einem Beitrag für CNBC.

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BEVERLY HILLS, CA - FEBRUARY 26: Maye Musk and Elon Musk attend the 2017 Vanity Fair Oscar Party hosted by Graydon Carter at Wallis Annenberg Center for the Performing Arts on February 26, 2017 in Beverly Hills, California. (Photo by JB Lacroix/WireImage)

Maye Musk, Mutter von Elon Musk, der PayPal, Tesla und SpaceX gegründet hat, dessen Bruder Kimbal und Schwester Tosca: «Ich habe ihre Hausaufgaben nicht kontrolliert. Das war ihre Verantwortung.»

Quelle: WireImage

Kultur einer Region fördert Unternehmergeist

Bei Anne und Susan Wojcicki dürfte neben all der Pandahaftigkeit ihrer Mutter auch ein schlichter geografischer Fakt von Bedeutung gewesen sein: Sie wuchsen auf dem Campus der Universität Stanford auf. In der Garage der Familie machten die Google-Gründer aus ihrer Suchmaschine ein Geschäft.

Gerade im Silicon Valley, sagt Psychologe Martin Obschonka, lasse sich gut beobachten, wie die Kultur einer Region Unternehmergeist fördere. «Wenn einem jeder in der Bar von seinen Start-up-Plänen erzählt, dann stachelt das auch diejenigen an, die gar nicht so sehr die typische Veranlagung mitbringen.» Ganz anders sei das in alten Kohle- und Industrieregionen wie dem Ruhrgebiet, die Obschonka ebenfalls untersucht hat. «Die Daten zeigen eindrucksvoll, dass dort heute eine weniger ausgeprägte unternehmerische Kultur herrscht.»

FlixBus-Gründer Daniel Krauss wuchs in einer ländlichen Gegend bei Nürnberg auf. Sein Onkel hatte eine Übersetzungsfirma und nahm ihn in den Ferien mit ins Büro. Sein Stiefvater, der ihm den ersten Computer geschenkt hat, war Bauunternehmer. Mit Freunden traf sich Krauss zu LAN-Partys im Keller. Mutter Ingrid wäre es «lieber gewesen», er hätte gelesen oder gemalt.

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Wilde Jugend von Vorteil

Dabei sei der klassische Bildungskanon, wie Obschonka betont, gar nicht so wichtig für den Gründergeist. Vor sieben Jahren hat er die Vita von 1000 schwedischen Schülern über einen Zeitraum von 40 Jahren ausgewertet. Unter denjenigen, die mal abgeschrieben oder gekifft hatten und abends später als erlaubt nach Hause kamen, waren mehr Gründer als unter denen, die sich stets an alle Regeln gehalten hatten. «Ein gewisses Rebellentum in der Jugend, nicht aber zu starkes antisoziales Verhalten» sei eine ganz gute Voraussetzung für einen Entrepreneur.

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Auch FlixBus-Gründer Krauss spielte in seiner Jugend lieber Schlagzeug und feierte Partys, statt Lateinvokabeln zu pauken. Die Zeit, sagt seine Mutter heute, sei nicht immer einfach gewesen. Anfangs war Daniel ein Überflieger in der Schule, mit Latein ging es bergab. «Daniel war faul», sagt seine Mutter mit einem Lächeln. Damals schickte sie ihren Sohn auf ein Internat. «Aber er hat dort rebelliert. Nach acht Wochen musste ich ihn wieder zurückholen.» Statt in den Unterricht ging Daniel zu Saturn und Media Markt, um Computer zu spielen. Er widersetzte sich so lange, bis er auf die Realschule durfte. «Für mich waren Schulabschlüsse, Noten oder Karriere damals nicht so wichtig», erinnert er sich.

Viel bedeutender war für ihn ein Sofa, das ihn in seiner Heimat legendär machte. Auf dem Firmengelände seines Stiefvaters platzierte Krauss es vor einer Lagerhalle und vertrödelte darauf als Pubertierender mit Freunden die Zeit. Nach und nach seien «immer mehr Menschen gekommen», so Krauss. «Dann haben wir Partys gefeiert – bekannt als das ‹Popsofa›.»Regelmässig kam die Polizei. «Meine Mutter hat das alles ertragen.»

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Wendepunkt im Leben

Kurz darauf folgte der Schritt, den Krauss heute als entscheidend für seinen Erfolg betrachtet. Nach ihrer Scheidung zog Ingrid Krauss mit zwei Kindern nach Nürnberg. Und Daniel baute einen Kontakt auf, der alles veränderte: zum neuen Nachbarn. «Ein ziemlicher Nerd, cooler Typ», erinnert sich Krauss. Und Mitarbeiter bei Siemens. Dem damals fast 16-jährigen Daniel besorgte dieser 1999 einen Ferienjob in der dortigen IT-Abteilung. «Ich habe in dem Moment verstanden, dass ich das, was ich sonst immer nur spielerisch gemacht habe oder teilweise sogar aus Protest, im IT-Umfeld einsetzen kann. Mit einem echten Ziel», sagt Krauss. Es sei «der Wendepunkt» seines Lebens gewesen. Bei FlixMobility verantwortet er heute die IT.

Seine Mutter ist ein Anker in seinem Leben geblieben – und sie war seine erste Investorin. 2011 war das, Daniel brauchte Geld für das Grundkapital der Firma, mehrere tausend Euro. Den Betrag habe sie selbstverständlich gegeben, erinnert sich Ingrid Krauss. Weil sie an das Business und an ihren Sohn glaubte. «Ich habe zu Daniel gesagt: ‹Mach es: Wenn nicht jetzt, wann dann?›»

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