Schaden kann es nicht: Das war der erste Gedanke vieler kleiner und mittelgrosser Schweizer Betriebe, als sie vor wenigen Jahren den Schritt ins Internet wagten. Weder professionelle Beratung noch eine Webagentur standen dem ersten Internetauftritt Pate. Der Einstieg ins World Wide Web entstand vielerorts in der Bastelstube. Ein einfaches Programm für ein paar Hundert Franken aus dem Computerladen reichte. Der Sohn des Firmenbesitzers werkelte dann an der firmeneigenen Homepage. An einen Nutzen dieser Bastelei glaubten damals noch wenige. Heute, im Sommer 2000, ist E-Commerce der Medien- Dauerbrenner, Tops und Flops der Internetbranche füllen Titelseiten. Das Institut für Informatik der Universität Freiburg hat in Zusammenarbeit mit der Unternehmensberatung KPMG eine detaillierte Studie zum Thema Internet und E-Commerce in der Schweiz vorgelegt. Fazit: Electronic Business ist das Top-Thema in der Schweizer Wirtschaft geworden. Dabei sind nicht nur Grossfirmen wie Credit Suisse oder Migros auf den E-Zug aufgesprungen. Mehr als 75 Prozent der kleinen und mittelgrossen Betriebe verbreiten ihre Kundeninformationen in der elektronischen Welt, finden neue Absatzmärkte und generieren – oft auch zum eigenen Erstaunen – sogar noch Umsatz. Webauftritte verhelfen den Unternehmen, so die Studie, nicht in erster Linie zu mehr Gewinn; der Nutzen des eigenen Internetauftritts ist allerdings unbestritten. Die Präsenz im Web fördert den Absatz und hilft, Kunden zu binden. Die Firma Heiniger in Herzogenbuchsee, Hersteller für Schaf- Schurgeräte, findet dank dem Internet in Saudiarabien und Estland Importeure für ihre Produkte. Neue Webkunden findet die Churer Firma ACG, die Software für Beleuchtungs- und Belüftungssysteme in Tunnels herstellt. «Durch unseren Internetauftritt können wir unsere Produkte möglichen Kunden einfacher und schneller präsentieren», sagt Hanspeter Nay, Geschäftsführer der ACG. «Als Unternehmen mit acht Mitarbeitern konkurrenzieren wir dank dem Internet Firmen wie Siemens oder ABB. Auf dem Netz sind wir alle gleich. Denn eine Internetsuchmaschine spuckt neben den Adressen der Grossen auch unsere aus, weil wir dieselben Produkte anbieten.» Ein weiterer Vorteil für Nay: «Durch unseren Internetauftritt konnten wir unsere Marketingkosten um 30 Prozent senken.» Die Reduktion der Marketingkosten, verbesserte Konkurrenzfähigkeit gegenüber Grossfirmen, schnellere Kundenbindung: Die Vorteile des Internets greifen auch in der Schweiz; mehr als drei Viertel aller Unternehmen nutzen hier zu Lande bereits das Internet für die elektronische Post, mehr als die Hälfte aller Unternehmen in der Schweiz besitzt schon einen eigenen Internetauftritt oder plant den Zugang zum Web noch in diesem Jahr, fanden die Analysten der E-Commerce- Szene Schweiz heraus. Der Zugang zum Netz führt zu neuen Geschäftsmodellen: Beispielsweise für die Firma GeneData in Basel stellt das Internet das eigentliche Nervenzentrum des Unternehmens dar. Neben Softwareprodukten für die wissenschaftliche Forschung bietet die Bioinformatik-Firma übers Web den Zugang zum eigenen Hochleistungs- Rechenzentrum an. Kunden wie Novartis, Byk Gulden oder Zeneca Agro haben so online Zugriff auf eine DNA-Datenbank oder auf Programme zur Auswertung von Sequenzanalysen von Genen. Geschäftsführer Hugo Flühler will noch dieses Jahr Gewinne erwirtschaften. Im Zuge dieser Entwicklung zeigt die Internet- und E-Commerce-Studie, dass Firmen ab einer bestimmten Grösse kaum mehr ohne eigene IT-Abteilung auskommen. Trotzdem verzichten in der Schweiz immer noch 30 Prozent aller Unternehmen gänzlich auf den Einsatz von Informationstechnologien. Mit Blick auf die jeweilige Branche haben Informatikfirmen am meisten eigene Webseiten, gefolgt vom Grosshandel, von Versicherungen und Banken. Im Jahr 2000 wird der Grosshandel im Internet mit 16 Prozent am stärksten wachsen, während Einzelhandel und Industrie die Schlusslichter bei der Internetnutzung bilden. Wenig Konkurrenz im Einzelhandel verhilft den Machern der Vorzeigeplattform Le Shop (Anteile halten Beat Curtis Bon-appétit-Gruppe, die Investmentbank Morgan Grenfell und der Firmengründer Alain Nicod) zu rosigen Zukunftsaussichten. «Unser Umsatz steigt monatlich um 20 Prozent. Mitte des nächsten Jahres werden wir die Gewinnzone erreichen», sagt Christian Wanner, Marketingchef von Le Shop. Mit dem Durchbruch rechnet auch Le-Shop-Gründer Alain Nicod: «In fünf bis zehn Jahren werden rund zehn Prozent aller Lebensmittel übers Web verkauft.» Für das prognostizierte Wachstum möchte Le Shop gewappnet sein: Die Zahl der Mitarbeiter soll auf 100 aufgestockt werden. Mit Blick auf den weiteren Ausbau sei für das Jahr 2001 ein Börsengang oder eine weitere Privatfinanzierung geplant. Dank dem Siegeszug des Internets hat im letzten Jahr nicht nur die Zahl der User zugenommen, auch die Informatikabteilungen wurden massiv mit Mitarbeitern aufgestockt: Die Anstellungsrate von Personen, die einen professionellen Umgang mit dem Internet pflegen, hat exponentiell zugenommen. Das Berufsbild des Informatikers hat sich im Laufe dieser Entwicklung verändert: Gesucht werden heutzutage nicht nur Programmierer oder Netzwerktechniker, sondern auch Webmaster, Webpublisher, Webdesigner und Grafiker sind gefragte Leute auf dem Arbeitsmarkt. Dieser Trend spiegelt sich auch in den Aufwendungen im IT-Bereich wider: 1999 betrugen die Informatikausgaben in der Schweiz rund 19 Milliarden Franken, das sind immerhin 2 Milliarden mehr als im Jahr zuvor. Trotz den grossen Aufwendungen sind die Erträge im Electronic Business noch immer sehr bescheiden. Gemäss der Internet- und E-Commerce-Studie ist der Umsatz, der durch elektronische Geschäfte erzeugt wurde, mit zwei Prozent, gemessen an den Jahresumsätzen der Unternehmen, ziemlich bescheiden. Besserung ist allerdings in Sicht: Immerhin haben im letzten Jahr elf Prozent aller Unternehmen mit E- Business Gewinn erwirtschaftet. Und praktisch alle Unternehmen, die bereits 1999 einen Umsatz mit elektronischen Geschäften erzielt haben, erwarten auch für das Jahr 2000 Gewinnzuwachs, der mit vier Prozent allerdings etwas bescheiden ausfallen wird. Gewinn- und Umsatzsteigerung standen gemäss den Untersuchungen in erster Linie bei Banken und Versicherungen, beim Grosshandel und bei den Industriebetrieben im Vordergrund. Von den Unternehmen, die eine Umsatzsteigerung in diesem Jahr erwartet haben, konnten allerdings nur wenige die angestrebten Ziele auch wirklich erreichen. Nur bei der raschen Auftrags- und Geschäftsabwicklung sind die an der Studie beteiligten Firmen mit den erreichten Zielen zufrieden. Die Buchhandlung Rösslitor in St. Gallen konnte dank Bestellungen übers Web ihren mittels Internet generierten Umsatz im letzten Jahr verdoppeln. Gemessen am Gesamtumsatz, beträgt der übers Web erwirtschaftete Umsatz durch die beiden Domains roesslitor.ch und buecher.ch knapp fünf Prozent. Geschäftsführer Martin Brühwiler ist trotzdem im Grossen und Ganzen mit seinem Internetbuchladen zufrieden: «Wichtiger als der Umsatz sind für uns die Kundenbindung und eine schnelle Geschäftsabwicklung. Wir haben gegen 10 000 Besucher im Monat. Doch das Internet ist immer noch zu langsam. Der Druck zum Besserwerden bleibt.» Die meisten der befragten Unternehmen in der Schweiz glauben an ein erfolgreiches E-Geschäft. Der wichtigste Faktor wird im Datenschutz gesehen: Datensicherheit, das Entwickeln zuverlässiger und sicherer Informatiklösungen und das gegenseitige Vertrauen der Geschäftspartner und Kunden sind die Schlüsselfaktoren im Electronic Business. 94 Prozent aller befragten Firmen bewerten die Datensicherheit als wichtig, 93 Prozent bezeichnen das Schaffen einer Vertrauensbasis als wichtigstes Erfolgskriterium überhaupt. «Mit Blick auf die weltweite Vernetzung überrascht dieses Ergebnis nicht», sagt Andreas Meier, Professor am Institut für Informatik an der Universität Freiburg und Projektleiter der Internet- und E-Commerce-Studie, «beide Faktoren sind eng miteinander verbunden. Sind die Sicherheitsprobleme erst einmal gelöst, wird sich das Vertrauen gegenüber Geschäftspartnern oder Kunden von selbst einstellen.» Als die grössten Hindernisse bei der Realisierung elektronischer Geschäfte betrachten die meisten der befragten Firmen fehlende Mitarbeiter, technische Probleme und unausgereifte Software. Interessanterweise werden Konflikte mit den klassischen Distributionswegen wie die Kannibalisierung der eigenen Absatzkanäle als unproblematisch betrachtet. Ebenso wenig sehen die meisten der befragten Unternehmen Schwierigkeiten im Fehlen von gesetzlichen Regelungen, die elektronische Dokumente als rechtsgültig anerkennen würden. Andreas Meier ist davon überzeugt, dass E-Commerce in der Schweiz Zukunft hat. «Entgegen vielen Aussagen konnte mit der Internet- und E-Commerce-Studie gezeigt werden, dass wir gegenüber dem europäischen Raum im E-Business nicht hintenan stehen. Diente das Internet vor ein paar Jahren hauptsächlich zur statischen Informationsbereitstellung, werden heute vermehrt interaktive Inhalte erzeugt, auf Kunden zugeschnittene Informationen veröffentlicht oder Geschäftstransaktionen abgewickelt.» Die Unternehmen in der Schweiz benutzen heutzutage das Internet ganz unterschiedlich: 9 Prozent verwenden das Web als reine Informationsplattform. Sie stellen allgemeine Unternehmensinformationen bereit, veröffentlichen einen Produktekatalog auf dem Netz oder betreiben eine Stellenbörse. 57 Prozent nutzen das Internet für die elektronische Post, für Newsgroups, Chat- oder Diskussionsforen. 26 Prozent aller Unternehmen wickeln ihre Geschäfte übers Web ab, verschicken online Offerten, nehmen elektronisch Bestellungen entgegen oder erlauben das Bezahlen von Produkten mittels Kreditkarte übers Netz. Nur gerade 8 Prozent der befragten Firmen verfügen über eine integrierte Internetlösung, binden Kunden durch ein One-to-one-Marketing, betreiben ein Online-Order-Tracking oder haben einen digitalen Agenten für Beratung und Verkauf.
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