Nach ihrem Abschluss in Fotografie und Design wollte Paloma Bradtke in der Kreativbranche arbeiten. Und zwar bei einem Unternehmen, das sie schon länger begeisterte — einer grossen Londoner Event-Agentur. Sie war überglücklich, als sie die Zusage für ein Praktikum in ihrem Traumberuf erhielt. Die Freude schlug jedoch bald ins Gegenteil um. Bradtke war entsetzt von der Arbeitsweise der Agentur, besonders von den strikten Hierarchien. Als sie eines Tages wie immer zum Empfang ging, um die Post zu holen, änderte sich ihr Leben.

«Ich hatte einen sehr schlechten Tag und unter der Post für die Agentur war ein riesiges Paket. Die Aussicht, es in den fünften Stock schleppen zu müssen, verschlechterte meine Laune noch mehr. Aber als ich es anhob, war es seltsamerweise ganz leicht», sagt die gebürtige New Yorkerin im Gespräch mit Business Insider. Als sie das mysteriöse Paket öffnete, flog ein wunderschöner Ballon heraus. Daran hing ein Zettel.

Der Konfettiballon war eine kreative Bewerbung. Doch das war nicht das Entscheidende. Paloma Bradtke fiel auf, dass die Entdeckung des Ballons der schönste Moment war, den sie während ihres gesamten Praktikums erlebt hatte. Eine Woche lang reifte in ihr eine Idee: Sie wollte einen Job, der Spass macht, ohne Hierarchien. Und sie wollte die freudige Überraschung, die sie empfunden hatte, als der Ballon aus dem Paket aufstieg, mit anderen teilen. Also beschloss sie, sich selbstständig zu machen. Mit Partyballons. Sie brach ihr Praktikum ab und reiste zurück nach Berlin.

Das erste Warenlager in der Garage der Eltern

Sie überlegte nicht mehr lange, sondern bestellte im Internet durchsichtige Ballons sowie viele bunte Bastelmaterialien. Sie stanzte Konfetti, füllte die Ballons damit und nähte von Hand dekorierte Bänder, mit denen sie Karten an ihnen befestigte. «Mein Startkapital waren 1000 Euro und ich wohnte damals noch bei meinen Eltern», sagt die heute 28-Jährige. «Man könnte also sagen, ich habe aus dem Kinderzimmer gegründet.»

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Das niedrige Kapital sei aber kein Problem gewesen, da sie alles selbst anfertigte. Die Garage der Eltern wurde zu ihrem Warenlager. Ihren ersten Onlineshop gestaltete ihr Cousin. Freunde halfen beim Design des Logos.

«Meine Marktforschung beschränkte sich auf Google-Recherche. Ich komme nicht aus dem Business-Bereich und finde, das Bauchgefühl ist das Allerwichtigste. Wenn man selbst von etwas begeistert ist, steckt man andere mit dieser Passion an», sagt sie.

Mit Instagram zum Erfolg

Paloma Bradtke nannte ihr Start-up «Booom Balloon». Im Dezember 2015 ging die Webseite online. So weit, so gut. Aber wie sollte sie nun potenzielle Kunden auf sich aufmerksam machen? Sie entschied sich, schöne Fotos von ihren Ballons auf Instagram zu posten. Das wirkte. Durch die passenden Hahstags wurden Kunden auf Booom Balloon aufmerksam. Im ersten Jahr bestellten bereits L'Oréal und Microsoft mehrere hundert Ballons für Pressesendungen und Events. Auch das Interieur-Portal Westwing bestellte Booom Balloons für den Unternehmensgeburtstag.

In den ersten zwei Jahren kümmerte die Gründerin sich um alles alleine. Mittlerweile hat sie zwei Mitarbeiter und ein Büro. Das ist allerdings unmittelbar an ihre Wohnung angeschlossen. Von dem Begriff «Work-Life-Balance» hält sie nichts. «Wenn man für eine Idee brennt, dann wird sie Teil von einem», sagt sie.

Ihr erstes Unternehmen als «Investor»

Auch ihre zweite Geschäftsidee hatte Bradtke spontan. Im Sommer 2018 las sie die Liste der Inhaltsstoffe auf einer Plastikflasche mit Flüssigseife. Das kam ihr alles irgendwie toxisch vor. Innerhalb von drei Monaten hatte sie das Unternehmen Wonderbar gegründet, das natürliche Seifen ohne Plastikverpackung anbietet. «Ich verbinde Stückseifen eigentlich eher mit älteren Menschen. Aber ich wollte Seifen herstellen, die modern sind, die Spass machen und die man auch gerne verschenken würde.» Diesmal lag das Startkapital bei rund 8000 Euro. «Man könnte sagen, dass Booom Balloon mein Investor war», sagt Bradtke. Denn sie verdiente mit dem Partyballonshop genug, um ihre zweite Gründung dadurch zu finanzieren.

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«Man könnte sagen, ich habe aus dem Kinderzimmer gegründet.»

Paloma Bradtke

Sie fand ein Familienunternehmen, das seit 15 Jahren Seife herstellt, und ihr seitdem Naturseifen nach ihren Wünschen liefert. Sie werden in buntem Recyclingpapier verpackt, auf dem witzige Sprüche stehen. Auf der Matcha & Shea Butter Soap steht «I love you so matcha», auf der Sea Salt Soap steht «100 % Boy Tears» und die Verpackung der Orange Peeling Soap trägt den Satz «I'd Swipe Right» – eine Anspielung auf die Dating-App Tinder.

Zwar entschied sich Bradtke diesmal dafür, die Produktion einem erfahrenen Hersteller zu überlassen, dafür übernahm sie alles andere selbst. «Die Webseite für Wonderbar habe ich selbst gebaut», sagt sie. «Es gibt mittlerweise viele Programme, mit denen das leicht geht. Man muss dafür nicht zwingend Tausende Euro ausgeben.»

Frauen im Vorteil

Die Tatsache, dass sie eine Frau ist, habe sie nie vor Probleme gestellt. «Im Gegenteil — ich habe eher das Gefühl, dass man als Gründerin gerade gepusht wird», sagt sie. «Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich in Berlin Mitte lebe und arbeite. Hier gibt es ein Netzwerk von weiblichen Gründern, die sich gegenseitig unterstützen. Ich habe im Alltag eigentlich nur mit Frauen zu tun.»

Allen, die gründen wollen, empfiehlt sie, in der Startup-Phase so viel wie möglich selbst machen, um die Kosten niedrig zu halten. Von Investoren halte sie nichts: «Wenn sie ins Spiel kommen, kann der Gründer nicht mehr sein eigenes Ding  machen.» Ein Unternehmen müsse organisch wachsen. Natürlich komme es immer auch auf die Branche an, aber in ihrem Fall habe alles gut im Alleingang funktioniert. «Man braucht auch nicht gleich ein schickes Office und Mitarbeiter. Darüber kann man nachdenken, wenn man schwarze Zahlen schreibt», sagt sie.

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Was die potenzielle Gründerin selbst anbelange, sei vor allem die Einstellung essenziell. «Selbstbewusst sein, sich nicht entmutigen lassen, auch wenn andere ihre Zweifel äussern», rät sie. «Viele Leute denken, dass man unbedingt einen Master oder Marketingerfahrung braucht. Aber ich habe einfach auf mein Bauchgefühl gehört.» Für Paloma Bradtke hat das offensichtlich funktioniert.

Gründerinnen in Deutschland

Dieser Artikel erschien zuerst bei «Business Insider Deutschland» unter dem Titel «Berlinerin, die mit 24 aus dem Kinderzimmer gründete, erklärt, warum sie nichts von Investoren und schicken Startup-Büros hält». Er ist Teil eines Themen-Specials über «Gründerinnen in Deutschland». Darin beschreibt «Business Insider», warum Frauen deutlich weniger gründen als Männer und was passieren muss, um diese zu fördern.

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