Die Italiener haben für den Trend einen schönen Namen gefunden: Mammismo. Die Vertreter des Mammismo sind die Mammoni, die Muttersöhnchen. Manchmal nennt man sie auch Bamboccioni. Übersetzt heisst das Riesenbabys.

Die Italiener sind Rekordhalter in der Disziplin des Mammismo. Zwei Drittel der unter 34-Jährigen leben noch zu Hause bei Mamma. Selbst bei den 40-Jährigen ist es immer noch die Hälfte, die bei Muttern haust. Seit die Jugendarbeitslosigkeit in Italien ständig steigt, sind auch die Prozentzahlen der Mammoni noch weiter hochgegangen.
Für die Schweiz fehlen vergleichbare Zahlen, aber der Unterschied ist eklatant. Schon die Hälfte der 21-Jährigen ist aus dem Hotel Mamma ausgezogen.

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

Wir wären damit bei einem der populärsten Themen der Verhaltensbiologie. Es geht um Nesthocker und Nestflüchter. Die Nestflüchter kommen mit einem hohen Mass an Überlebensfähigkeit zur Welt. Ihre Sinnesorgane funktionieren von Beginn an, sie können laufen, schwimmen und fliegen. Vielleicht müssen sie ein paar Tage noch etwas gefüttert werden, aber dann machen sie sich davon. In die Kategorie der Nestflüchter gehören Wale, Hasen, Hühnervögel, Kraniche oder Krokodile.

Die Nesthocker hingegen können erst überleben, wenn sie zu Hause einen längeren Lernprozess durchlaufen haben. Sie können oft weder sehen noch sich fortbewegen, sie müssen gefüttert und geschult werden. In die Kategorie der Nesthocker gehören Störche, Eulen, Nagetiere, Katzen und praktisch alle Raubtiere.

Der grösste Nesthocker von allen ist der Mensch. Kein anderes Lebewesen kommt in einem derart tiefen Entwicklungsstand zur Welt. Fast seine ganze Lebensertüchtigung muss extrauterin geschehen, also ausserhalb des Mutterleibs. Irgendwann, rund um die Pubertät, schafft er es dann in die Selbständigkeit.

Manche schaffen es überhaupt nie. Die höchste Form des hilflosen menschlichen Nesthockers ist der männliche Italiener. Italienische Politiker, wie zuletzt Mario Monti, haben immer wieder vergeblich versucht, ihre Nesthocker aus der geheizten Stube zu vertreiben. Soziologen und Psychologen überschlagen sich ebenso mit Studien, was der Mammismo für die heimische Volksseele bedeute.

Am interessantesten scheinen mir die wirtschaftlichen Auswirkungen. Italienische Unternehmen hocken prinzipiell zu Hause. Sie exportieren zwar, aber es gibt fast keine italienischen Konzerne, die in die Welt hinaus gezogen sind und ausländische Unternehmen übernommen haben.

Umgekehrt werden die italienischen Nesthocker regelmässig von externen Unternehmen übernommen. Bulgari, Ducati, Fendi, Buitoni, Gucci und viele andere Brands sind allesamt nicht mehr in italienischem Besitz. Als Fiat-Chef Sergio Marchionne vor zwei Jahren die Mehrheit am amerikanischen Autokonzern Chrysler übernahm, staunte darum ganz Italien darüber, wie jemand fern des eigenen Nests eine solche Kühnheit vollführen konnte.

Nun gut, können wir Schweizer einwenden, schliesslich hat Marchionne sein Handwerk bei uns gelernt. Nach 1997 war er CEO von Alusuisse, von Lonza und dann von SGS in Genf.

Die Schweiz ist ein harter und wettbewerbsintensiver Markt. Da lernst du eines ganz schnell: Es ist klüger, ein Nestflüchter zu sein.

Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer. Er ist Kolumnist und Buchautor zu den Themen Medien, Biologie und Outdoor-Sport.