Mit Hochspannung fiebert Grossbritannien einer Entscheidung von historischer Tragweite für das Königreich und die Europäische Union entgegen: An diesem Donnerstag können rund 46 Millionen Wähler bestimmen, ob ihr Land weiterhin der EU angehören wird oder das Bündnis von jetzt 28 Staaten verlässt. Das Ergebnis der weltweit beachteten Abstimmung wird für den frühen Freitagmorgen erwartet.

Ein Brexit - also ein Ausstieg des Königreichs aus der EU - würde die Union in die vermutlich schwerste Krise ihrer Geschichte stürzen.

Verschärfte Tonart

Im Endspurt des vom Mord an der pro-europäischen Abgeordneten Jo Cox überschatteten Wahlkampfs verschärften beide Lager noch einmal ihre Tonart: Während die EU-Gegner vor der ungebremsten Einwanderung von Ausländern warnten, konterten ihre Rivalen mit dem Schreckensbild einer Rezession und des massenhaften Verlustes von Arbeitsplätzen.

Auch Spitzenpolitiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder US-Präsident Barack Obama haben vor einem Brexit gewarnt. Bei einem Austritt aus der EU drohen Schockwellen an den Börsen. Weltweit stehen deshalb Notenbanken bereit, um Währungsturbulenzen abzufedern. Die G7-Finanzminister wollten in ihrer Erklärung ihre Bereitschaft betonen, alle notwendigen Schritte zur Beruhigung der Märkte zu unternehmen, sollte es zum Brexit kommen, sagten Regierungsvertreter in Japan, die anonym bleiben wollten. Derzeit werde ein Entwurf der Erklärung diskutiert. Veröffentlicht werden soll sie kurz nachdem klar ist, wie das Referendum ausging.

Kopf-an-Kopf-Rennen

Selbst Stunden vor Öffnung der Wahllokale war der Ausgang des Votums noch völlig unabsehbar. Meinungsforscher sahen bis zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Lager - mit ganz leichtem Vorsprung für die Befürworter eines EU-Verbleibs. Viele Wähler waren aber noch unentschlossen.

Bei aller Nervosität sorgten die Umfragen aber für immerhin vorsichtigen Optimismus an den Märkten. Das Pfund Sterling stieg auf den höchsten Stand seit sechs Monaten. Die Börsen in Fernost tendierten überwiegend fester. Die Ratingagentur Standard & Poor's kündigte allerdings an, Großbritanniens Kreditwürdigkeit herabzustufen, sollte es zum Brexit kommen. Die Finanzminister der sieben führenden Industrienationen (G7) bereiteten nach Angaben von Regierungsvertretern eine Erklärung vor, die die Märkte beruhigen soll, falls die Briten für einen Austritt stimmen.

EU-Politiker fürchten, dass ein Brexit Austrittswünsche in anderen Ländern beflügeln dürfte. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hatte deshalb im Vorfeld scharfe Warnungen nach Grossbritannien geschickt. «Deserteure werden nicht mit offenen Armen empfangen», sagte er mit Blick auf mögliche Verhandlungen mit der EU nach einem Austrittsvotum.

Im Brexit-Fall plane Juncker keinen Rücktritt, sagte ein Kommissionssprecher am Mittwoch zu entsprechenden Spekulationen.

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Schicksalsvotum für Cameron

Ein Brexit könnte jedoch das politische Schicksal des britischen Premierministers David Cameron besiegeln. «Niemand weiss, was geschehen wird», sagte Cameron mit Blick auf den Wahlausgang der Zeitung «Financial Times». Dennoch bereue er es nicht, dass er zu dem Referendum aufgerufen habe.

Cameron bekräftigte, dass er in jedem Fall im Amt bleiben wolle. Insider in London bezweifeln jedoch, dass ihm das gelingen wird - vor allem, wenn die Briten für einen EU-Austritt votieren sollten. Sein ehemaliger Justizminister Kenneth Clarke prophezeite Cameron «keine 30 Sekunden» bis zu einem Rücktritt im Falle eines Brexits.

Pro-EU-Lager knapp vorne

Der Durchschnitt von acht Umfragen seit dem 15. Juni ergibt einen hauchdünnen Vorsprung von 45:44 Prozent für das Pro-EU-Lager. Allerdings seien zehn Prozent der Befragten noch unentschieden, hiess es.

Noch vor mehr als einer Woche lag das Brexit-Lager vorn - seit dem Mord an der Labour-Abgeordneten und Pro-EU-Politikerin Jo Cox holte das Drinbleiben-Lager aber wieder auf. Allerdings: Bei der Parlamentswahl vor einem Jahr hatten die Umfragen völlig falsch gelegen. Die Wettbüros sehen eine klare Tendenz zum EU-Verbleib.

46,5 Millionen Briten sind aufgerufen, zu den Urnen zu gehen. Die Wahllokale sind am Donnerstag von 8:00 bis 23:00 Uhr geöffnet. Mit ersten Resultaten aus den Wahlkreisen wird am Freitag in den frühen Morgenstunden gerechnet. Ein Endergebnis dürfte erst im Laufe des Vormittags feststehen. Das vermutlich sehr knappe Rennen könnte zu Verzögerungen bei der Bekanntgabe führen.

Boris Johnson: Unabhängigkeitstag

Am Tag vor der Abstimmung versuchten die beiden Lager noch einmal, alle Kräfte zu mobilisieren. Der Austritts-Wortführer Boris Johnson bezeichnete den Wahltag als «Unabhängigkeits-Tag», an dem die Briten ihre staatliche Souveränität wiedergewinnen könnten. Cameron konterte: «Die Idee, dass unser Land nicht unabhängig ist, ist Unsinn. Diese ganze (Brexit)-Debatte beweist unsere Unabhängigkeit.»

Cameron betonte, der Zugang zum gemeinsamen europäischen Markt mit 500 Millionen Einwohnern sei entscheidend für die britische Wirtschaft und damit für den Wohlstand der Briten.

Zahlreiche Internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) hatten im Falle eines Brexits vor weltweiten wirtschaftlichen Turbulenzen gewarnt.

(sda/reuters/ccr)