Während der Arbeit flimmert der Laptopbildschirm und in der Freizeit geht der Blick aufs Handy, um ja nichts zu verpassen. Schweizerinnen und Schweizer verbringen täglich mehrere Stunden online.

Bei Jugend­lichen sind es durchschnittlich vier, bei ­Erwachsenen zweieinhalb Stunden, wie eine Umfrage der Fachhochschule Nordwestschweiz aus dem Jahr 2019 zeigt. In Zeiten der Coronavirus-Pandemie, in der Millionen Schweizer im Homeoffice sitzen und Betriebe ihre Mitarbeitenden in Kurzarbeit schicken, dürften diese Zahlen drastisch gestiegen sein.

Mit dem Hobby Geld verdienen

Statt zum zehnten Mal die Facebook-­App zu öffnen und wieder zu schliessen, sich in Youtube-Videos oder Twitch-Computerspiele-Übertragungen zu verlieren, können Schweizer ihre Zeit am Bildschirm auch nutzen, um mit ihrem Hobby Geld zu verdienen: Sie können nämlich einfach das, was sie sonst nur in ihrer Freizeit tun – Videos drehen, Bilder ihres Abendessens posten oder Rezepte online stellen – «monetarisieren», wie es in der Szene heisst.

Einige Schweizerinnen und Schweizer haben dieses Geschäft bereits für sich entdeckt. Sie nennen sich Video-Creator, Blogger oder Influencer und posten mehrfach die Woche oder ­sogar täglich Bilder, Artikel oder Videos zu ihren Themen.

Sie kochen vor der Ka­mera, zeigen anderen Heimwerkern, wie man Laminat verlegt, oder scharen mit ­ihren Beauty-Tipps Fans um sich. Platt­formen und Werbetreibende belohnen das mit Abo-Zahlungen und Werbegeld. Vier typische Online-Ge­schäfts­modelle und wie sie sich in Corona-Zeiten umsetzen lassen:

Amazon-Affiliate-­Links

Online-Shopping: Amazon-Affiliate-Links bringen Geld.

Anzeige

Die einfachste Verdienstmöglichkeit im Netz sind die sogenannten Amazon-­Affiliate-Links. Wer sich für das Amazon-­Partnerprogramm anmeldet, kann für ausgewählte Produkte einen eigenen Link kreieren und diesen zum Beispiel Freunden senden, auf seinem Blog oder unter einem Youtube-Video veröffentlichen. Kaufen Nutzer das Produkt über diesen Link, beteiligen sie denjenigen, der den Link gesetzt hat, am Umsatz.

Wie viel Amazon-Partner bekommen, hängt von der Produktkategorie ab. Für Einkäufe im Bereich Mode gibt es 12 Prozent, wenn die Unterstützer insgesamt mehr als 2500 Euro (2650 Franken) in einem Monat ausgeben.

TV wirft am wenigstens ab

Bei weniger Umsatz beteiligt Amazon den Link-Ersteller mit immerhin bis zu 11 Prozent. Am wenigsten Geld gibt es im Bereich Fernseher, Smartphones, Tablets und Spielekonsolen. Dort erhalten Ver­linker nur 1 Prozent Provision.

Die Links können sich auch lohnen, wenn die Nutzer klicken, das beworbene Produkt aber gar nicht kaufen. Landen letztlich andere Produkte im Warenkorb, beteiligt Amazon den Partner mit einer geringeren Summe am Umsatz. Bei diesen indirekten Verkäufen gibt es 1,5 Prozent für den Link-Ersteller.

Youtube

Doris Flury alias Mrs. Flury ist Ernährungswissenschafterin aus Basel und zeigt auf Youtube Rezepte zum Beispiel für Low-Carb-Pizza, gesundes Twix und glutenfreies Haferbrot.

Auf der Videoplattform Youtube kann jeder Nutzer bewegte Bilder hochladen. So landen jede Minute Hunderte Stunden Videomaterial auf Youtube. Doch nicht ­jeder Youtuber bekommt Geld dafür.

Seit dem Jahr 2018 ist das nur noch für Nutzer möglich, die es schaffen, zu sogenannten Partnern zu werden. Dafür muss der ­eigene Kanal mindestens 1000 Abonnenten haben. Zusätzlich müssen andere Nutzer innerhalb des letzten Jahres mehr als 4000 Stunden lang die Videos des Kanals angeschaut haben.

Es sind Vorleistungen nötig

Wer mit Youtube Geld verdienen möchte, muss also in Vorleistung treten und viel Zeit investieren, um sich einen kleinen Stamm an Fans und Abonnenten aufzubauen. So hat es auch Mrs. Flury ­gemacht: Sie heisst in Wirklichkeit Doris Flury und ist Ernährungswissenschaftlerin aus Basel.

«Freunde und Familie haben mich immer wieder nach Rezepten gefragt. Da habe ich im Jahr 2014 einfach ­beschlossen, Videos zu meinen Rezepten auf Youtube hochzuladen», erzählt Flury.

Drei Jahre später entschied sie sich, ihren Teilzeitjob an den Nagel zu hängen und mit ihrem Blog und dem Youtube-Kanal durchzustarten. «Mittlerweile verdiene ich online etwa so viel wie vorher mit meinem 50-Prozent-Job», sagt Flury.

Zuschauerzahlen wachsen nur langsam

Doch bis dahin war es ein weiter Weg – Youtube eignet sich deshalb eher nicht als kurzfristiger Corona-Nebenjob. Die ersten Jahre, erinnert sich die Baslerin, stand sie am Wochenende oder nach ­Feierabend in der Küche, drehte Filme und schnitt sie anschliessend zusammen, ohne einen Rappen dafür zu sehen.

Die Zuschauerzahlen sind nur langsam gewachsen. Heute zählt der Youtube-Kanal 82'500 Abonnenten. Geld bekommt Flury durch Werbung, die vor oder während ­ihrer Videos läuft.

Anzeige

Der Kanal ist entscheidend

Wie viel Geld die Plattform an die Video-Creator weitergibt, hängt vom Kanal ab. Offizielle Zahlen von Youtube gibt es nicht. Sicher ist nur, dass die Videos werbefreundlich sein müssen. Satire kommt bei Werbetreibenden nicht gut an, Koch- und Backvideos schon eher.

Youtube zahlt allgemein pro tausend Klicks, das ist der sogenannte Tausend-Kontakt-Preis (TKP). Partner bekommen das verdiente Geld über Google Adsense ausbezahlt, für welches sie sich separat registrieren müssen. Zusätzlich können Youtuber ihren Zuschauern eine zahlungspflichtige Mitgliedschaft anbieten, über die sie dann exklusive Inhalte bekommen.

Fazit: Wer wegen Corona gerade viel Zeit hat, kann die nutzen, um sich bei Youtube etwas aufzubauen. Doch bis das erste Geld fliesst, kann es dauern.

Blog

Viele Menschen haben schon mal ­einen Blog gebastelt, um zum Beispiel Freunde und Familie während einer langen Reise auf dem Laufenden zu halten und schöne Bilder hochzuladen.

Aus professioneller Sicht ist ein Blog eine ideale zweite Anspielstation für Inhalte, die sich zum Beispiel bei einer reinen Videoplattform wie Youtube nicht unterbringen lassen. Auch Mrs. Flury betreibt neben ihrem Youtube-Kanal einen Blog, auf dem Zuschauer ihre Rezepte und weitere Tipps nachlesen können.

Werbung ist unverzichtbar

Wichtig: Wer mit ­einem Blog Geld verdienen will, der muss Werbung zulassen. Das geht, wie bei Youtube, über Google Adsense. Der Dienstleister spielt dann verschiedene Werbeanzeigen auf der Seite aus.

Die Blogger haben dabei keinen Einfluss darauf, welche Werbung die Leser zu sehen bekommen. Google bezahlt die Werbefläche ebenfalls über den TKP. Der Preis schwankt laut Branchen­experten je nach Inhalt des Blogs und dessen Professionalität.

Anzeige

Produktpräsentation von Unternehmen

Bei Flury machen die Werbeein­nah­men aus Videos und Bloginhalten laut ­ihrer Aussage rund 20 Prozent ihres monatlichen Einkommens aus. Rund die Hälfte verdient sie mit Kooperationen, den Rest mit eigenen Produkten.

Unternehmen fragen sie zum Beispiel, ob sie ihren Zuschauern in Videos oder auf ihrem Blog ein Produkt zeigen würde. Diese direkte Vermarktung ist den Unternehmen deutlich mehr wert als eine Anzeige via Google.

Um auf Dauer Erfolg damit zu haben, sollte man aber nicht alle Ange­bote ­annehmen, warnt Flury: «Ich lehne sehr viele Angebote ab, weil ich nicht hinter den Produkten stehe oder sie nicht in meinem Alltag benutzen würde», sagt Flury. «Wer seine Kooperationen gezielt aussucht, bewahrt die eigene Glaubwürdigkeit – und das schätzen Zuschauer, Leser und Werbekunden.»

Twitch

51439896

Twitch-Affiliate werden: 500 Minuten pro Monat streamen und 50Follower haben.

Quelle: MICHAEL NELSON
Anzeige

Die Streaming-Plattform Twitch ist vor allem Computerspiele-Fans bekannt. Das Prinzip: Computerspieler übertragen ihren Bildschirminhalt live, während sie spielen – Zuschauer sehen ihnen also beim Spielen zu. Oder die Spieler nehmen ihre Spiele auf, ­kommentieren sie und bieten sie dann als Videos zum Download an.

Mittlerweile gibt es auf Twitch allerdings viel mehr als ­Gaming und E-Sports zu sehen. Auch DJ nutzen die Streams in Zeiten der Pandemie, um ihre Fans weiter zu erreichen und zumindest einen kleinen Ersatz für ausgefallene Gagen zu verdienen. Twitch gehört seit dem Jahr 2014 zum Amazon-Konzern und ist für Content-Creator vor allem ­wegen der verschiedenen Verdienstmöglichkeiten interessant.

«Creator» erhalten Teil der Werbeeinahmen

Wer mindestens 500 Minuten an 7 Tagen im vergangenen Monat gestreamt und 50 Follower hat, der wird ein sogenannter Twitch-Affiliate. Die Creator erhalten dann ähnlich wie bei Youtube eine Werbebeteiligung.

Wie hoch die ausfällt, be­rechnet Twitch unter anderem anhand der Zuschauerzahlen. Sobald Streamer den Affiliate-Status erreicht haben, können sie verschiedene Abonnements von 4,99 Dollar (rund 4.88 Franken) bis zu 24,99 Dollar (24.42 Franken) anbieten. Etwa die Hälfte der Abo-Einnahmen landen beim Streamer selbst, der Rest geht an die Plattform.

Live-Streaming von Computerspielen

David Costa, im normalen Leben ein Key-Account-Manager in Solothurn, nutzt Twitch auf diese Weise. Dort nennt er sich Enkera und streamt Computerspiele live. «Ich teste gerne die neusten Spiele», berichtet Costa. «Ein Freund von mir sagte irgendwann: Stream das doch mal! Dann kann ich schauen, ob mir das auch gefällt.» Das ist nun fünf Jahre her. Seit etwa drei Jahren schauen Costas Fans ihm jetzt mehrmals die Woche beim Spielen zu.

Anzeige

Twitch bietet noch eine dritte Möglichkeit, Geld zu verdienen, die es so auf ­keiner anderen Online-Inhalte-Plattform gibt: spenden. Während der Liveüber­tragung können Fans ihrem Lieblingsstreamer Geld per Paypal überweisen. «Über Spenden erhalte ich pro Abend zwischen einem und mehreren hundert Franken», sagt Costa. «Das Geld versteuere ich allerdings, es sind ja keine Spenden für die Gemeinnützigkeit, sondern ein Teil meines Einkommens.»