Fachkräftemangel? Und ob. Die Unternehmen suchen händeringend nach neuem Personal. Dies besagt der neue «Swiss Job Market Index», den der Stellenvermittler Adecco und die Universität Zürich veröffentlichen. Danach wurden im vierten Quartal 2021 satte 39 Prozent mehr Jobs inseriert als im gleichen Quartal des Vorjahres. Alle Berufsgruppen und Regionen verzeichneten eine steigende Nachfrage nach Arbeitskräften.

Auch interessant

Dabei erklärt sich dieser Sprung nicht einfach daraus, dass eine Corona-Delle nachgeholt werden musste: Selbst im Vergleich mit dem vierten Quartal 2019 – als noch niemand etwas von Covid-19 ahnte – ergab sich ein massiver Zuwachs von 18 Prozent mehr ausgeschriebenen Stellen. Seit Beginn des «Swiss Job Market Index» im Jahr 2003 wurde noch nie ein derart rasanter und massiver Anstieg beobachtet, meldet Adecco.

Die Stellen sind quasi in allen Bereichen offen. Am stärksten neu gefragt waren Handwerker (+23 Prozent), und dabei etwa Berufe wie Polymechaniker, Präzisionshandwerker und Fachleute in der Nahrungsmittelverarbeitung. Aber auch die Fachkräfte für Büro und Verwaltung (+21 Prozent) sowie das Dienstleistungs- und Verkaufs-Personal (+17 Prozent) wird mehr und mehr umworben. Die vieldiskutierte Not an Fachleuten im Gesundheitswesen ist also nur die erkennbare Spitze des Eisbergs.

Auffällig ist dabei nur eine Gruppe, die abfällt: Die Nachfrage nach Führungskräften blieb Vergleich zum übrigen Personalmangel sehr flau – sie stieg gerade mal um +2 Prozent.

Der mit Abstand grösste Zuwachs wurde in der Nordwestschweiz (+25 Prozent) gemessen, gefolgt vom Espace Mittelland (+21 Prozent) und der Zentralschweiz (+21 Prozent). Doch auch auch da stieg der Pegel überall, auch in der Ostschweiz (+13 Prozent), der Region Zürich (+12) und der Südwestschweiz (+8 Prozent) ging es deutlich bergauf.

Die Autoren der Studie erklären den Zuwachs an ausgeschriebenen Stellen primär mit der besseren wirtschaftlichen Lage, also der Entwicklung des BIP. Doch da ist noch mehr. Laut Marcel Keller, dem Schweiz-Chef von Adecco, spielt auch das deutlichere Hin und Her der Nachfrage hinein in den Personalmarkt – es zwinge die Firmen, die Produktion jeweils extrem schnell hoch- und wieder runterzufahren.

«Dies treibt die Nachfrage nach Mitarbeitenden in verarbeitenden und administrativen Berufen sowie der Logistik entsprechend an.» Obendrein hätten im vergangenen Quartal die Hotellerie und Gastronomie und andere Dienstleistungsbetriebe ihre Angebote wieder hochfahren können. Dass dort nun vermehrt Fachleute gesucht werden, sei nicht erstaunlich: Schliesslich habe in diesen Branchen 2020 ein massiver Stellenabbau stattgefunden «und viele Angestellte haben sich für eine berufliche Neuorientierung entschieden und fehlen deshalb.»

Wie gut sich der Arbeitsmarkt vom Corona-Schock erholt hat, zeigen weitere Daten: Das Arbeitsmarkt-Barometer der Outplacement-Firma Von Rundstedt misst unter anderem die Dauer, welche Stellensuchende bis zum neuen Job benötigen. Und auch hier lautet ein Fazit, dass einige Zahlen «sogar noch besser» sind als in den wirtschaftsstarken Jahren vor der Pandemie. Konkret: Die durchschnittliche Suchdauer sank von 6,9 Monaten auf 5,3 Monate. «Diese Verkürzung ist massiv. Dabei konnten alle Alterskategorien profitieren», sagt Pascal Scheiwiller, der Leiter der Rundstedt-Studie.

«Die Leute gehen jetzt zu einem Arbeitgeber, der einem besser passt und mehr Lohn bietet. Das passiert seit Sommer vermehrt.»

Pascal Scheiwiller, Von Rundstedt

Schon seit dem Sommer werde der Wirtschaftsboom sehr deutlich im Arbeitsmarkt sichtbar, so Scheiwiller im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP. Nicht einmal mehr ein Viertel der Kündigungen sei 2021 auf Abbaumassnahmen zurückzuführen. Das sei ein massiver Rückgang zum Vorjahr (43 Prozent), als in einigen Branchen massiv Personal gestrichen wurde. 2021 bewegten sich die Werte wieder etwa auf dem Niveau von 2018 und 2019.

Der häufigste Kündigungsgrund sind nun die Restrukturierungen (44 Prozent). Viele Firmen würden ihre Strukturen anpassen. «Die Veränderungsdynamik ist aktuell sehr hoch», hiess es. In der Folge hätten die Stellen neue Profile und erforderten neue Kompetenzen. «Darum schreien sehr viele Unternehmen seit letzten Sommer: Fachkräftemangel!», sagt Scheiwiller. Sie fänden keine Leute, sehr viele Stellen seien ausgeschrieben.

Die öffentliche Debatte um den Fachkräftemangel wiederum stärke die Position der Angestellten: Sie fassten mehr Mut, selber den Job zu wechseln, sagte Scheiwiller. «Die Leute gehen jetzt zu einem Arbeitgeber, der einem besser passt und mehr Lohn bietet. Das passiert seit Sommer vermehrt.» Und Gekündigte würden viel schneller wieder eine neue Stelle finden.

Wer redet da von Altersguillotine?

Bei den über 50-Jährigen habe sich die Situation besonders stark verbessert. So ist die Suchdauer in dieser Alterskategorie von 8,3 Monaten im Vorjahr auf 6,9 Monate gesunken. Auch Wert liegt sogar unter dem Wert von 2019 (und nur knapp über der bisherigen Bestmarke von 6,8 Monaten aus dem Jahre 2018).

Nur noch 31 Prozent der Gekündigten gehören der Ü50-Altersgruppe an, was ein wesentlich kleinerer Anteil ist als im Jahr davor (36 Prozent). Das entspreche in etwa dem Beschäftigungsanteil der Ü50 in der Schweiz (31,5 Prozent), erklärte Scheiwiller.

Keine Lohneinbussen für Ü50

Dazu kommt, dass 2021 die Ü50 bei einem neuen Stellenantritt nach einer Kündigung im Durchschnitt keine Lohneinbussen in Kauf nehmen mussten – anders als in den Vorjahren. Die Firmen seien kompromissbereiter und würden nun auch wieder vermehrt ältere Arbeitnehmer einstellen, so Scheiwillers Fazit.

Zudem habe die Mobilität über die eigene Branche hinaus markant zugenommen. 52 Prozent der Entlassenen finde wieder eine Stelle in einer anderen Branche. Das seien erstmals über 50 Prozent und so viele wie noch nie. Die zunehmende Knappheit an Fachkräften zwinge die Unternehmen dazu, ihren Suchfilter zu öffnen.

Auch eine Tendenz zu Lohnsteigerungen sei sichtbar. Der Grossteil der Gekündigten kann ihr Salär beim neuen Arbeitgeber halten (42 Prozent) oder sogar verbessern (35 Prozent). Nur gerade 23 Prozent müssten eine Lohneinbusse in Kauf nehmen.

Die Quellen

Das Arbeitsmarkt-Barometer von Von Rundstedt basiert auf den Informationen von 1'762 Entlassenen und von 185 Unternehmen aus verschiedenen Branchen, die im vergangenen Jahr in der Schweiz Kündigungen ausgesprochen haben.

Der Adecco-Job-Index von Adecco und dem Soziologischen Institut der Universität Zürich beruht auf der Auszählung der ausgeschriebenen Stellen in rund 90 Pressetiteln (Zeitungen und Anzeiger), 11 Onlinestellenportalen und 1350 Unternehmenswebsites.

(AWP, rap)