Mitten im Industriegebiet der Zürcher Vorortgemeinde Urdorf befindet sich die Schweizer Schaltzentrale des Informationstechnologiekonzerns Hewlett-Packard. Nach dem Eintreten hat sich der Besucher anzumelden – nicht nur mündlich, auch schriftlich in einem Journal. Ohne dass es einer Aufforderung bedürfte, dämpft der Gast seine Stimme: Hier herrscht Ordnung, Ruhe, ja fast Besinnlichkeit.
Exterritoriales Gelände dagegen in der ersten Etage. Dort teilen sich etwa 50 Personen in einige wenige Quadratmeter. Emsiges Kommen und Gehen. Um ein mit Papieren übersätes Pult beugen sich drei Köpfe zum schnellen Gedankenaustausch. Am anderen Ende des Grossraumbüros versucht jemand, einer Telefonkonferenz zu folgen. Ein Tollhaus. New Economy eben.
Gut 15 Beschäftigte arbeiten für den Start-up Beyoo, temporär unterstützt von etwa drei Dutzend Spezialisten aus den Gebieten Internet und Informationstechnologie, die sonst im Solde von Hewlett-Packard oder der SAirGroup-Tochter Atraxis stehen. Beyoo, eine 100-Prozent-Beteiligung der SAirGroup, geniesst Gastrecht bei Hewlett-Packard, die als eine Art Generalunternehmer fungiert. Atraxis wiederum stellt ihr Wissen als Expertin für IT-Lösungen im Bereich Luftfahrtindustrie zur Verfügung. Gemeinsam wird seit nun zwölf Monaten an einem ambitiösen Projekt gewerkelt: einem paneuropäischen Online-Reiseportal. «Swissair ist die erste Luftverkehrsgesellschaft, die im Internet ein echtes Reisebüro finanziert», zeigt sich Frank H. Rövekamp, President und CEO von Beyoo, begeistert.
Was Reisefreudige voraussichtlich noch vor Ende dieses Jahres über www.beyoo.com buchen können, vermag in der Tat zu beeindrucken: Tickets von 537 Fluggesellschaften, Zimmer in über 45 000 Hotels, Mietautos von 38 Firmen. «Wir wollen uns nicht auf das reine Buchungsgeschäft beschränken», fügt Rövekamp an. Vielmehr sollen Geschäfts- wie auch Ferienreisende auf dem fünfsprachigen Internetportal alle möglichen Bedürfnisse decken können, die vor, während und nach einer Reise auftreten. Dazu gehören Ausflüge, Karten für Anlässe oder Reservationen im Restaurant, aber auch Informationen wie Wetter, Stadtpläne, Übersetzungsdienste.

Als einziger Aktionär ist die SAirGroup ebenso einziger Investor. Ein teures Wagestück: Mit den in das Projekt gesteckten Geldern hätte Swissair einst ihrer Flotte eine nagelneue MD-11 einverleiben können, Gegenwert: etwa 140 Millionen Franken! Dennoch wird Frank Rövekamp nicht müde, auf die Ungebundenheit von Beyoo hinzuweisen: «Gemäss einem Abkommen können wir völlig unabhängig von Swissair arbeiten.» Schliesslich würden Tickets von zahlreichen Airlines angeboten. Als normaler Reiseagent kassiere Beyoo auf den verkauften Reisen und Flugscheinen eine Kommission, auch von der Muttergesellschaft. «Das Unternehmen wurde gegründet, um Shareholder-Value zu kreieren.» Wann nur schon der Break-even erreicht wird, darüber mag sich der Firmenchef mit Verweis auf die hellhörige Konkurrenz nicht auslassen.
Pate von Beyoo ist Jeffrey G. Katz. Der ehemalige CEO von Swissair hat vor über einem Jahr innerhalb der Airlineallianz Qualiflyer eine Diskussion angeschoben über neue Geschäftsmöglichkeiten im Internet, das Resultat ist Beyoo. Auch heuerte Katz den Holländer Rövekamp, zuletzt bei KLM sowie als Verwaltungsrat bei Galileo International tätig, an. Der Spiritus Rector allerdings hat seinen Job bei Swissair hingeschmissen und ist Anfang Juli nach Chicago entflogen. «Als Jeff wegging, war ich gerade mal zwei Tage bei Beyoo», erinnert sich Rövekamp.
Jeffrey Katz hat sich dem E-Commerce zugewandt. Als President, Chief Executive Officer und Chairman of the Board des Start-ups Orbitz baut der 45-Jährige mit rund 50 Mitarbeitern dasselbe auf wie Beyoo – einfach ein paar Nummern grösser. Gemäss Katz soll www.orbitz.com schlicht auf der besten Technologie basieren und mehr Fluggesellschaften, mehr Flüge und mehr Ticketpreise enthalten als irgendeine andere Reise-Website. Dazu haben die Orbitz-Aktionäre, die US-Airlines American, Delta, United, Northwest und Continental, tief in die Tasche gegriffen. «Um ein vergleichbares Projekt zu installieren, sind bis zum Break-even zwischen 200 und 300 Millionen Dollar an Investitionen erforderlich», drückt sich Katz diplomatisch aus. Alleine in den Aufbau des Markennamens sollen in den ersten zwölf Monaten nach dem Launch – dieser musste auf den Sommer 2001 verschoben werden – 100 Millionen Dollar fliessen.
Nicht weniger ambitiös sind die Vorgaben bei den Ertragszielen. Betriebsintern wurden drei bis fünf Jahre bis zum Break-even veranschlagt. Das jedoch behagt den Investmentbankiers nicht; sie drängen mit aller Macht darauf, dass rascher schwarze Zahlen resultieren. Dem Vorsatz des baldigen Going-public soll nichts im Wege stehen. «In diesem Geschäft ist die Unabhängigkeit eines Anbieters von Vorteil», begründet Katz den Börsendrang.

Früher Freunde, heute Konkurrenten. Doch der Amerikaner, der etwas wehmütig an sein Schweizer Gastspiel zurückdenkt – «I miss Switzerland, I miss my friends, I even miss Swissair» –, sieht das anders: «Wir konzentrieren uns auf die USA, sind also kein Gegenspieler von Beyoo.» Dieselbe Optik hat Beyoo-Chef Frank Rövekamp: «Wir sind fokussiert auf Europa. Orbitz ist demnach kein Konkurrent von uns.»
Auch so braucht sich Rövekamp über einen Mangel an Wettbewerb nicht zu beklagen. Der Aufschwung im Online-Reisemarkt zieht Mitbewerber aus allen Sparten an. Gemäss Forrester Research wurden im vergangenen Jahr weltweit Reisen und Flüge für 3,1 Milliarden Dollar übers Netz gebucht. 2002 sollen es gut 29 Milliarden Dollar sein, davon fallen 3,5 Milliarden in Europa an.
Die führenden Online-Reiseportale, keines älter als vier Jahre, haben es vorgemacht, wie man sich innert kürzester Zeit in diesem aufblühenden Markt festsetzt (siehe «Reiseportale bangen um ihre Marktstellung» auf Seite 106). Marktführer Travelocity hat sich zu einer der grössten E-Commerce-Sites aufgeschwungen, die 21 Millionen Mitglieder sorgen für rasant wachsende Umsätze. Auch Ebookers, Expedia und andere Wiederverkäufer im Netz erfreuen sich am boomenden Geschäft, schreiben dennoch bislang rote Zahlen.

Ungeachtet des Booms wurden die Aktienkurse der Reiseportale seit vergangenem Frühjahr regelrecht zerzaust: Travelocity rutschten um 72 Prozent ab, Lastminute büssten 77 und Expedia 76 Prozent ein, Ebookers werden um über vier Fünftel tiefer gehandelt. Die Investoren fuderweise zum Ausstieg bewogen haben Meldungen über den Einstieg von weiteren Luftverkehrsgesellschaften in den virtuellen Reisemarkt. So wollen Japan Airlines und All Nippon Airways zusammen mit elf weiteren internationalen Flugfirmen noch vor Ende Jahr unter www.kokunaisen.com den japanischen Markt aufrollen. Zu einer Internetallianz zusammengeschlossen haben sich im Weiteren neun Flieger aus dem asiatisch-pazifischen Raum (siehe «Airlines wollen im Online- Reisegeschäft mitmischen» unten).
In Europa zimmern derweil elf Airlines, darunter Schwergewichte wie British Airways, Air France oder Lufthansa, an einem firmenübergreifenden Netz-Reisemarkt. Bei der noch namenlosen Website sollen Reisende das umfassendste Flugangebot Europas finden. «Wir nennen das Projekt OTP, Online Travel Portal. Mehr kann ich dazu nicht sagen», hält sich Lufthansa-Pressesprecher Markus Rüdiger bedeckt. Und die Boston Consulting Group, bemerkenswerterweise Initiator sowohl bei OTP wie auch bei Orbitz, kann «leider keine detaillierten Informationen weitergeben».
Das Zusammenrücken namhaftester Konkurrenz vor der eigenen Haustüre dürfte bei der SAirGroup für heisse Köpfe sorgen. Denn während die Gegenseite in Stärke einer Fussballmannschaft antritt, keucht Swissair als Sololäufer bergauf. Zwar wird immer wieder auf die Abstützung in der Qualiflyer Group verwiesen; doch dort scheint sich die Begeisterung in Grenzen zu halten, wie sich unschwer am verwaisten Beyoo-Aktionariat ablesen lässt. «In der Branche werden die Köpfe geschüttelt ob des erneuten Alleingangs der SAirGroup», hat der Aviatikjournalist Sepp Moser registriert.
Flugtickets, Reisen, Kreuzfahrten, Mietautos, Hotelzimmer, Ausflüge, Reiseversicherungen, Informationen: Die überall ähnliche Mixtur bringt dem Reiseportal Traffic, unerlässliche Prämisse für erfolgreiches E-Business. Eigentlicher Zweck von Airline-Netzallianzen aber ist ein anderer: möglichst viel Kapazitäten übers eigene Netz absetzen und damit Kommissionen sparen. Die SAirGroup bildet da keine Ausnahme, Unabhängigkeitsbeteuerungen der Beyoo-Führung hin oder her. Gleichwohl sehen die auch in der Schweiz aktiven Reiseportale der Lancierung von Beyoo gelassen entgegen. Matthias Thürer, Marketingmanager von Ebookers Schweiz: «In England sind wir die klare Nummer eins, obwohl sich dort die Airlines beim Verkauf eigener Tickets übers Netz viel aggressiver gebärden als hier.» Etwas gar selbstsicher gibt sich Ruedi Weissmann, CEO der Tiss.com: «Wir bieten gegen 80 Millionen verschiedener Tarife an. Da können Airline-Netzallianzen nicht mithalten.»
Nur geht es bei den Airlines um viel Geld. Swissair setzt 95 Prozent aller Sitzplätze über traditonelle Kanäle ab, zum Teil über eigene Verkaufsstellen, mehrheitlich über Reisebüros. Die treiben dafür eine Kommission von sieben Prozent ein. Beim Verkauf eines Tickets für 500 Franken bleiben gerade mal 35 Franken in deren Kassen hängen. «Das ist weit weg von kostendeckend», moniert Luc Vuilleumier, Präsident der Swiss Travel Association of Retailers (Star).
Bei Swissair dagegen gehen die sieben Prozent ins grosse Tuch. Kann die nationale Fluggesellschaft künftig Tickets für beispielsweise 500 Millionen Franken über Beyoo absetzen, entspricht dies 35 Millionen an eingesparten Kommissionen. Zwar streicht auch Beyoo sieben Prozent ein. Der SAirGroup aber kann es egal sein, ob die 35 Millionen im Mutterhaus oder bei der Tochter anfallen. So machen sich die hohen Investments in Beyoo vielleicht doch noch bezahlt. Und wenn Beyoo am Ende gar «erfolgreich ist, macht sogar ein IPO Sinn», lässt sich ein SAirGroup-Pressesprecher vernehmen.

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