Den wertvollsten Rat oder Gedanken erhielt ich während einer Fortbildung, an der ich teilnahm, nachdem ich bereits einige Jahre Erfahrung im Berufsleben gesammelt hatte, vom indischen Professor Jagdish Parikh. Der Leiter des Seminars machte mich mit dem Konzept des «Detached Involvement» vertraut, welches beinhaltet, an Menschen, Geschehnissen oder Projekten mit Passion beteiligt zu sein, aber dennoch eine gewisse professionelle Distanz zu wahren, die es einem ermöglicht, die Dinge klar zu sehen und richtig zu agieren – quasi «losgelöstes Beteiligtsein».

Dieses Konzept, das mittlerweile in der Managementlehre fest etabliert ist, hat mich sofort überzeugt und mein berufliches Handeln fundamental geprägt. Der Grund dafür ist, dass «Detached Involvement» in ausgesprochen vielen Lebensbereichen eine ebenso wichtige wie nützliche Rolle spielen kann.

Aus der eigenen Position herausschlüpfen

Im Zentrum steht naheliegenderweise das eigene Leben, bei dem man die stärkste Beteiligung empfindet und in dem man der Hauptdarsteller ist. Genau deshalb ist es hier extrem hilfreich, regelmässig aus der eigenen Position und Person gleichsam herauszuschlüpfen (also auf die Zuschauerränge zu wechseln) und andere Perspektiven einzunehmen.

Das ermöglicht es zum einen, sich selbst als Mensch neu einzuordnen, zum anderen aber auch, konkrete Handlungen aus einer anderen Per­spektive zu betrachten. Dadurch erkennt man die korrekten Relationen, bleibt demütig und verhindert, sich selbst zu wichtig zu nehmen.

Den Blick bisweilen von aus­sen auf die eigene Person zu lenken, hilft aber auch, richtige Entscheidungen zu treffen und überhaupt mit der Intensität klarzukommen, die anspruchsvolle Positionen mit sich bringen. Von einer zeitweise eingenommenen externen Position heraus lässt sich viel leichter erkennen, ob die Work-Life-Balance, die man anstrebt, auch wirklich erreicht wird.

Gerade, wenn man schon fünfzehn oder zwanzig Jahre an der Karriere gearbeitet hat, ist dieses Vorgehen wichtig. Dann hat man schon einiges an Erfahrung mit dem «richtigen Leben» und vor allem im Job. Die ganz heisse Phase der Entwicklung im Beruf ist geschafft, und es ist an der Zeit, sich selbst als Mensch ganzheitlich einzuordnen und das zu erreichen, was man wirklich möchte.

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Dinge einfach halten

Das Konzept des «Detached Involvement» erleichtert es auch, Dinge einfach zu halten. Beim Blick von aussen werden die Umrisse der Sachverhalte klarer erkennbar, die Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem fällt leichter. «To keep it simple» hatte für mich immer eine hohe Priorität, dies ist unerlässlich, wenn man Projekte durchziehen möchte – besonders, wenn man andere Menschen daran beteiligen will und eine Führungsfunktion auszufüllen hat.

Ich selbst gebe Kolleginnen und Kollegen, die etwa verärgert in mein Büro kommen, vielleicht, weil sie sich ungerecht behandelt oder übergangen fühlen, oft den Rat, sich einmal kurz von ihrem Ärger und ihrer Person zu lösen, sich selbst zu «detachen». Ich gebe ihnen dann oft das kleine Büchlein des indischen Professors. Meistens hilft das, und sie können die Vorkommnisse relativieren und gelassener sehen.

Besonders schön ist es, wenn man später über Dinge lachen kann, die einen zuvor noch sehr geärgert haben – denn Humor, auch wenn es um die eigene Person geht, hilft am besten, Probleme in ihrer tatsächlichen Grösse und Wichtigkeit zu erkennen.

«Der beste Rat», Frank Arnold, Midas, 240 Seiten, Fr. 25.–

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Quelle: ZVG