Am 18.  Januar 1915 schloss das Packeis das Expeditionsschiff «Endurance» endgültig ein. Sir Ernest Henry Shackletons Plan, den antarktischen Kontinent als Abenteuer seines Lebens zu durchqueren, war gescheitert. Die 27-köpfige Besatzung, die Shackleton aus 5000 Freiwilligen ausgewählt hatte, erinnerte sich nun vielleicht an den Schlussteil des Rekrutierungsinserats, in dem harte Arbeit, magere Bezahlung sowie im Erfolgsfall Ruhm und Ehre angekündigt worden waren, allerdings auch: «return uncertain».

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

Neun Monate trieb das Schiff Richtung Norden zum Meer, bis es der Mahlstrom der Eismassen in tausend Teile zerdrückte. Die Mannschaft bewahrte ihre Moral mit Hundetraining, Ponyrennen, Fussball und dem Studium der Encyclopaedia Britannica. Vor dem Auseinanderbersten des Schiffs hatte man Ausrüstung, Proviant und Rettungsboote aufs Eis gebracht. Fünf Monate lang zogen dann die Männer ihre zwei Rettungsboote über das Packeis zum offenen Meer und erreichten nach einer stürmischen Überfahrt mit schweren Erfrierungen die Elephant Island. Aller Proviant war längst aufgebraucht, die Ernährung bestand aus Robben und Pinguinen. Am 24.  April 1916 verliess Shackleton mit fünf Gefährten auf einem winzigen Beiboot die Insel, um auf der 1300 Kilometer entfernten Walfangstation auf South Georgia Hilfe zu holen. Nach sechzehn Tagen im eisigen Südpazifik erreichten sie die Insel und überquerten zehn Tage lang hohe Gletscher, bis sie endlich die Station fanden. Mit drei Schiffen scheiterte Shackleton im Packeis beim Versuch, die zurückgelassenen Freunde zu bergen. Diese hatten inzwischen alle Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Am 30.  August 1916, nach 105 Tagen Festsitzen, erschien Shackletons Schiff am Horizont, er holte seine Mannschaft ab. Alle überlebten.

Dagegen mutet die derzeitig viel beklagte Krise wie ein Sturm im Wasserglas an. Wir leben nach wie vor in einem der besten, wenn nicht dem besten aller Länder, und unser eigentliches Problem ist nicht das Zuwenig, sondern das Zuviel. Davon möchte ich die wirklich Armen explizit ausnehmen. Hungern und frieren müssen allerdings auch diese nicht, Ernst Sieber und vielen andern Netten, einschliesslich des Sozialstaats, sei das ausdrücklich verdankt. Wir sind Lichtjahre entfernt von Darfour, dem Gazastreifen, Elephant Island, den letzten Tagen des Ersten und Zweiten Weltkriegs und – das wünsche ich Ihnen – vom Lungenkrebs, der Christoph Schlingensief töten will. Uns schadet es nicht, wenn wir keinen vierten Wintermantel kaufen können, auch Fredmund Malik ist ja mit drei Exemplaren zufrieden. Trotzdem scheint Abbau von Speckschichten wehzutun oder auch nur schon die Idee, den Wohlstand nicht weiter vermehren zu können. Unser genetisches Programm schreit nach immer mehr. Dabei wäre es heilsam, einmal wirklich ums Überleben kämpfen zu müssen, sich selbst aus einer Gletscherspalte zu retten wie Messner bei seinem Alleingang am Mount Everest oder Joe Simpson am Siula Grande. Oder Seehundknochensuppe und in Pinguinfett gedünstetes Seegras zu versuchen. Die geretteten Seeleute von Sir Ernest waren jedenfalls erstaunt, wie viele sinnlose Dinge es auf der ihnen zur Ehre angerichteten Festtafel zu geben schien.

Für jene, die weiterhin mehr wollen, bietet die Krise ungeahnte Chancen, dies entnehme ich der «SonntagsZeitung». Der stereotype Satz «Die Angehörigen werden psychologisch betreut» findet Anwendung, indem Opfer der Finanzkrise Trauerferien auf der griechischen Insel Ikaria buchen können. Wanderungen und Einzelgespräche helfen Pleitiers, ihre Schicksalsschläge aufzuarbeiten. Statt bei Ebbe Muscheln in Kreisen anzuordnen und bei Flut dem Zerfall nachzusinnen, empfehle ich Ihnen für allfällige Trauerarbeit lange Märsche und die Lektüre der Geschichte von Shackleton und seinen Männern.

Prof. Dr. med. Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich. Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.

Buchtipp

Adrenalin, Bullshit und Chemotherapie.

Texte von Oswald Oelz von A wie «Adrenalin» über H wie «Heldentaten» bis Z wie «Zu guter Letzt».

Obwohl Oelz mit seinen Ideen ansteckend wirkt, ist er weder Missionar noch Rezeptverkäufer. Er drängt sein Leben niemandem auf. Was fasziniert und anspricht, ist der nüchterne Blick des Doktors auf die menschliche Existenz, gepaart mit den Erfahrungen am Berg. Was er schreibt, ist unverstellt hart und wirkt gerade dadurch befreiend und tröstlich. «Glasklar erlebt man das Leben. Und ebenso glasklar den Tod.»

Gebunden, 168 Seiten

Normalpreis: SFr. 28.00

Abonnenten-Preis: SFr. 26.00