Das «Luzerner Tagblatt» vom 26. August 1892 berichtete unter dem Titel «Unsinniger Bergsport»: «Die Blätter erzählen bewundernd von einem erst 13½-jährigen Mädchen aus Lausanne, das als erstes weibliches Wesen die sogenannte Cile de l’Est der Dents du Midi bestiegen habe, und von ihrem gar erst 6½-jährigen Brüderchen, das am selben Tag die Tour auf die Spitze der Dents du Midi gemacht habe. Das Geschwisterpaar kehrte zu Fuss nach Vernayaz zurück und dampfte mit dem letzten Zug nach Lausanne zurück.» Diesen Zeitungsausriss finde ich zwischen den Seiten des 1885 von Emil Zsigmondy publizierten Werkes «Die Gefahren der Alpen. Praktische Winke für Bergsteiger».

Man empörte sich also schon damals über Risikobereitschaft und war gleichzeitig vom sinnlosen Tun fasziniert. Berater und Praktiker suchten Wege, um das Risiko zu minimieren – Zsigmondy nicht eben erfolgreich. Im selben Buch finde ich einen Ausriss aus dem «Vaterland» vom 12. August 1885: «Verunglückt. Der Arzt Dr. Emil Zsigmondy aus Wien stürzte beim Besteigen eines Gipfels der Dauphineer Alpen und blieb sofort todt.» Das Unglück ereignete sich einen Monat nach Publikation seines Buches. Er machte als Berater den Fehler, die von ihm beschriebene Tätigkeit auch selbst zu praktizieren.

Heute lesen wir solche Meldungen mit prickelndem Gruseln auf den vermischten Seiten der Zeitungen und gehen fest davon aus, dass uns selber das nicht mehr passieren kann. Schliesslich bemühen sich ganze Industrien darum, die Risiken des Lebens zu analysieren, zu eliminieren oder zumindest zu minimieren. Das Sicherheitsbedürfnis der Gesellschaft ist enorm. Man hat ja nur ein einziges Leben und möchte dieses möglichst lange geniessen. Und so hat sich unsere Lebenserwartung verdoppelt: Mammut, Pest, Pocken, Morgenstern, Kälte, Hunger und Tuberkulose sind überwunden. In den Alpen gibt es viele einzementierte Sicherungsmittel, die einen vor dem tödlichen Absturz bewahren könnten.

Manchmal jedoch merken wir, dass da etwas in uns ist, das nicht mitmacht, das unzufrieden ist. Ein archaisches System, das uns ermöglichte zu überleben, nachdem wir von den Bäumen hinuntergestiegen waren. Es ist jenes endogene Konzert der Mediatoren und Hormone, das einsetzt, wenn unsere Existenz in Gefahr ist, wenn unser Überleben von schnellen Reflexen, Maximalkraft, Sprintvermögen und kompromisslosem Agieren abhängt. Maschinen, Wälle und Sicherheitsindustrie einschliesslich der Rega-Helikopter haben das Konzert scheinbar unnötig gemacht und unsere Reflexe verkümmern lassen. Und das ist den meisten recht so. Das Abenteuer findet auf dem Bildschirm statt, und Gruseliges kommt völlig ungefährlich zu uns in die warme Stube zu Chips und Bier.

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Die vermeintliche fast absolute Sicherheit bedeutet aber den Tod des wirklichen Abenteuers und der intensivsten Lebensform, die erst am Limit stattfindet. Denn so brillant Roger auch spielen mag – irgendetwas fehlt in der Arena. Tennis ist eben ohne irgendeine Gefahr für Leib und Leben. Und wird darum irgendwann einmal langweilig. Wie auch die Formel-1-Rennen, in denen nur noch Material zu Bruch geht.

Deshalb gehen dann manche ins Casino, stürzen sich am Bungee-Seil in die Tiefe oder betreiben unsinnigen Bergsport. Wir brauchen Risiko, um Fun zu haben. Oder wie auf T-Shirts zu lesen ist: «If life gets boring, risk it!» Auch mir blieben jene Eskapaden in stärkster Erinnerung, bei denen ich all meine Kräfte mobilisieren musste, um irgendwie durchzukommen. Denn erst die Nähe des Todes macht das Leben wirklich intensiv. Vielleicht haben wir auch aus diesem Grund die «kleinen Tode» so gerne, die wir meist risikolos praktizieren können.

Damit will ich Sie keineswegs zu grenzenlosem Risiko verleiten. Es würde neben den erwähnten kleinen Toden schon genügen, täglich die Pulsfrequenz für 20 Minuten in den individuellen Hochbereich zu treiben und sich nass zu schwitzen. Am besten gleich nach dem Aufstehen in den Laufschuhen oder auf dem Spinning Bike. Denn schon das aktiviert das Körperkonzert und schafft Wohlgefühl. Damit liessen sich dann Börsentäler gelassener ertragen und frohgemut neue Gipfel ins Visier nehmen.

Prof. Dr. med. Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich. Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.

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