Wer sind die besten Manager des Jahres? Die Frage stellt sich mit der vorhersehbaren Regelmässigkeit von Silvesterfeiern jedes Jahr aufs Neue. Doch noch selten waren die Voraussetzungen für eine Langzeitbetrachtung dieser Spezies quasi unter Laborbedingungen so gut wie 1999. Denn die letzten zwölf Monate des Millenniums werden als eher geruhsameres Jahr in die Schweizer Wirtschaftsgeschichte eingehen. Zwar schlossen sich die Agrosparten von Novartis und Astra-Zeneca zusammen und ging die Alusuisse mit Pechiney und Alcan im grössten Aluminiumkonzern der Welt auf; zwar kaufte die Swisscom die deutsche Debitel und verkaufte dafür zusammen mit Siemens und Veba die gemeinsame Tochter Cablecom; zwar richtete sich Oerlikon-Bührle neu aus. Doch die spektakulären Grossfusionen der letzten Jahre fanden 1999 keine Fortsetzung, auf den Chefsesseln der Konzerne gab es wenig Änderungen, und auch von Aufsehen erregenden Pleiten wurde die Schweiz heuer verschont.

Beste Bedingungen für die Managerinnen und Manager also, sich ungestört von Turbulenzen auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren und ihre wahren Qualitäten zu zeigen. So gab es auch dieses Jahr zahlreiche Unternehmenschefs, die durch Spitzenleistungen den Respekt der Branche gewannen. Sie, die Besten ihres Faches, bilden zusammen das BILANZ-All-Star-Team 2000.

Dass darin Helmut Maucher in seinem letzten Jahr an der Nestlé-Verwaltungsratsspitze ein Ehrenplatz gebührt, war die wohl am wenigsten umstrittene Entscheidung der Redaktionsjury. Sie ist sozusagen eine Belohnung für sein Lebenswerk. Denn in den fast zwanzig Jahren, die Helmut Maucher an der Spitze der Nestlé stand – als CEO, als VR-Präsident oder als beides –, hat er den Konzern erst zu dem gemacht, was er heute ist: zum grössten Nahrungsmittelmulti der Welt. Als Maucher antrat, präsentierte sich Nestlé als leicht imagegeschädigtes Gebilde, gross zwar, aber auch ziemlich unübersichtlich und im Topmanagement Schweiz-lastig. Daraus hat Maucher ein wahrhaft multinationales Unternehmen geformt, das auf allen fünf Kontinenten verkauft und produziert, in dem die Frage der Nationalität für die Karriere fast keine Rolle mehr spielt. Ausserdem hat er Nestlé durch Zu- und Verkäufe so strukturiert, dass sie in allen Geschäftsfeldern jeweils zu den drei umsatzstärksten Unternehmen der Welt gehört. Der Mann hat Fokussierung praktiziert, als noch gar niemand diesen Begriff verwendete.

Ähnlich zielgerichtet geht Hansjörg Wyss vor, VR-Präsident im BILANZ-All-Star-Team. «Hansjörg Who?», hätte es vor zwölf Monaten noch geheissen, wenn die Rede auf den in die USA emigrierten Berner gekommen wäre. Seit der Fusion seiner US-Medizinaltechnikfirma Synthes mit der Baselbieter Stratec hat sich diese Situation aber geändert, und der Konzern ist in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt. In knapp dreissig Jahren baute Wyss eines der führenden Unternehmen im Bereich der operativen Knochenbruchbehandlung auf. Allein zwischen 1993 und 1998 verdoppelte Synthes den Umsatz auf 430 Millionen Dollar – und dies bei einer stolzen Betriebsertragsmarge von 36 Prozent. Den Ritterschlag verdiente sich der Harvard-Absolvent indes durch den Zusammenschluss mit Stratec. Die beiden Fusionspartner passen perfekt zusammen, bieten sie doch identische Produkte, aber in verschiedenen Märkten an. Dieses Jahr setzt Synthes-Stratec unter VR-Präsident Wyss rund eine Milliarde Franken um, wodurch sich die Firma als weltweite Nummer eins der Branche etabliert.

Doch was nützt die beste Strategie, wenn sie nicht richtig umgesetzt wird? Hier hat sich Göran Lindahl besondere Verdienste erworben und sich dieses Jahr endgültig aus dem übergrossen Schatten seines Vor- gängers Percy Barnevik gelöst: Lindahl treibt den Umbau des ABB-Konzerns mit einer Entschlossenheit voran, die ihm vorher kaum jemand zugetraut hätte. Die margenschwache Stromerzeugung, einst Kerngeschäft, hat er in ein Joint-Venture ausgegliedert und dafür mit Elsag Bailey den Weltmarktführer im rentableren Automationsgeschäft übernommen. Auch beim Verkauf des defizitären Lokomotivenherstellers Adtranz, einem anderen ehemaligen Kerngeschäft des Konzerns, bewies Lindahl gutes Timing: Den Ärger, den die drohende Schliessung der Werke in der Schweiz ausgelöst hat, hat nun alleine der Neueigentümer DaimlerChrysler am Hals. Der Umbau vom Schwerindustrie- zum Wissenskonzern ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber der Erfolg bereits jetzt messbar: Um rund 70 Prozent schoss die ABB-Aktie in den letzten zwölf Monaten nach oben – mehr als jeder andere SMI-Titel. Die Anleger haben Göran Lindahl damit zum CEO des Jahres gemacht. BILANZ schliesst sich dieser Einschätzung an.

Könnte man Aktien von Kantonen kaufen, stünden seine besonders hoch im Kurs: Franz Marty leitet das Finanzdepartement des Kantons Schwyz derart erfolgreich, dass ihn alle anderen Finanzdirektoren um seine Performance beneiden müssen. Dreimal in Folge konnte der «Schatten-Finanzminister der Schweiz» («Weltwoche») die Steuern senken. Mit dem neuen Gesetz werden die Schwyzer um weitere 15 Prozent entlastet. Diesmal profitieren die Kleinverdiener massiv – dank superreichen Steuerzahlern wie Martin Ebner oder Boris Becker. Logische Konsequenz: Im bilanz-Steuerrating 1999 ging der Kanton Schwyz als Sieger hervor – ebenso wie Marty in der Wahl zum Finanzchef des All-Star-Teams. Denn sein Ansatz funktioniert nicht nur in der Politik, sondern würde auch jedem Unternehmen gut anstehen: Hinter dem Steuerwunder steckt die Philosophie der tiefen Kosten. Nur ein funktionierender Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen ermöglicht einen kostengünstigen Staat. Voraussetzung dafür ist der neue Finanzausgleich. Im Kampf um die Standortgunst sollen die Kantone künftig gleich lange Spiesse erhalten. Noch ist der geistige Vater des politischen Megaprojektes nicht am Ziel seiner Träume. Bereits wird es von Subventionsjägern sabotiert, die um ihre Pfründen bangen.

Mit derartigen Problemen muss sich Hansueli Loosli, Verkaufschef im All-Star-Team 2000, nicht herumschlagen. Hansueli Loosli ist zwar «nur» der zweitgrösste Einzelhändler der Schweiz, dafür aber der weitaus dynamischste. Nachdem er im Januar 1997 den Vorsitz in der Geschäftsleitung der Coop Schweiz übernommen hatte, ging ein Ruck durch das Unternehmen. Mit den von seinem Geschäftsleitungskollegen Anton Felder schon vorher angestossenen ökologischen Produktelinien eilt Coop von Erfolg zu Erfolg. Und 1999 hat Hansueli Loosli der schon seit Jahrzehnten, wenn auch schleppend voranschreitenden Begradigung der Coop-Gruppe die Krone aufgesetzt. Aus den ursprünglich einmal gegen 500 weitgehend autonomen Einzelgenossenschaften hat er im zweit- letzten Schritt 14 gemacht – und im letzten noch eine. Kurz: Unter Hansueli Loosli wurde aus dem einstmals behäbigen Ladenkonglomerat ein schlankes und reaktionsfähiges Einzelhandelsunternehmen.

Neben Loosli gehört mit Beat Curti ein weiterer Schweizer Detaillist zu den erfolgreichsten Managern des Jahres. Der Händler mit dem langen Atem, der über viele Jahre hinweg die Idee der dritten Kraft zielstrebig verfolgt hat, konnte sie nun mit der Bildung der Bon appétit Group realisieren. Im Frühjahr führte Curti UHC (Pick Pay, Primo, Visavis) und Bon appétit (Prodega, Howeg, SSG) zu einer Gruppe zusammen, die mit 6000 Mitarbeitern über 3,5 Milliarden Franken Umsatz erzielt. Gleichermassen Stratege und Taktiker, konnte der gebürtige Luzerner, dessen Familie einst mit Kolonialwaren handelte, zwischen Migros und Coop eine Marktposition erobern, die bezüglich Ausbau noch viel Fantasie offen lässt. Genährt wird diese insbesondere durch das Internet, das für Curti schon sehr früh strategische Bedeutung erhalten hat (Netissimo, Le Shop). Da zudem noch geschickt verknüpft mit seinen Medieninteressen (Z Medien), haben Analysten und Investoren an Bon appétit ausserordentlich Gefallen gefunden. Die Börsenkapitalisierung bewegt sich auf eine Milliarde zu, was seit der Fusion einer Verdoppelung entspricht. Selbst für jemanden wie Curti, der sich geistig-religiös gerne in den Sphären des Himalajas bewegt, eine ausgesprochen irdische Freude.

Ebenfalls mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs ist Thomas Wirth, unsere Wahl zum Produktionschef des Jahres. Unter seiner Führung gelang der Mikron-Gruppe innert fünf Jahren der Sprung vom Werkzeugmaschinenhersteller zum Technologiekonzern. Den grossen Durchbruch hat Wirth diesen Frühling geschafft: Durch die Akquisition der Iplast gelang ihm der Einstieg in die Fertigung von Handygehäusen. Heute deckt Mikron nicht nur 40 Prozent des Weltmarktes für Kunststoffgehäuse ab, sondern stellt auch gleich die Maschinen zur Produktion der Kunststoffteile sowie die Montageautomaten her. Thomas Wirth bezeichnet den Einstieg von Mikron in die Mobiltelefonsparte – die neu Infocom heisst – als Sprung vom «Eilzug in den TGV». Mit ähnlich rasanter Geschwindigkeit entwickelt sich der neue Unternehmensbereich zur Geldmaschine, angetrieben durch den Boom im Handybereich. Dem zollt auch die Börse Respekt: Schon bei der Ankündigung der Akquisition schnellte der Kurs der Mikron-Aktie in die Höhe, und seither kennt die Kursentwicklung nur noch eine Richtung: steil bergauf.

Doch Gott sei Dank denken nicht alle Manager nur in den Kategorien des Shareholder-Value. Heliane Canepa erbrachte in diesem Sommer den Tatbeweis, dass Mitarbeiter nicht beliebig verschiebbares Humankapital sind, sondern Menschen mit Seele. Die US-Firma Boston Scientific hatte überraschend die Schliessung ihrer Tochtergesellschaft Schneider (Europe) in Bülach verfügt, der Canepa vorstand. In zwanzig Jahren hatte die gebürtige Vorarlbergerin den Katheterhersteller zu einem florierenden Unternehmen mit 550 Angestellten aufgebaut. Anstatt Wunden zu lecken, machte sie sich nach dem Entscheid auf die Suche nach Ersatz – und fand ihn in Gestalt der deutschen Biotronik. Die Firma übernimmt 350 Mitarbeiter; für weitere 200 hatte die Chefin schon vorher neue Jobs gefunden. Ihre Angestellten bezeichnete sie schon immer als ihre «Lieben», die sie fast alle mit Namen kennt – egal, ob diese philippinisch oder slawisch klangen. Canepa redet nicht nur von sozialem Bewusstsein, sie handelt auch danach. Eine bessere Empfehlung, um als Personalchefin ins BILANZ-All-Star-Team aufgenommen zu werden, kann es nicht geben.

Auf einer Welle des Erfolges schwamm dieses Jahr auch Mario Illien, Chefkonstrukteur beim Formel-1-Team McLaren Mercedes: Zum zweiten Mal hintereinander wurde Mikka Häkkinen mit dem von Illien entwickelten Rennmotor Weltmeister. Der auch als «Super-Mario» bekannte Churer gilt seit Jahren als Garant dafür, dass der deutsch-englische Rennstall immer wieder die besten Pferde in der Box hat. Und es ist ihm gelungen, den Mythos der Silberpfeile neu zu beleben, auch wenn Mercedes die Konstrukteurswertung dieses Jahr knapp an Ferrari abgeben musste. Bis er Zeit hat, seinen grossen Traum zu verwirklichen, wird er sich aber noch ein paar Jahre gedulden müssen. Illien, der in der Königsdisziplin des Motorsportes alles erreicht hat, was es zu erreichen gibt, träumt davon, «eines Tages einen Motor für ein Strassenfahrzeug zu bauen, einen richtig kleinen und sparsamen». Bis dahin findet er eine Anstellung als Forschungschef im All-Star-Team.

Den Turbo eingelegt hat auch PeterOhnemus. 1996 gründete er zusammen mit den Broadcasting-Spezialisten Lars Tvede und Frank Ewald in Zug The Fantastic Corporation. Obwohl gerade drei Jahre alt, beschäftigt die Firma heute bereits 230 Leute. Fantastic entwickelt Software für Breitband-Multimedia-Lösungen und hat es in diesem aufstrebenden Markt zum weltweit führenden Anbieter gebracht. Zwar steckt das Jungunternehmen tief in den roten Zahlen, doch die Zauberworte Internet und Multimedia sorgten seit dem Börsenstart am Frankfurter Neuen Markt für ein Kursfeuerwerk und machten Peter Ohnemus zum Multimillionär. Nicht nur im Hardware-, auch im Softwaregeschäft kennt sich Peter Ohnemus bestens aus. Dazu gesellen sich Managementerfahrungen in mehreren Unternehmen. Eine perfekte Kombination für den Posten des IT-Chefs im All-Star-Team.

Kein Zweifel: Ein Unternehmen, das mit derart hoch qualifizierten und erfolgreichen Managern besetzt ist wie unser All-Star-Team, kann Berge versetzen. Doch die Erfolge müssen auch entsprechend an die Öffentlichkeit gebracht werden. Das kann keiner so gut wie Christoph Blocher, der als Kommunikationschef das All-Star-Team komplettiert. In den letzten achtzig Jahren hat keine Partei einen so grossen Sprung nach vorn gemacht wie 1999 seine SVP. In 8 von 26 Kantonen ist die militante Mittelstandspartei nun die stärkste Kraft. Der gelernte Bauer hat seine Strategie mit eiserner Konsequenz und brutaler Härte verfolgt und die Parteienlandschaft mit dem Einsatz gewaltiger finanzieller Mittel umgepflügt. Am rechten Rand der SVP wächst kein Gras mehr. Lange Zeit behandelten die Medien den schlagfertigsten Debattierer des Landes wie einen Aussätzigen. Heute garantieren Blocher-Auftritte den konkurrierenden TV-Sendern hohe Einschaltquoten. Zu den Medien pflegt der milliardenschwere Politstar ein ambivalentes Verhältnis. Mal ködert er die Journalisten, diese «windige Gesellschaft» (Blocher), mit Zuckerbrot, mal züchtigt er sie mit der Peitsche. Bis heute hat der grossen Konfliktfigur auch nicht gescha-det, dass er seine Gegner vor den Kameras immer öfter mit Herablassung bestraft.
Keiner beherrscht und diktiert die öffentliche Diskussion hier zu Lande so wie Christoph Blocher.

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