Alles fing vor rund sechs Jahren mit einem Tele­fonanruf an. SVP-Nationalrat Rudolf Joder wollte Jobst Wagner* für eine Nationalratskandidatur gewinnen, denn es fehlte seiner Partei an Unternehmern. Der Präsident und Mit­eigen­tümer der Rehau Gruppe reagierte überrascht – und sagte dann nach reif­licher Überlegung ab. Der Anruf habe aber viel ausgelöst, betont er heute. Er sei Rudolf Joder dankbar. Früher habe er die innenpolitischen Debatten mal mehr, mal weniger verfolgt, von da an aber las er die Zeitungen inten­siver, schaute die Fernseh-«Arena» mit anderen Augen.

Kurz darauf stieg Wagner als Aktionär und Verwaltungsrat bei der Zeitschrift «Schweizer Monat» ein, wo er regel­mässig Texte veröffentlicht. 2012 ent­wickelte er ein Konzept für einen Strategierat21, der die Schweiz von morgen prägen sollte, ein Jahr später gründete er basierend darauf die Stiftung StrategieDialog21 und engagiert sich seit kurzem im Verein Vorteil Schweiz, der die bilateralen Verträge mit der EU sowie das Völkerrecht bewahren will. «Ziviles Engagement ist zu meinem Lebensmittelpunkt geworden», sagt er.

Ideenwettbewerb lanciert

Wagners neustes Projekt nennt sich Wunsch-Schloss und ist ein Ideenwettbewerb, den er gemeinsam mit dem CS-Banker Hans-Ulrich Müller** lanciert hat, dem Vater der KMU-Plattform Swiss ­Venture Club (SVC). Damit wollen die beiden den Graben wieder zuschütten, der sich im Lauf von 30 Jahren Globalisierung zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik geöffnet hat. Oder jedenfalls einen Beitrag leisten, damit dieser wieder etwas kleiner wird. Ihr gemeinsamer Aufruf: Unternehmer und Bürger, Firmenchefs und «Büezer» sollen jetzt – im Wahljahr – online ihre Wünsche und Wirtschaftsanliegen an die Politik ein­reichen.

Eine Jury, der unter anderem der ­Unternehmer Thomas Sterchi, der Schriftsteller Lukas Bärfuss und der Economie­suisse-Chefökonom Rudolf Minsch angehören, wählt die zehn besten Ideen aus. Alle hätten sofort zugesagt, ebenso wie die Politiker von den Grünen bis zur SVP, die im Beirat sitzen. «Das beweist, dass wir mit dieser Initiative den Nerv treffen», sagt Müller.

Showdown in Thun

Die zehn Finalisten gewinnen je zehn Minuten Redezeit und können ihre ­Wünsche am 9. Juni im Schloss Thun präsentieren, das Müller über die gemeinnützige Schlossberg AG gehört. Das Publikum wählt dort einen ­Sieger. Im Sommer darf dieser sein Wirtschaftsanliegen den General­sekre­tä­ren aller grossen Parteien präsentieren. Die Eingabefrist läuft noch bis Ende April. Der Rücklauf sei gut, betonen die Initianten.

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Doch damit ist es nicht getan. «Das wird keine einmalige Aktion», sagt Müller. «Wir werden dranbleiben und weiter den Dialog suchen – insbesondere im Herbst vor den Wahlen.» Denn er erwartet von den Parteien, dass sie die Anliegen ernst nehmen – und wenn möglich auch in den politischen Prozess einspeisen. «Das werden wir genau beobachten», sagt Müller.

Der Hartnäckige

Hartnäckig sein, das kann er. Das hat er schon oft bewiesen: 2001 gründete er als Privatperson gemeinsam mit Elisabeth Zölch Bührer, der Präsidentin des Arbeitgeberverbandes der Uhrenindustrie, und dem Anwalt Beat Brechbühl den SVC als Austausch-Plattform für KMUs. Er gab 2003 das Startkapital im Wert von 25'000 Franken für den ersten Unternehmenspreis, weitete den Club nach und nach von der Region Bern auf die ganze Schweiz aus, fand Sponsoren – und gewann seine Arbeitgeberin, die Credit ­Suisse, als Partnerin, die gar einen Fonds von 100 Millionen Franken äufnete für KMUs mit zu wenig Eigenmitteln. Und wo das Geld zu knapp wurde und ein ­Unternehmen vor dem Schliessungsentscheid stand, stieg Müller selber ein – etwa bei der Kartonfabrik Deisswil. Der umtriebige Optimist sieht überall Chancen, wie er selbst sagt.

Im Vorfeld der Abstimmung über die 1:12-Initiative hat sich Hans-Ulrich Müller erstmals in eine politische Debatte eingemischt. «Es war mir eine Herzensangelegenheit», wie er sagt. Dafür erntete er aus den Reihen des SVC viel Lob, aber auch Kritik, da es unter den Mitgliedern des eigentlich politisch neutralen KMU-Vereins auch Befürworter des Anliegens der Jungsozialisten gab. Das bewog ihn dazu, ein Podium zur 1:12-Initiative zu organisieren – und beiden Seiten eine Plattform zu geben.

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Gefragte politische Debatte

Die politische Debatte ist jetzt gefragter denn je, wie Müller sagt. Denn das Ja zur SVP-Zuwanderungsinitiative hat die Wirtschaft unsanft wachgerüttelt. Und da die etablierten Wirtschaftsverbände zwar das Problem benennen, aber gegenüber der SVP Beisshemmungen zeigen und sich bis anhin weder durch Kampfgeist noch Engagement auszeichneten, formieren sich Unternehmer selber, in ­alternativen Gruppierungen.

Sie organisieren Appelle im Internet, gründen Vereine und Initiativkomitees. Oft findet man dieselben Akteure gleich in mehreren Gremien, wie zum Beispiel Jobst Wagner und Hansjörg Wyss, wie den FDP-­Nationalrat und Unternehmer Ruedi Noser, den ehemaligen Staatssekretär und Noch-CS-Verwaltungsrat Jean-Daniel Gerber oder die PR-Agentur Furrerhugi. Bemerkens­werterweise haben mehrere dieser neuen Gruppierungen ihren Ursprung in Bern und nicht etwa im Wirtschaftszentrum Zürich.

Träge Egoisten

So unterschiedlich der zurückhaltend wirkende Wagner und der nur so vor Energie strotzende Müller sind, gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, dass sie nicht länger untätig zuschauen wollen, wie sich die Schweiz selbst ­demontiert – als Wirtschaftsstandort, aber auch als Gesellschaft. Müller beklagt, dass Erfolg und Wohlstand träge machten, dass Errungenschaften für selbstverständlich angesehen würden und jeder nur noch für sich schaue. «Es braucht mehr Dialog, mehr Austausch.» Auch zwischen Wirtschaft und Politik.

Das ist für Müller, der sich als «blosser Vermittler» sieht, die Basis für Innovation, aber auch dafür, dass die Gesellschaft das «grosse Bild» nicht aus den Augen verliere – einer seiner Kernwerte, gemeinsam mit der «innergesellschaftlichen Solidarität» und der «Zusammenarbeit im Team», das im Idealfall wie eine Familie funktioniere. Und in diesem Prozess habe auch die Wirtschaft eine Bringschuld. Das Wunsch-Schloss sei eine Antwort, ein Zeichen. Und auch ein Versuch, wieder eine gemeinsame Sprache zu entwickeln.

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Innerer Antrieb für Wagner ist sein Kampf für die Werte, die auch beim StrategieDialog21 zuoberst stehen: Freiheit und Verantwortung. Das Wort «liberal» verwendet er mit Absicht nicht, denn es werde von links bis rechts missbraucht. Frei ist gemäss Bundesverfassung nur, wer seine Freiheit auch gebrauche. Doch dazu müsse man gegen die eigene Bequemlichkeit ankämpfen. «Das machen zu wenige. Freiheit ist nicht sexy.» Doch es sei nötig. «Wir leben heute in einer neuen Art Spiesser­tum», beklagt Wagner. In einer Welt, in der alles durchreguliert werde – vom Hundekurs über einen ausufernden Verkehrsregelkatalog bis hin zum kleinsten Bankgeschäft.

Es braucht ein neues Narrativ

Wagner spricht von einer «Wohlstandsverwöhnung» und staunt über die hierzulande grassierende Selbstüberschätzung. «Uns geht es zu gut», sagt er. «Wir nehmen uns zu wichtig, sind uns unserer Rolle nicht mehr bewusst.» Die Annahme der SVP-Zuwanderungsinitiative am 9. Februar 2014 hat ihn «tief getroffen». Nach anfänglicher Ratlosigkeit engagiert er sich nun mit Hansjörg Wyss, einem guten Freund, im Verein Vorteil Schweiz, der zwei klar definierte Ziele verfolgt: die Sicherung der bilateralen Verträge mit der EU sowie den Erhalt des Völkerrechts und damit auch der Menschenrechte.

Wyss hatte seinen Missmut über die Zuwanderungsinitiative bereits im vergangenen Oktober in einer fulminanten Rede im Rahmen eines Kongresses über die Zukunft junger Forscher in Bern kundgetan – und dabei nicht nur die SVP kritisiert, sondern auch die Feigheit ihrer politischen Gegner: «Warum habe ich selbst noch nie von einer anerkannten Schweizer Persönlichkeit, sei es ein Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer, eine enthusiastische Aussage ohne negativen Unterton über die EU, ihre Entstehung und ihren ausserordentlich positiven geopolitischen und wirtschaftlichen Beitrag zur Entwicklung der Länder­ Europas seit dem Zweiten Weltkrieg gehört?»

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Auch Wagner sieht Nachholbedarf bei jenen Parteien und Kräften, die bis anhin für eine offene Schweiz votiert haben. «Sie sagen wenig.» Jetzt muss also ein neues Narrativ her – für die Schweiz, für Europa. «Wir müssen eine positive Geschichte entwickeln», betont Wagner, «ein neues Bewusstsein schaffen.»

Heute wird der politische Diskurs von der SVP-Schweiz dominiert, welche die Vergangenheit beschwört und die Abschottung propagiert. Ziel von Vorteil Schweiz ist es, eine «breite Volks­bewegung» zu werden, offen für alle. Wenn andere dem Aufruf folgten und übernähmen, dann könne er wieder in die zweite Reihe zurücktreten, sagt Jobst Wagner. Denn die ihm von den ­Medien zugetragene Rolle als Anti-­Blocher behagt ihm nicht. «Aber jetzt muss jemand hinstehen.»

Aus der Deckung

Unternehmer und Manager, die sich hinauswagen und mit einer politischen oder gesellschaftlichen Meinung an die Öffentlichkeit treten, riskieren, zum Buhmann zu werden. Dessen ist sich Wagner durchaus bewusst und verweist auf den Sturm der Entrüstung, der über UBS-Chef Sergio Ermotti hereinbrach, als dieser sich Mitte Februar in einem Gastbeitrag in mehreren Zeitungen zu Wort meldete und davor warnte, dass das «Erfolgsmodell Schweiz» gefährdet sei. Aber anders als der Grossbanklenker wollen Wagner und auch Müller nicht nur kurz für Schlagzeilen sorgen und dann wieder in der Versenkung verschwinden, sondern den Dialog mit der Politik langfristig sichern.

Selbst aktiv in die Politik einsteigen hingegen wollen die beiden nicht. Weder Müller, der seit 30 Jahren Mitglied der SVP ist, noch der parteilose Wagner, der letztlich sein politisches Engagement einer persönlichen Anfrage aus der SVP verdankt. Sie hätte aber auch von einer anderen Partei stammen können. Aber eben, die haben nicht gefragt.

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*Jobst Wagner (56) ist ­Miteigentümer und Präsident der Rehau Gruppe mit Sitz in Muri BE. In der Öffentlichkeit trat er bis anhin vor allem als Kunstförderer und Präsident der Berner Kunsthalle auf oder als Spender des Schweizer Buchpreises. Seit einigen Jahren engagiert er sich auch als Politmäzen, unter anderem mit dem StrategieDialog21 und dem ­Verein Vorteil Schweiz.

**Seit 33 Jahren ist Hans-Ulrich­ Müller (65) Banker. Er stieg bei der Volksbank ein und machte bei der CS Karriere. 2001 gründete er die KMU-Plattform Swiss Venture Club (SVC), die er nach und nach ausbaute. Der Verein setzt sich für die Interessen der KMUs ein und fördert auch den Austausch mit der ­Politik – aktuell mit dem Ideenwettbewerb Wunsch-Schloss.