Sie haben sich selten getroffen, denn beide sind voll beschäftigt. Aber per E-Mail und Telefon standen Anne Menétrey und Gocha Bongila im vergangenen Jahr in ständigem Kontakt, Menétrey als Mentorin, Bongila als Ratsuchende.

Nun läuft das Mentorat - wie üblich - nach zwölf Monaten aus. Bongila hat noch keine neue Anstellung gefunden. «Aber wir haben ihre Perspektiven und ihre Vernetzung in der Berufswelt erweitern können», sagt Menétrey, HR-Fachfrau mit eidgenössischem Fachausweis.

Bongila ist Juristin. Sie hat 2011 in der Schweiz Asyl erhalten und arbeitet im Telefondienst einer Telecom-Firma. Immer noch. Sie hatte im Kongo ein Jus-Studium mit einem Lizenziat in öffentlichem Recht abgeschlossen und war zuletzt in der Rechtshilfe angestellt.

Verlust für die Schweiz

«Frau Bongila ist ein Beispiel von vielen für die Dequalifizierung, die mit der Migration einhergeht», sagt die Sozialwissenschaftlerin Anne-Claude Gerber in Lausanne. «Solche Fälle gibt es zu Tausenden in der Schweiz.» Wie viele genau, kann auch sie nicht sagen, denn bisher gibt es keine offiziellen Statistiken dazu.

Die Politik und die zuständigen Stellen interessieren sich wenig dafür, sagt Gerber, denn die betroffenen Personen kosten den Staat nichts: «Sie oder ihre Lebenspartner bestreiten ihr Leben selbst, so gut es geht.» Sie deshalb zu vernachlässigen, ist aber dumm angesichts des Mangels an Fachkräften in der Schweiz. «Die Dequalifizierung der Zugewanderten bringt einen dreifachen Verlust mit sich: für ihr Ursprungsland, für sie selbst und auch für die Schweiz.»

Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern

Als Gerber im Rahmen ihrer Masterarbeit 2008/9 die Statistiken zur Migration durchforstete und das Ausmass der Diskrepanz zwischen fachlicher Qualifikation und beruflicher Tätigkeit der Zugewanderten ermittelte, war für sie klar, wofür sie sich engagieren wollte: «Es war einfach evident. Diese zugewanderten Menschen sind eine enorme Ressource für unsere Wirtschaft, keine Belastung. Man muss nur Wege finden, ihnen den Zugang zum hiesigen Arbeitsmarkt zu erleichtern.»

Neben sprachlichen Schwierigkeiten und der Nichtanerkennung der Diplome und bisherigen Berufserfahrungen spielen Hindernisse eine Rolle, die sich nicht quantifizieren und reglementieren lassen: fehlende persönliche Kontakte zu beruflichen Netzwerken, mangelnde Vertrautheit mit spezifischen Gepflogenheiten der hiesigen Berufswelt und damit einhergehende Unsicherheit im Ergreifen eigener Initiativen und im persönlichen Auftreten.

Anzeige

Mit Coaching Hürden überwinden

Solch informelle Hürden zu überwinden, ist nur mit persönlichem Coaching möglich. Um diese zukunftsweisende Idee zu konkretisieren, liess sich Gerber 2009 von Projekten in anderen Ländern inspirieren. «Ich habe mich in England und Österreich erkundigt.»

Der organisatorische und finanzielle Aufwand ihres Vorhabens war nur im Rahmen einer grösseren Institution zu bewältigen. Sie wandte sich deshalb an öffentliche und private Instanzen. In der EPER (Entraide protestante Suisse), dem Zweig des HEKS in der Romandie, fand sie den institutionellen Rahmen, die Kantone Waadt und Genf, das eidgenössische Staatsekretariat für Migration und private Organisationen steuerten die nötigen Finanzen bei.

So konnte das Pilotprojekt «Mentorat Emploi Migration» (MEM) 2010 in den Kantonen Waadt und Genf starten. Nun bewährt es sich schon im siebten Jahr.

20 Mentorate pro Kanton

Pro Kanton laufen ständig etwa 20 Mentorate. Gerber führt Gespräche mit den Personen, die sich für das MEM bewerben, und mit solchen, die bereit sind, sie zu beraten. Knapp zwei Drittel derjenigen, die sich bewerben, können dann auch tatsächlich von einem Mentorat profitieren.

Die Hauptschwierigkeit besteht darin, die passenden Mentorinnen und Mentoren zu finden. Diese müssen sich über eine grosse Berufserfahrung ausweisen, solide Kenntnisse der Stellensituation in ihrem Bereich haben und willens sein, Gratisarbeit zu leisten. Dazu sind sie hauptsächlich deshalb bereit, weil sie ihre Erfahrungen nutzbar machen und ihnen mehr Sinn geben können und weil sie den interkulturellen Austausch als persönliche Bereicherung empfinden.

Persönliche Vernetzung erweitern

So auch Jean-Baptiste Rasson, der nun schon sein drittes Mentorat macht. Er arbeitet im Risikomanagement einer weltweit tätigen Privatbank in Genf und coacht gegenwärtig Romnea Meach, eine Ökonomin aus Kambodscha. Meach hatte in der Nationalbank ihres Heimatlandes eine Kaderposition mit Forschungsauftrag inne. In der Schweiz bekam sie bisher nur befristete Mandate. «Entscheidend ist, dass Frau Meach ihre persönliche Vernetzung erweitert, um im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein», sagt Rasson.

Meach ist nicht als Asylsuchende in die Schweiz gekommen, sondern aufgrund ihrer Heirat. Das MEM war ursprünglich zwar auf Personen aus dem Asylbereich ausgerichtet. Doch diese scheinen grössere persönliche und institutionelle Hemmnisse zu empfinden, sich beim MEM zu bewerben. Inzwischen bilden deshalb Personen, die im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz gekommen sind, zwei Drittel der Ratsuchenden.

Anzeige

«Tränen geweint vor Glück»

Zu ihnen gehört auch Adnan Nazic aus Bosnien. Er hat das Mentorat vor einem Jahr abgeschlossen und arbeitet nun als Assistenzarzt mit dem Ziel, einen eidgenössischen Facharzttitel zu bekommen.

Sein Mentor, Jonathan Mengu, Oberarzt im Kinderspital Lausanne, war überglücklich, als er damals von der Anstellung Nazics erfuhr: «Ich habe fast Tränen geweint vor Glück. Die grosse Anstrengung hat sich gelohnt. Ich wäre selbst so froh gewesen, es hätte so etwas wie das MEM gegeben, als ich als junger Arzt aus Kamerun in die Schweiz kam. Deshalb beginne ich nun mit einem zweiten Mentorat. Es ist sehr schwer, Zugang zum System zu finden, wenn man anderswo ausgebildet wurde. Das Mentorat stellt schlicht eine etwas grössere Chancengleichheit für Zugewanderte her.»

Grosse Hürden trotz vielen Abschlüssen

Selbst ein Schweizer Diplom reicht oft nicht aus, die Hürden zu überwinden. Lena Ong hat in Singapur mehrere Universitätsabschlüsse erworben (Wirtschaft, Mathematik, Sportpädagogik) und besitzt für die Schweiz ein Postgraduiertendiplom in Hotelmanagement. Dass sie immer noch keine entsprechende Stelle gefunden hat, liegt neben ihrer Situation als Eingewanderter auch daran, dass sie ihre berufliche Tätigkeit mit den Aufgaben einer Mutter vereinbaren muss.

Bruno Stierli, Fachmann im Hotel-Management, arbeitet seit bald einem Jahr mit ihr. Das Duo stand bisher mindestens vierzig Mal, also fast wöchentlich, per Skype in Verbindung. Stierli wird erst zufrieden sein, wenn Lena Ong einen festen Vertrag in der Tasche hat. Sie selbst ist schon froh, dass sie jetzt mehr und gezieltere Angebote machen kann und auch häufiger zu Einstellungsgesprächen eingeladen wird.

Anzeige

Relativ wenige feste Anstellungen

Tatsächlich erlangen nur etwa ein Viertel bis ein Drittel der im Mentorat Begleiteten eine feste Anstellung, die ihren Qualifikationen entspricht. «Die Übrigen müssen weiter suchen», sagt Gerber. «Aber sie sind nun besser dafür gerüstet, wissen, was sie unternehmen müssen. Und das Wichtigste: Sie haben ihre berufliche Identität und ihre Eigeninitiative wieder gefunden.»

Diese steht im Zentrum des Mentorats. «Die Betroffenen müssen sich selbst bewerben, sowohl bei uns wie dann bei möglichen Arbeitgebern», sagt Gerber. «Unsere Aufgabe besteht in der Vermittlung, wir ersetzen weder Sozialdienste noch Bildungsangebote.» Das Gleiche betont auch Jean-Baptiste Rasson als erfahrener Mentor: «Die Personen, die wir beraten, bleiben federführend in der Stellensuche. Sie bestimmen das Tempo im Duo. Der Mentor ist die begleitende Stütze.»

Anzeige

«Kein festes Strickmuster»

Deshalb hat auch jedes Mentorat seine eigene Verlaufsform. «Es gibt kein festes Strickmuster», meint Rasson, der das nun ja schon zum dritten Mal erlebt. «Jedes Duo ist ein phantastisches menschliches Abenteuer. Jede Person hat ihren eigenen Werdegang und offenbart im Mentorat manchmal einen Teil ihrer persönlichen Schwierigkeiten.»

Als Koordinatorin des Ganzen greift Gerber nur punktuell ein: Zu Beginn sorgt sie dafür, dass in einer Vereinbarung die Rahmenbedingungen festgelegt werden; im weiteren Verlauf bemüht sie sich darum, in zwei Telefon-Checks den Fortgang der Arbeit einzuschätzen; zudem moderiert sie sogenannte Café-Mentors, das heisst Treffen der Mentoren, die ihre Erfahrungen austauschen; zum Schluss führt sie eine Bilanzsitzung durch, um das Ganze auszuwerten.

Anzeige

Als Erfolgsprojekt ausgezeichnet

Es kommt selten vor, dass ein Mentorat abgebrochen wird, weil eine der beteiligten Personen ihre Rolle falsch versteht, zu viel erwartet oder zu wenig Zeit hat. Wer ein Mentorat leitet, hat meist eine grosse berufliche Erfahrung, gerade auch im zwischenmenschlichen Umgang, oder gar eigene Erfahrungen mit der Migration wie zum Beispiel Jonathan Mengu, der Oberarzt, oder Bruno Stierli, der Hotel-Manager.

Häufig melden sich auch frisch Pensionierte, die Zeit haben, ihre Berufserfahrungen nutzen, und ihr Netzwerk aufrechterhalten wollen. Es gibt ungefähr gleich viel Mentorinnen und Mentoren, und sie kommen aus den verschiedensten Bereichen: Wirtschaft und Finanzen, Naturwissenschaften und Technik, Bildung und Verwaltung.

Als Erfolgsprojekt erwiesen

Das MEM hat sich in den sechs Jahren seiner Existenz als Erfolgsprojekt erwiesen. Das wurde ihm anlässlich einer Evaluation durch das SFM, das Schweizerische Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien der Universität Neuenburg, und durch die Auszeichnung mit dem Prix «Domaine social» der Waadtländer Kantonalbank BCV schon früh bestätigt.

«Aber es bleibt vorläufig ein Miniprojekt», sagt Gerber, «beschränkt auf die Kantone Waadt und Genf.» Warum? «Die zuständigen Stellen haben noch zu wenig erkannt, dass auch Personen, die aus Ländern ausserhalb der EU kommen, über valable Qualifikationen und solide Berufserfahrungen verfügen und dass man diese durch eine individualisierte Vorgehensweise zur Geltung bringen kann.»

Freunde geworden

Hier liegt ein Potential für die Zukunft, das es auch in der übrigen Schweiz auszuschöpfen gälte, gerade jetzt, angesichts des drohenden Einwanderungsstopps, da es darum geht, die schon im Land ansässigen Kräfte zu nutzen.

Anne Menétrey und Gocha Bongila haben sich nun zum abschliessenden Bilanzgespräch mit Anne-Claude Gerber getroffen. «Es war vor allem ein schönes menschliches Abenteuer», sagt Menétrey. «Unsere Beziehung wird über das Mentorat hinaus bestehen bleiben, denn wir sind Freundinnen geworden, und Gocha Bongila wird auch künftig jederzeit auf mich zählen können.»

(sda/ccr)