Bei unserem letzten Interview vor dreieinhalb Jahren ­sagten Sie: «Trump wird ein neuer Reagan.» Ist er das geworden?
Wirtschaftlich ist er sogar besser, und das will etwas heissen. Aber er hat einen ganz ­anderen Stil als Reagan, der ein perfekter Gentleman war. Das bringt ihm extrem viel Feindseligkeit ein.

Was hat er für die Wirtschaft besser ­gemacht als Reagan?
Wir haben die grosse Senkung der Unternehmenssteuer durch den Kongress bekommen, sie war mein Baby. Wir hatten die längste Wirtschaftserholung in der amerikanischen Geschichte. Als Trump übernahm, befand sich die Wirtschaft ­bereits seit 2009 auf einem Erholungspfad. Trump verlängerte ihn, aber mit noch ­besseren Werten: Wir hatten die tiefste Arbeitslosenrate, keine Inflation, starkes Wachstum und eine boomende Börse.

Dann kam Corona. Wie schlimm ist die aktuelle Situation?
Der Vorteil war, dass die Pandemie die US-Wirtschaft in einer ungewöhnlich starken Phase traf. Wäre sie mitten in einer Re­zession gekommen, hätte sie viel grössere Probleme verursachen können. Wir hatten eine derartige Pandemie nicht seit 1918. Wir hatten kleinere Ausbrüche wie Mers, Sars, Ebola, aber sie waren überhaupt nicht zu vergleichen mit Covid-19. Natürlich passieren da viele Fehler, aber niemand macht sie absichtlich.

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Der Veteran

1974 malte Arthur Laffer vor Vertretern der US-Regierung unter Gerald Ford seine Laffer-Kurve auf eine Serviette. Sie besagt, dass die Senkung von zu hohen Steuersätzen zu Steuer-Mehreinnahmen führt. Laffer war der wichtigste Wirtschaftsberater Ronald Reagans und schuf mit diesem die Reaganomics: Steuersenkungen, Deregulierung, Wachstumsfokus. Ausgebildet in Yale und Stanford, ist er der bekannteste Vertreter der «Supply Side Economics»: Sie wollen die Firmen entlasten, um Wachstum zu schaffen. Heute betreibt der 80-Jährige die Beratungsfirma Laffer Associates in Nashville, Tennessee.

Wie bewerten Sie die Reaktion Trumps?
Der Präsident hat aus meiner Sicht korrekt gehandelt: Er delegierte all die grossen Entscheidungen an die Gouverneure und die Gesetzgeber der Bundesstaaten, sodass jeder Staat so vorgehen konnte, wie es seinen Interessen entsprach. Einige Staaten machten grosse Fehler, andere Staaten lernten von ihnen. Die höchsten Todes­zahlen gab es in New York, New Jersey und Connecticut, aber so konnten die anderen Gouverneure lernen, was sie nicht tun sollten. Die Staaten haben sich sehr schnell angepasst. Es war wieder einmal beein­druckend zu sehen, wie dieses Wett­bewerbsmodell zwischen den Staaten funktionierte.

Trump hat das Virus verharmlost. Er war auch lange gegen Masken.
Es war nicht Trump, der am Anfang gegen die Masken war, sondern sein Berater ­Anthony Fauci. Wenn der weltweite Top-Virologe sagt: Masken sollen nicht getragen werden – wie soll der Präsident, der ein Business-Mann ist, dann reagieren? Dann hat Fauci seine Meinung geändert, und Trump folgte ihm.

Trump ist ein Rüpel. Hätte er nicht mehr Erfolg, wenn er den Stil Reagans übernähme?
Ich weiss es nicht. Es war stets ein Vergnügen, mit Reagan zu arbeiten, er war immer ein wundervoller Mensch und extrem höflich. Ich habe auch viel Zeit mit Trump verbracht. Er ist witzig, er ist umgänglich, er entscheidet sehr schnell. Trump erinnert mich viel mehr an Reagans Berater. Er ist ein CEO, er ist der Boss. Reagan war nie ein CEO, er hat nie eine Firma geführt. Seine Berater hatten mehr Macht, sie setzten seine Pläne um, dafür liebten sie ihn. Die Berater von Trump lieben ihn nicht, sie haben Angst vor ihm, weil er die Entscheidungen trifft.

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Haben Sie auch Angst?
Ich werde nicht vom Weissen Haus bezahlt, meine Bezahlung ist null, ich berate nur. Ich treffe Trump oft, spreche auch oft mit ihm am Telefon. Er regiert aus ­einer Wirtschaftsoptik heraus, das unterscheidet ihn von allen anderen Präsidenten. Man mag ihn nicht mögen. Aber nur wenige CEOs sind liebenswert. Die will man nicht umarmen. Aber sie machen den Job.

Sehen wir eine V-Erholung?
Der Dow Jones fiel von 29 000 auf 18 000 Punkte, jetzt hat er fast wieder das Niveau der Vor-Corona-Zeit erreicht. Der Markt glaubt also an das V.

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Sie auch?
Es hängt vom Ausgang der Wahl ab. Ich mag Joe Biden sehr: Er ist der bestmög­liche Kandidat für die Demokraten, er ist ein guter Mann. Auch Kamala Harris, seine Vizepräsidentschafts-Kandidatin, ist eine überzeugende Persönlichkeit. Als Staatsanwältin in Kalifornien hat sie einen verdammt guten Job gemacht. Ein besseres Ticket hätte ich mir nicht vorstellen können. Aber ich werde dennoch Trump ­wählen. Denn wenn Biden gewinnt, wird er die Steuersenkung teilweise zurück­drehen, er wird weniger auf Wachstum und mehr auf Regulierung setzen. Die Wirtschaft wird deshalb unter Biden nicht so gut laufen wie unter Trump.

Die Umfragen zeigen: Beim Thema ­Wirtschaft trauen die Amerikaner Trump noch immer mehr zu als Biden.
Ja, hier gilt Trump sogar als kompetenter als Reagan. Reagan kam nach Carter, das war für die USA ein Segen, denn die Ausgangslage war sehr schlecht. Trump kam nach Obama, der sehr populär war und als Präsident überzeugt hatte.

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Sie bezeichnen sich als Freihändler und prognostizierten vor vier Jahren, dass Trump nie einen Handelskrieg lostreten würde. Hat er aber eigentlich schon.
Nein, das tat er nicht. Das Abkommen ­zwischen den USA, Kanada und Mexiko ist viel besser als der bisherige Nafta-Deal. Mit Japan haben wir jetzt deutlich mehr Freihandel, und auch der Deal mit China ist eine Verbesserung. Europa ist noch offen, aber auch mit Grossbritannien werden wir mehr Freihandel bekommen. Alle Präsidenten haben den Handel als Waffe benutzt gegen Länder, die sich schlecht benehmen. Wir sollten keinen Freihandel haben mit Iran oder Nord­korea. Mit China haben wir ernsthafte ­Probleme, aber der Handelspakt ist noch immer intakt. Ohne China kann Walmart nicht funktionieren, und ohne Walmart gibt es keinen Wohlstand für die ameri­kanische Mittelklasse. Wir brauchen China genauso dringend, wie China uns braucht.

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2016 prognostizierten Sie als einer von wenigen Ökonomen einen Trump-Sieg.
Das basierte nicht auf meiner persönlichen Einschätzung, sondern auf einem Modell, das ich erstellt hatte. Ich hatte mehrere Kennziffern untersucht: Alle Primaries in jedem Bundesstaat, die Wahlbeteiligung, die Daten von den lokalen Behörden, die Meinungsumfragen seit 1952, die Entwicklung der Wirtschaftsleistung pro Kopf. Aufgrund dieses Modells kam ich zu der Schlussfolgerung, dass Trump gewinnen würde. Das war nicht meine Meinung, sondern meine Analyse. Ich persönlich hatte eher geglaubt, dass Hillary gewinnen würde. Als es dann anders kam, war ich selbst überrascht.

Und dieses Mal?
Habe ich nicht das gleiche Datenmaterial. Die Primaries haben ja nicht normal statt­gefunden. Das Bruttoinlandsprodukt ist annualisiert um 32 Prozent gesunken, die Meinungsumfragen sind absolut bedeutungslos. Aber wenn ich jetzt den Finger in die Luft halte, denke ich, dass Trump eine Chance hat, zu gewinnen. Etwas besser als 50/50, aber nicht viel. Dass die Republi­kaner den Senat halten, sehe ich bei 60 bis 70 Prozent. Dass die Demokraten das Repräsentantenhaus verlieren, halte ich für praktisch ausgeschlossen.

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Ist Biden ein besserer Kandidat als Hillary Clinton?
Er ist als Person einfach besser geeignet. Ich mochte Hillary sehr, sie war sehr ­kompetent und sehr erfahren. Aber sie hat alles persönlich genommen. Es ist ein Job. Biden ist da viel professioneller.

Wie stark beeinflussen die Rassen­unruhen die Wahl?
Das ist ein anderer grosser Unterschied zwischen Reagan und Trump. Reagans acht Jahre als Präsident waren praktisch die einzige Zeitspanne in der Geschichte der USA, in der es keine derartigen Un­ruhen gab. Das kam durch den steigenden Wohlstand – der killt die Lust an Unruhen. Als Trump übernahm, gab es auch wenig Unruhen. Erst als die Pandemie kam und die Arbeitslosigkeit durch die Decke ging, gingen all die Leute auf die Strasse, die nichts zu tun hatten. Die Studenten ­konnten nicht studieren, die Schüler nicht in die Schulen gehen. Das ist ein Rezept für Unruhen aller Art, und in den USA sind es seit 150 Jahren eben immer Rassen­unruhen.

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Als Präsident müsste Trump versöhnen. Aber er spaltet.
Sich den Aufständischen entgegenzustellen, ist nicht spalterisch. Das war unter Nixon und Johnson ähnlich. Ein entschiedenes Vorgehen wird Trump eher nutzen als schaden. Viele Menschen fühlen sich unsicher, das mag man in der sicheren und wohlhabenden Schweiz so nicht kennen. Die Regierung muss ihre Bürger schützen.

«Die Demokraten haben keine bessere Politik, sondern nur die Ablehnung der Person Trump.»

Wie gross ist das Risiko, dass es kein ­Resultat gibt am 4. November?
Die Wahlen sind extrem wichtig und haben immer Formen von Korruption provoziert, ganz ohne wird es nicht gehen. Das ist nichts Neues, und es wird in diesem Jahr nicht besser oder schlechter sein als bei vorherigen Wahlen. Auch bei Kennedy gab es Manipulationen. Die schlimmste Wahl fand vor 20 Jahren zwischen Al Gore und George W. Bush statt. Ich glaube nicht, dass es dieses Mal wieder so schrecklich wird.

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Was würde nach einem Biden-Sieg ­passieren?
Der Fokus wird dann sofort von Trump weg sein, und dann bricht der grosse Streit unter den Demokraten aus. Sie sind vereint in ihrem Hass auf Trump. Sie haben keine bessere Politik, sondern nur die Ablehnung der Person, die ja auch in Europa riesig ist, obwohl seine Wirtschaftspolitik gut ist. Wenn Trump weg ist, würden die Grabenkämpfe unter den Demokraten aufbrechen.

Und was wäre Trumps Agenda für eine zweite Amtszeit?
Er würde weitere Steuern senken: Die Einkommenssteuer, die Kapitalgewinnsteuer. Und er würde mehr Transparenz für die Pharmaindustrie durchsetzen. Eine zweite Amtszeit wäre wirtschaftlich sehr gut.

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Was ist mit den gross angekündigten ­Infrastruktur-Projekten aus dem letzten Wahlkampf? Da ist nichts gelaufen.
Er hat sie in der Tat bisher nicht um­gesetzt, und ich halte sie auch nicht für so notwendig. Wir haben so viel Geld für den Kampf gegen die Pandemie aufgewendet, da glaube ich nicht, dass ein grosses Infrastruktur-Programm durch den Kongress geht. Die Verschuldung ist massiv angewachsen.

Ist sie zu hoch?
Ja, das ist sie: Sie ist von 82 Prozent auf 115 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen. Aber das wird die Welt nicht umbringen. Die Zinszahlungen sind im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt noch immer tief. In der zweiten Amtszeit sollten wir den Schuldenstand senken. Ein gutes Programm über zehn Jahre reicht.

Welche Rolle spielt es, dass Trump vitaler wirkt als Biden?
Die Kandidaten sind praktisch gleicht alt: Biden ist 77, Trump 75 Jahre alt, das ist kein grosser Unterschied. Das Alter ist nicht wichtig, die Gesundheit vielleicht schon. Es gibt diese Videos von Biden, bei denen er stottert oder sich verheddert. Doch wenn überall Kameras postiert sind wie heutzutage, würde man von vielen Menschen in diesem Alter solche Momente finden. Das sollte man nicht ­überbewerten.

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Wann liegt der Corona-Schock hinter der amerikanischen Wirtschaft?
Sehr bald. Ich rechne damit, dass wir gegen Ende des Jahres die ersten Impfstoffe vor­liegen haben werden. Mehr als 150 Firmen forschen daran, das ist eine weltweit einmalige Leistung. Und nicht zu vergessen: Die Schätzungen lagen einmal bei drei bis vier Millionen Corona-Toten in den USA, wir sind aber unter 200 000. Die Lage ist deutlich besser, als viele Trump-Gegner behaupten. Ich kann gar nicht sagen, wie optimistisch ich bin.