Sie sitzt mitten in der prall gefüllten Tonhalle, Reihe 16, gebannter Blick auf den Dirigenten, der in den nächsten Minuten das Ensemble ein imposantes Klang­gebilde zeichnen und sich dann vom Publikum in einigen Extrarunden huldigen lässt. Einst wäre Ilona Schmiel selbst gerne da oben gestanden. Nicht als Dirigentin, aber zumindest als klassische Sängerin. Dass da­raus nichts geworden ist, hat die gebürtige Hannoveranerin längst überwunden.

Nun orchestriert sie im Hintergrund. Und das mit höchsten Ambitionen. Als ­Intendantin des Orchesters mit 100 Musikern und den 50 Mitarbeitern im Managementteam will sie das Tonhalle-Orchester in die weltweite Topliga führen. Zürich auf einer Stufe etwa mit den Berliner und den Wiener Philharmonikern. Doch das ist Zukunftsmusik. Während nun auf der Bühne die Sinfonie Nr. 8 von Franz Schubert dem Höhepunkt zustrebt, schiesst Ilona Schmiel plötzlich von ihrem Sitz hoch und eilt, um dem Publikum nicht die Sicht zu rauben, leicht gebeugt aus dem Saal.

«Höchstleistung auf der Bühne ist nur möglich, wenn auch Höchstleistung im Management besteht.»

Zwei Stunden zuvor: Im Büro sind noch letzte Vorbereitungen zu treffen. Frisch gemachte Haare, dezentes Make-up, elegante schwarze Kleidung. Ilona Schmiel sieht aus, als wäre sie jederzeit bereit, selbst auf die Bühne zu steigen. Viel Zeit verbringt sie aber hier in den schmuck­losen 15 Quadratmetern im dritten Stock auf dem Maag-Areal. Eisengerahmte Fenster und raues Mauerwerk verbreiten Industrieflair. An der Wand hängt ein Bild der ursprünglichen Tonhalle am See, erst im März 2021 wird das Orchester nach vier Jahren Sanierung wieder zurück­kehren. Welch ein Kontrast!

Hier der nüchterne Bau einer ehemaligen Zahnrad­fabrik, der so gar nicht zu klassischer Musik zu passen scheint und im urbanen Ausgehviertel in Zürich-West steht. Dort an nobler Lage die prunkvolle originale ­Tonhalle, die als eines der weltweit besten Konzerthäuser gilt.

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Unten im Saal sind die 1244 Plätze noch leer, erste Cellisten stimmen ihre Instrumente ein. Schmiel schaut mit. Sie verfolgt die Proben auf dem Monitor, der rechts von ihrem akkurat aufgeräumten Bürotisch an der Wand hängt. Es gilt, stets den Überblick zu wahren. «Höchstleistung auf der Bühne ist nur möglich, wenn auch Höchstleistung im Management besteht», sagt sie und spricht von «High Performance», als wäre sie Chefin eines globalen Konzerns.

Es gibt Manager, die erst nach Jahren der Berufserfahrung eine Führungsrolle übernehmen und in die Aufgabe hinein­gewachsen sind. Und es gibt Manager wie Ilona Schmiel. Sie wusste sehr früh sehr genau, was sie wollte. Sie stürzte sich in Aufgaben, die ihre Kompetenzen zumindest auf dem Papier überstiegen. Mit 30 hörte sie, dass für das Bremer Konzerthaus «Die Glocke» ein neuer Geschäftsführer gesucht werde. Schmiel meldete sich beim zuständigen Headhunter – und erfuhr, dass man nicht auf sie gewartet habe. «Doch das spornte mich umso mehr an.»

(Fast) allein unter Männern

Klar habe sie damals noch nie eine Geschäftsleitungssitzung geführt. «Aber ich hielt das für etwas, das man schnell lernen kann.» Sie beharrte auf einem Treffen. Der Headhunter beschied ihr danach, für sie zu kämpfen. Schmiel bekam die Stelle und wurde zur jüngsten Intendantin überhaupt. Und das als Frau. Zwar ist auf der Bühne das Geschlechterverhältnis längst ausgewogen. Im Management aber ist die Branche männlich dominiert. In Europa gibt es neben Zürich nur in Berlin und Dresden noch Frauen, die gleichzeitig ­Orchester und Konzerthaus leiten.

Geholfen hat vielleicht der frühe Karrierebruch. Nach Jahren der musikalischen Bildung und des Gesangsunterrichts platzte mit 20 der Traum, Sängerin zu werden. Sie habe sich, so Schmiel, eine falsche Gesangstechnik angeeignet und so die Stimmbänder irreparabel ruiniert. Erst wollte sie danach Medizin studieren, mit der Idee, zu lernen, wie man den Schaden heilen könnte. Als aber im Vorgespräch ein Professor nach ihrer Lieblingsoper fragte, redete sie nur noch darüber. Die Liebe zur Musik war unüberwindbar, also studierte sie Schulmusik und Altphilologie. «Ich musste schnell umschalten, um aus so einer Krise etwas Positives zu machen.» Der damalige Knick hat ihr die Angst genommen. Scheitern, aufstehen, ein neues Ziel anpeilen, das hat sie schnell verinnerlicht.

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A concert at the Tonhalle Maag, conducted by Paavo Jaervi, chief conductor and artistic director of the Tonhalle Orchestra Zurich, pictured in Zurich, Switzerland, on January 16, 2019.

Temporäres Juwel: Die hohe Qualität des Saals in der Tonhalle Maag hat Musiker und Publikum gleichermassen verblüfft.

Quelle: Keystone

Ein Grund für den Wechsel nach Zürich war denn auch, dass Schmiel in Bonn, wo sie ab 2004 das Beethovenfest leitete, nicht mehr weiterkam. Zwar lief das jährlich stattfindende Festival gut. Doch sieben Jahre lang arbeitete sie auch im Hintergrund daran, in Bonn ein Festspielhaus für Ludwig van Beethoven zu bauen. Das 70 Millionen teure Gebäude hätte 2020 zum 250.  Geburtstag des Komponisten ­stehen sollen. Es scheiterte letztlich am fehlenden politischen Willen. Schmiel, die sich dank dem Festival international einen Namen gemacht hatte, sendete Signale aus, dass sie bereit sei für etwas Neues. Prompt ­erhielt sie eine Anfrage aus Zürich. Nach Gesprächen mit dem Vorstand stand 2012 schnell einmal fest, dass sie ab 2014 übernehmen wird.

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«Gottesgeschenk» Holzbox

Gereizt hat sie nicht nur «einer der schönsten Orte mit einem wunderbaren Konzerthaus». Spannend fand sie, was viele Kollegen hätte abschrecken können: eine Interimsspielstätte zu suchen und diese neu zu etablieren. «Als wir das Maag-Areal besuchten, war für mich sofort klar, hier schlägt ein spe­zieller Puls.» Kulturlokale, die Zürcher Hochschule der Künste, Büro­gebäude, die Mischung aus Arbeiterwohnungen und schicken Lofts – hier liess sich ein neues Publikum gewinnen.

Vor allem ältere Abonnenten machten den Umzug nicht mehr mit. Seit die Tonhalle im Jahr 2017 aufs Maag-Areal gezogen ist, stieg der Verlust – zuletzt wuchs er um zwei Drittel auf 750 000 Franken. «Eine Interimszeit ist halt ein Investment», sagt Schmiel. Die 10  Millionen Franken für den neuen Konzertsaal hat die Tonhalle-Gesellschaft zu 90 Prozent aus eigenen Mitteln finanziert. Das schlägt aufs Ergebnis.

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Nun aber sorgt das Provisorium international für Aufsehen. Für die Hamburger Elbphilharmonie wurden 790 Millionen Euro investiert. Für herausragenden Klang brauche es Unsummen, dachte man. «Doch man höre und staune, ausgerechnet die Schweiz, wo gefühlt alles mindestens doppelt so teuer ist wie in Deutschland, erbringt den Beweis des Gegenteils», schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Der österreichische Stardirigent Franz Welser-Möst bezeichnete die Halle bereits als «ein Gottesgeschenk».

Von aussen betrachtet ist die Tonhalle Maag unscheinbar

Von aussen betrachtet wirkt die Tonhalle sehr unscheinbar, doch die Akustik überzeugt.

Quelle: Remo Buess für BILANZ
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Das Spezielle: Für die Holzbox wurden 94 Tonnen Fichtenholz verarbeitet. Die Zuschauer sitzen nun inmitten eines Klangkörpers, sind selbst Teil des Konzerts, was eine un­gewöhnliche Intimität schafft. Zufällig ist das nicht. Parallele Wände und justierbare Deckenreflektoren sorgen für einen perfekten Klang. Im Saal gibt es kaum rechte Winkel, selbst die Stühle sind abgerundet. Und für eine nahezu ­geräuschlose Belüftung strömt die Luft durch mehr als 2,5 Millionen Löcher im Parkettboden in den Saal.

Derweil hat sich auch beim eher konservativen Zürcher Publikum herum­gesprochen, dass die Tonhalle Maag durchaus ein Erlebnis ist. In der laufenden Saison stieg die Zahl der Abonnenten wieder um 7,5 Prozent. Das mag wohl auch am grössten Coup liegen, der Schmiel bisher gelungen ist: Mit Paavo Järvi hat sie einen der gefragtesten Dirigenten der Welt verpflichtet. Ihn kannte sie noch aus der Zeit in Bonn. Gemeinsam hatten sie für das Festival Beethovens gesamten Sinfonienzyklus produziert. Und dafür weltweite Beachtung erhalten. Im Oktober legte der 56-jährige Este nun in Zürich einen fulminanten Start als neuer Chefdirigent hin.

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Aufbruchstimmung am See

Harte Arbeit, Musiker von Weltformat und die Aussicht, in die sanierte Tonhalle am See zurückzukehren, treiben beide an. Eingebaut werden dort derzeit eine neue Bühne und eine neue Orgel. Vom Foyer aus wird endlich der Blick auf den See freigegeben, und vom Bürkliplatz soll eine grosse Treppe Gäste ins Restaurant einladen.

Die Verträge von Schmiel und Järvi laufen vorerst bis 2024. Was danach passiert, ist offen. Unklar ist auch, was mit dem Saal in der Maag-Halle geschehen wird. Klar ist: «Wir werden diesen Konzertsaal nicht ­betreiben», sagt Schmiel. Sie wünscht sich aber, dass mit Gebäudebesitzerin Swiss Prime Site eine Lösung gefunden und ­jemand den Saal weiterführen wird. Er eigne sich für experimentellere Formate, die nicht in die klassische Tonhalle passen.

Kurz vor Konzertende ist Schmiel wieder auf ihrem Platz zurück. Das Verschwinden war einem Notfall geschuldet: Ein ­Zuschauer kollabierte, was glücklicherweise glimpflich ausgegangen ist. Und im Saal kaum jemand wahrgenommen hat. Auch das gehört zum Intendanten-Job.

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«Dieser Artikel erschien in der Dezember-Ausgabe 12/2019 der BILANZ»