Herr Mumenthaler, Sie sind der Beste im «Green Business CEO»-Rating. Alles andere hätte Sie wohl enttäuscht, richtig?
Christian Mumenthaler: Sagen wir es so: Wir haben sehr früh angefangen mit diesen Themen, sie gehören zu unserem Business, und wir haben sehr viele sehr gescheite Köpfe, die sich mit Themen wie Klima, Klimaerwärmung und deren Auswirkungen beschäftigen. 1979 erwähnten wir die Klimaerwärmung zum ersten Mal als Risiko, 1994 brachten wir eine ganze Publikation dazu heraus.

Und was hat das bewirkt?
Nichts, wir waren sehr allein damit.

Frustrierend.
Einerseits. Anderseits: Wenn man tiefe Einblicke in Dinge hat, die nicht allgemein bekannt sind, ist es schon rein ethisch Pflicht, das bekannt zu machen.

Hat Swiss Re etwas mit dem Wissen angefangen?
Wir haben die Emissionen pro Mitarbeiter drastisch reduziert, grüne Energie eingekauft, Gebäude saniert. Wir sind seit 2003 klimaneutral. Der grösste Posten bleibt das Fliegen. Da hat die Pandemie geholfen, weil sie gezeigt hat, dass man auch virtuell viel machen kann. Für 2021 haben wir das Ziel gesetzt, den CO2-Ausstoss aus Geschäftsflügen um 30 Prozent zu verringern.

Und sonst?
Der zweite grosse Brocken sind unsere Assets. Wir haben 2017 rund 100 Milliarden Dollar auf die ESG-Benchmark umgestellt, was gut funktioniert hat. Jetzt senken wir konsequent die Kohlenstoffintensität unseres Anlageportefeuilles. Bis zum Jahr 2050 wollen wir bei netto null sein. Die grösste Herausforderung dafür ist unser Kerngeschäft, das Underwriting.

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Inwiefern?
Wir übernehmen von unseren Kunden keine einzelnen Risiken, sondern ganze Portefeuilles und sind darauf angewiesen, ihren ökologischen Fussabdruck zu kennen. Viele messen das selber noch nicht. Wir arbeiten deswegen zusammen mit den Kunden daran. Karbonintensive Verträge können wir uns mittelfristig nicht mehr leisten.

Erreichen Sie das Ziel null?
Allein hätten wir keine Chance. Aber wir sind ja nicht die Einzigen: 60 Prozent der Länder des Pariser Übereinkommens ziehen mit. Etwa 20 Prozent der Fortune-2000-Unternehmen sind dabei. Von denen hat jedes Tausende von Zulieferern, die alle ebenfalls auf netto null kommen müssen, wenn sie im Geschäft bleiben wollen.

Was braucht es ausser diesem Druck, um auf null zu kommen?
Innovation und Technologien, etwa um CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen. Das muss im Extremfall so gross werden wie die heutige Ölindustrie. Schade, dass das CO2-Gesetz in der Schweiz beim Referendum gescheitert ist, aber der Druck zur Dekarbonisierung wird deswegen nicht nachlassen. Wir haben den Kipppunkt erreicht. Es gibt kein Zurück mehr.

Ihr Tipp an CEOs, die das noch nicht realisiert haben respektive ignorieren?
Mein Tipp ist, sich zu informieren und mit Peers und anderen Unternehmen zu reden. Denn es gibt nur zwei Möglichkeiten: Sie können vor der Welle rennen oder von ihr überrollt werden. Wer das realisiert, entscheidet sich in der Regel dafür, die Turnschuhe anzuziehen.

Dies ist ein BILANZ-Artikel

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