Herr Dijsselhof, in der Corona-Krise diesen Frühling spielten die Märkte verrückt, es gab zweistellige Kursverluste und rekordhohe Volumen. Hatten Sie nie Angst, dass die Schweizer Börse diesen Belastungstest nicht bestehen könnte?
Nein. Die Systeme haben sich als sehr widerstandsfähig erwiesen. Nicht nur in der Schweiz übrigens, auch weltweit. Es gab nur an wenigen Orten Probleme, und auch dies nur vorübergehend. Viele Länder ­hatten schon vor der Krise erkannt, dass Börsenbetreiber systemrelevant sind, und die Resilienz gezielt gestärkt.

Spekulanten versuchten die Turbulenzen auszunützen und setzten auf fallende ­Aktien. Viele europäische Länder verboten Leerverkäufe, die Schweiz nicht. Wieso?
Unsere Aufgabe ist es, auch in turbulenten Zeiten eine einwandfrei funktionierende Plattform zur Verfügung zu stellen und berechenbar zu bleiben. Unsere Aufgabe ist nicht, Investitionsentscheide zu steuern. Darum sind wir bei den bestehenden Mechanismen geblieben.

Es gab auch Wetten gegen die UBS. Sie ist einer der grössten Aktionäre der SIX. Gab es Druckversuche der UBS für ein Verbot?
Nein, gab es nicht.

Erst kurz vor der Krise haben Sie zum grossen Wachstumsschritt angesetzt und die spanische Börse BME übernommen. Wie läuft die Integration?
Auch hier mussten wir uns wegen Corona anpassen. Anfangs war ich persönlich fast wöchentlich in Spanien, doch dann kamen die Reisebeschränkungen, und seither finden viele Gespräche und Konferenzen per Video statt. Ein Hindernis ist dies aber nicht. Die Integration läuft gut.

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Herr der Börse

Jos Dijsselhof ist seit Januar 2018 CEO von SIX. Der Holländer ist ein Branchenprofi, vor seinem Einstieg bei SIX war er mehrere Jahre in Diensten der Konkurrentin Euronext, unter anderem als Chief Operating Officer. Dijsselhof gilt als unzimperlicher Macher. Seit seinem Antritt hat er die Schweizer Börse auf Wachstumskurs geschickt. Quantensprung war die Übernahme der spanischen Bolsas y Mercados Españoles (BME), die im Juni abgeschlossen wurde.

Insgesamt zählt die Gruppe nun über 3500 Mitarbeiter. Es dürfte Doppelspurigkeiten geben, etwa in den Bereichen IT oder HR. Kommt nun der grosse Jobabbau?
Der Kauf ist eine Wachstumsgeschichte, nicht eine Sparübung. Es wird sicherlich einzelne Anpassungen geben, aber nichts Grösseres. Einzelne Tätigkeiten etwa werden von der Schweiz nach Spanien verschoben oder umgekehrt, aber ein grosses Stellenabbauprogramm ist nicht geplant. Natürlich ist auch die Nutzung von Synergien wichtig, aber ein zentraler Aspekt dieses Kaufes ist die zusätzliche Grösse, die wir dadurch gewonnen haben. Grösse ist entscheidend für das Geschäft einer Börsenplattform, weil es viele Skalen­effekte gibt. Wir sind nun die Nummer drei in Europa. Zudem stärkt uns der Kauf der BME gerade auch in Bereichen, in denen wir weniger präsent waren, etwa im Fixed Income oder bei den Derivaten.

Spanien ist weit weg, nicht nur geo­grafisch. Passen die Firmenkulturen?
Wir haben bis jetzt gute Erfahrungen ­gemacht, nicht nur mit den internen Leuten vor Ort, sondern auch mit den spanischen Regulatoren, den Regierungsvertretern oder den Repräsentanten der grossen Banken. Die Spanier sind stolz darauf, ihre Versprechen zu halten, genauso wie die Schweizer. Kulturelle Differenzen spielten bisher keine Rolle.

Die Schweizer Börse ist zwischen die Fronten im Zwist um das Rahmenabkommen geraten, die EU liess die Börsenäquivalenz auslaufen. War der Zukauf in Spanien auch ein politischer Schachzug?
Es war ein Businessentscheid, der nicht getrieben war von der Idee, dabei zu helfen, politische Differenzen zu überbrücken. Aber natürlich gibt uns die Tätigkeit unter zwei unterschiedlichen Jurisdiktionen – jener der Schweiz und der EU – nun zusätzliche Optionen.

Der Bundesrat konterte mit der ­Bewilligungspflicht für ausländische Börsen. EU-Händler müssen nun über die Schweizer Börse ­handeln. Sie profitieren sogar.
In der Tat hat der Entscheid beim Umsatz und Gewinn kurzfristig positive Auswirkungen. Langfristig gesehen halte ich die Börsenäquivalenz dennoch für ein wichtiges Anliegen, weil es im Grunde gut ist, wenn Assets an verschiedenen Orten gehandelt werden. Dies bedeutet Wett­bewerb, und ich bin überzeugt, dass Wettbewerb die Märkte belebt. So sollten Schweizer Aktien auch auf anderen Märkten gehandelt werden können, dabei sollte es aber das Ziel bleiben, 70 bis 80 Prozent des Handels in der Schweiz zu haben. Eine neue Situation wird sich zudem Ende Jahr mit dem Austritt Gross­britanniens aus der EU ergeben.

Inwiefern?
Ein Grossteil des europäischen Wertpapierhandels läuft über London. Wenn Grossbritannien wieder beginnt, Schweizer Aktien zu handeln, dann sind die Volumen, die als Folge der Nicht-Börsenäquivalenz verloren gingen, allein dadurch zu rund 70 bis 80 Prozent zurück.

Gibt es Fortschritte in den ­Verhandlungen mit der EU?
Zu möglichen Fortschritten oder auch zum Timing kann ich nichts sagen und will darüber auch nicht spekulieren. Aber ich bin überzeugt, dass es am Schluss eine ­Lösung geben wird, denn sie ist für beide Seiten von Nutzen.

Machen die Schweizer Firmen ­hinter den Kulissen Druck, dass ihre Aktien auch in Europa bald wieder gehandelt werden sollen?
Die Schweizer Firmen geben sich eher entspannt, weil sie sehen, dass an einer Verhandlungslösung gearbeitet wird. Eine gewisse Ungeduld ist eher aufseiten der Händler-Community zu spüren, die es gewohnt ist, auf verschiedenen Plattformen zu handeln, zum Beispiel um Arbi­tragen auszunützen.

Auch Kryptowährungen sind seit Corona im Aufwind. Spüren Sie diesen Trend?
Das Handelsvolumen mit Kryptowährungen ist in der Tat in den letzten Monaten stark gestiegen, allein im Juli um 38 Prozent.

«Es ist nicht ­unsere Rolle, die Qualität des Geschäfts zu beurteilen. Unsere Rolle ist es, die Plattform für den Handel zu bieten.»

Kryptowährungen gelten aber als sehr unsichere Anlageklasse.
Der Wunsch, dass diese Produkte gehandelt werden können, ist sehr stark von den Kunden getrieben. Die Anleger, aber auch die Banken, welche die Kunden betreuen, fragen solche Dienstleistungen zunehmend nach. Auch hier gilt: Es ist nicht ­unsere Rolle, die Qualität des Geschäfts, die solchen Produkten unterliegt, zu beurteilen. Unsere Rolle ist es, die Plattform für den Handel zu bieten. Wir glauben an die Zukunft von Blockchain-basierten Geschäften und bauen diesen Bereich gezielt auf. Nicht durch ­externe Zukäufe, sondern durch den internen Aufbau unserer «SIX Digital Exchange», der vollständig integrierten Plattform für Handel, Abwicklung und Verwahrung von digitalen Vermögenswerten.

Ein weiterer Trend sind die vielen Kleinanleger, die sich an den ­Börsen tummeln. Noch boomen die Börsen, doch oft ist eine «Hausfrauenhausse» Vorbote eines Crashs.
Nur um das klarzustellen: Das grösste ­Handelsvolumen an der Schweizer Börse stammt nach wie vor von den professionellen Anlegern. Doch derzeit scheint die Entwicklung an den Börsen in der Tat von den Ängsten bezüglich der Entwicklung der Weltwirtschaft abgekoppelt zu sein.

Wie schlimm wird der wirtschaftliche Einbruch werden?
Das kommt stark auf den Sektor an. Es gibt Bereiche, wie etwa die Reisebranche, die empfindlich getroffen werden. Andere ­Firmen, etwa mit elektronischen Platt­formen, wo eine physische Präsenz nicht vonnöten ist, sehen aber auch Chancen. Es kommt sehr auf die Fähigkeit der Firmen an, sich zu adaptieren. Die Schweiz war in der Lage, ihre Wirtschaft besser am Laufen zu halten als andere Länder, und hat vergleichbar hohe Resilienz gezeigt.

Die SIX will den Schutz vor Cybercrime vorantreiben. Wieso?
Cyberkriminalität gilt heute als eines der bedeutendsten Betriebsrisiken der Finanzbranche. Wir haben in diesen Bereich investiert und ein starkes Team aufgebaut, um unsere eigene Infrastruktur zu verteidigen. Dieses Know-how können wir auch den Banken als Service zur Verfügung stellen und damit Erträge generieren. Auch hier gibt es starke Skaleneffekte, denn der Aufbau solcher Standards braucht hohe Investments. Das Ganze kann dann aber auch weiteren Anwendern zur Verfügung gestellt werden.

Ende 2019 wurde die Zusammenarbeit mit der Börse Shenzhen vereinbart. Das nächste Target auf der Einkaufsliste?
Derzeit steht die Integration von BME im Vordergrund. Natürlich schauen wir den Markt weiter an, aber konkrete Targets gibt es nicht. Ziel unserer Zusammenarbeit mit Shenzhen ist, die Anleger und die ­Unternehmen beider Länder stärker zu vernetzen. Wir streben an, dass chinesische Firmen, wenn sie sich einen Börsengang in Europa überlegen, die Schweiz als Option dafür sehen. Wir haben einiges zu bieten: eine stabile Wirtschaft, grosse ­Liquidität, verlässliche Rechtsstrukturen und nicht zuletzt einen starken Schweizer Franken. Da bietet sich für uns in Sachen Listings ein grosses Potenzial, und darauf wollen wir noch vermehrt setzen.

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