Es ist mehr als ein Generationenwechsel, es ist auf eine Art der Beginn einer neuen Ära, der sich mit dem Wechsel im Präsidium der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) abzeichnet. Nach dem Juristen Thomas Bauer, der bei Ernst & Young Schweiz Karriere gemacht hat und dann als Richter beim Kantonsgericht Baselland amtete, hat nun die breit und auch international gut vernetzte Ökonomin Marlene Amstad das Zepter übernommen. Zusammen mit Finma-Direktor Mark Branson will sie neue Akzente setzen.

Gegenüber der «NZZ» sprach sie von einer «Zeitenwende» in der Aufsicht des Finanzsektors. Oder anders gesagt: Die Vergangenheitsbewältigung ist nun endlich abgeschlossen, die Lehren aus der Finanzkrise sind  gezogen, die Regelwerke für Kapitalpolster und Liquidität sind geschrieben, ebenso wie die Drehbücher für allfällige Notsanierungen. Im Fokus stehen nun strategische Fragen mit Blick in die Zukunft.

Für Marlene Amstad ist klar: Will der hiesige Finanzplatz auch weiterhin ganz vorne mitspielen, dann muss er digitaler und nachhaltiger werden. Und er sollte auch wachsam die Entwicklungen in Asien verfolgen, einer Region, welche die Ökonomin bestens kennt, hat sie doch rund zehn Jahre dort gelebt.

Die Karriere

Nach dem Studium in Volkswirtschaft mit Schwerpunkt Ökonometrie geht Marlene Amstad zur Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich, die damals von Bernd Schips geleitet wird. Schips ist dann auch ihr Doktorvater, als sie 2000 «summa cum laude» an der HSG promoviert. Ebenfalls ein früher Förderer von Amstad ist Bruno Gehrig, damals Mitglied des Direktoriums der Nationalbank (SNB), heute Verwaltungsrat bei Maerki Baumann.

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Thomas Jordan, Philipp Hildebrand, Ueli Maurer (v.l.).

Quelle: Bloomberg/Keystone/Monika Flückiger

Nach der Dissertation macht Amstad einen Abstecher zur Credit Suisse als Portfoliomanagerin, bevor ihr ehemaliger Studienkollege und damalige SNB-Forschungsleiter Thomas Jordan sie 2002 zur Nationalbank holt – wo sie zehn Jahre bleibt, die Karriereleiter hochklettert und zuletzt für die Finanzmarktanalyse und die Anlagestrategie für 250 Milliarden Franken verantwortlich ist. 2012 geht sie als Asset Managerin zur Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) nach Hongkong, den Kontakt hatte der frühere SNB-Präsident Philipp Hildebrand vermittelt. Aus den anvisierten drei Asien-Jahren wird eine Dekade.

Ab 2016 arbeitet Amstad als Professorin an der Chinese University of Hong Kong, die im grenznahen Shenzhen gelegen ist. Die Professur hat sie auf Empfehlung des Princeton-Professors Wei Xiong erhalten, ab 2018 leitete sie zudem als Co-Direktorin das zur Universität gehörende Center for Financial Technology and Social Finance. 2016 wird Amstad in den Verwaltungsrat der Finanzmarktaufsicht (Finma) gewählt, auf Antrag der damaligen Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf.

Per 2021 hat sie von Thomas Bauer das Finma-Präsidium übernommen – auf Wahlempfehlung von Finanzminister Ueli Maurer, der sie dank drei Bundesratsreisen mit der Finanzindustrie bestens kennt.

Die Familie

Marlene Amstad wurde am 20. September 1968 in Bern geboren und ist dort mit ihrer Schwester auch aufgewachsen. Ihr Vater und ihre Mutter waren beide Drogisten. Die Ferien verbrachte sie «regelmässig und gerne» bei der Familie ihrer Mutter in Lausanne, wo sie auf dem Genfersee segeln konnte. Noch heute zieht es die «begeisterte Schwimmerin» ins Wasser, am liebsten in die Aare, den Genfersee oder den Zürichsee.

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Ende 2020 ist sie – nach fast zehn Jahren in Asien – mit ihrem Ehemann, einem Ingenieur, in die Schweiz zurückgekehrt und wohnt nun in Zürich. «Fixer Programmpunkt und Highlight» ist für Amstad als Jazz-Fan das Montreux Jazz Festival, wo sie jeweils ausgerüstet mit einem Festivalpass viele Konzerte besucht.

Gilde der Aufseher

Seit 2016 ist Amstad im Verwaltungsrat der Finma, seit 2018 Vizepräsidentin, seit Anfang des Jahres Präsidentin. Vizepräsident ist Martin Suter, der ehemalige Finanzchef der Swiss Life Schweiz, der sich als Berater selbstständig gemacht hat. Sehr gut ist Amstads Draht zu Nationalbank-Lenker Thomas Jordan, den sie seit über 30 Jahren kennt, aber auch zum Finanzdepartement, namentlich zu Daniela Stoffels Staatssekretariat für internationale Finanzfragen.

Mit Sun Guofeng von der chinesischen Zentralbank hat Amstad vor Kurzem ein Handbuch zum chinesischen Finanzmarkt publiziert. Ashley Alder, den Chef der Hongkonger Marktaufsichtsbehörde und Präsidenten der Internationalen Organisation für Effektenhandels- und Börsenaufsichtsbehörden (IOSCO), kennt sie aus ihrer Zeit in Asien. Neu ist sie ebenfalls im IOSCO-Verwaltungsrat.

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Sun Guofeng (l.), Ashley Alder.

Quelle: Getty Images/zvg

Von ihrer Zeit bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Hongkong kennt Amstad Führungsspitzen der elf asiatischen Notenbanken – namentlich Yi Gang von der chinesischen Zentralbank, Guy Debelle von der australischen Notenbank, Hiroshi Nakaso von der Bank of Japan oder Ravi Menon von der Zentralbank von Singapur.

Die Mitstreiter

Mit dem HSG-Professor Manuel Ammann hat Amstad gemeinsam doktoriert, Aymo Brunetti hat sie bei der KOF kennengelernt, heute treffen sie sich an der Universität Bern, wo Brunetti eine Professur hat und Amstad Vorlesungen hält. Mit Pius Zgraggen, heute Partner beim Vermögensverwalter OLZ, hat sie in Bern studiert, ebenso wie mit Thomas Jordan, mit dem sie dann die Vorlesung «Geld, Institutionen und Finanzmärkte» aufgebaut hat und seit ihrer Wahl in den Finma-Verwaltungsrat wieder häufiger Kontakt hat.

Kenneth Rogoff, Professor und Autor des Finanzkrisen-Standardwerks «This Time Is Different», berief Amstad als Senior Fellow an die Harvard University und schrieb das Vorwort zu einem Lehrbuch, das Amstad zu «Central Bank Digital Currency and Fintech in Asia» mit der Asian Development Bank publizierte. Aus Harvard kennt sie etwa Bill Clintons Finanzminister Larry Summers, Paul Tucker, Ex-Vize der Bank of England, sowie Tim Massad, den früheren Präsidenten der Commodity Futures Trading Commission (CFTC), jener US-Behörde, welche die Future- und Optionsmärkte reguliert.

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Aymo Brunetti, Kenneth Rogoff, Tim Geithner (v.l.).

Quelle: Uni Bern/ZVG/Getty Images

Der ehemalige US-Finanzminister Tim Geithner war Präsident der amerikanischen Notenbank Fed, als Amstad dort arbeitete. Für diese entwickelte sie einen Indikator für die Kerninflation in den USA, welchen die Notenbank unter dem Namen «Fed New York Staff Underlying Inflation Gauge» noch immer monatlich publiziert.

Die Gegenspieler

Die Rundschreiben der Finma sorgen immer wieder für Ärger, bei den Banken, aber auch bei Politikern wie etwa Thomas Aeschi (SVP). Nun wurde – nach einem Vorstoss des Ex-BDP-Präsidenten Martin Landolt – die Finma-Verordnung revidiert und der Branche mehr Gehör verschafft.

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Martin Landolt, Guy Lachappelle, Sergio Ermotti (v.l.).

Quelle: keystone-sda.ch

Für Unmut sorgt derzeit die Umsetzung von Basel III, vor allem bei den Inlandbanken. Raiffeisen-Lenker Guy Lachappelle und Co. fürchten mehr Bürokratie, die Ständeräte Hannes Germann (SVP) oder Pirmin Bischof (CVP) machen politisch Druck. Sergio Ermotti, der schon als UBS-Chef kein grosser Finma-Fan war, muss nun als Swiss-Re-Präsident weiterhin mit der Behörde zurechtkommen, die ja auch die Versicherer überwacht sowie das Zusatzversicherungsgeschäft der Krankenkassen. Wegen der Finma müssen nun CSS-Chefin Philomena Colatrella und ihre Konkurrenten den Spitälern und Ärzten besser auf die Finger schauen.