Der Mann trägt die In­signien des Erfolgs: die Uhr von Hublot, der Ehering von Bulgari, die Schuhe von Tod’s, der Autoschlüssel von Mercedes. Seine Initialen prangen viel zu gross auf seinem Poloshirt. Hier kommt einer, der weiss, wie es geht, der den richtigen Riecher hat für Investments, der an der Börse ein Vermögen gemacht hat. Zumindest sieht es so aus.

Gregor Greber, Gründer und Chef der aktivistischen Investmentgesellschaft Veraison, ist eine auffällige Erscheinung. Und das nicht nur wegen seines Äusseren. Beim Backwarenhersteller Aryzta ist er mit 20 Prozent eingestiegen. Jetzt fordert er einen Strategiewechsel und will dazu zwei eigene Leute in den VR bringen. Ausserdem ist Veraison, französisch gesprochen und Begriff für den Beginn der Reifephase im Weinbau, beim Technologiehersteller ­Ascom, beim Wäscheproduzenten Calida, bei der Automatisierungsfirma Komax und beim Heizungshersteller Zehnder investiert. Bei der Swatch Group hatte Greber diesen März ebenfalls sein Glück versucht.

Was Greber auszeichnet, ist sein Riecher für Firmen, die unter ihren Möglichkeiten laufen. So erklären sich seine Erfolge bei Goldbach, Kuoni oder Komax. Auch Aryzta und Ascom sind seit Jahren Problemfälle. Sein Vorgehen ist fast immer gleich: Veraison steigt mit einem kleinen Aktienpaket ein, sucht das Gespräch mit dem Management und fordert Veränderungen. Und zwar fast immer die gleichen: Zum einen die Abspaltung von schwachen Sparten. «Wir glauben, die Unternehmen sollten sich fokussieren», sagt Greber und: «Für welche Bereiche sind sie Best Owner, und wo sind sie es nicht?»

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Zweitens den Austausch der Führung. Die Liste seiner Opfer ist lang: VR-Präsident Juhani Anttila und CEO Holger Cordes bei Ascom, VR-Präsident Hans Hess und CEO René Lenggenhager bei Comet, VR-Präsident ­Peter Wagner und CEO Peter Pauli bei Meyer-Burger. Bei Aryzta fordert Greber den Abgang von vier Verwaltungsräten; Präsident Gary McGann hat bereits seinen Rücktritt angekündigt. Kostenmanagement, strategische Initiativen gar sind hingegen nicht Grebers Ding.

Lob von Goldbach

«Veraison hat die Goldbach Group bei ihrer Fokussierungsstrategie konsequent unterstützt und mit ­einer kompetenten und erfahrenen Persönlichkeit im Verwaltungsrat wesentlich zur Steigerung des Unternehmenswerts beigetragen», lässt sich Jens Alder, ehemaliger Goldbach-Präsident, zitieren – das Lob prangt prominent auf der Veraison-Website.

Sonst aber sind die Urteile harsch: «Seine inhaltlichen strate­gischen Beiträge waren weitgehend unbrauchbar», sagt einer, der Grebers Einstieg bei Comet erlebt hat. «Kein konkreter Mehrwert, nur Ramsch, nichts Wertvolles», sagt einer, der Grebers Einstieg bei Leonteq erlebt hat. Bei Zehnder heisst es, die Ideen von Veraison seien dort schon lange auf dem Radar.

«Der könnte noch seine tote Grossmutter als Schönheit verkaufen.»

Ehemaliger Vorgesetzter

Greber macht auf Kumpeltyp, ist einnehmend und jovial. Er gilt als Schnelldenker, vor allem aber kann er Leute begeistern. Und er ist ein begnadeter Verkäufer: «Der beste Broker, den ich je gesehen habe», sagt ein ehemaliger Vorgesetzter, «der könnte noch seine tote Grossmutter als Schönheit verkaufen.»

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Greber will, dass alles schnell geht, so hat er das im Investmentbanking gelernt. «Seine grösste Stärke, Un­geduld und Aggressivität, ist auch seine grösste Schwäche – wenn Investments, Partner, Kunden, Mitarbeiter nicht schnell genug liefern», sagt ein langjähriger Wegbegleiter.

Wohl auch deswegen wirft Greber bisweilen die Flinte zu früh ins Korn. Bei Leonteq etwa stieg er im Februar 2017 nahe dem Allzeittief aus, kurze Zeit später verdoppelte sich der Kurs. Auch bei der ­Versandapotheke Zur Rose (hier wollte er mit 1,5 Prozent der Anteile nichts weniger als eine Fusion) konnte er den Corona-bedingten Börsenboom höchstwahrscheinlich nicht mehr mitnehmen: Zum letzten Mal äusserte er sich im ­September zur Firma, danach stieg er aus.

«Das ist der Witz des Tages»

«Er braucht Leute, die ihn bremsen, sonst gehen manchmal die Rösser mit ihm durch», sagt einer, der seit Jahren mit ihm zu tun hat. Wie etwa bei Swatch Group, wo Greber seine Möglichkeiten grotesk überschätzte: Nach seinem Einstieg im März schrieb er Konzernchef und Grossaktionär Nick Hayek einen Brief, forderte ein Aktienrückkaufprogramm und dass sich Hayek mit Kritik an Banken und Finanzanalysten in Zukunft zurückhalte.

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Wer die Familie Hayek indes auch nur ein bisschen kennt, weiss, dass sie auf derartige Ratschläge – noch dazu aus dieser Ecke – allergisch reagiert. Entsprechend ungehalten äusserte sich Hayek: «Das ist der Witz des Tages», echauffierte er sich vor den Medien. «Vielleicht wollen sie sich mit uns profilieren wie die grossen Fonds.»

Dass Grebers Aktienpaket weniger als ein Promille des Swatch-Kapitals betrug, machte die Sache nicht besser: «Acht Millionen sind acht Millionen, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber wenn mir jemand einen Brief schreibt, er habe gross investiert in der Swatch Group, ist das doch ein wenig übertrieben», so Hayek. «Mir fällt zu dieser Episode nur das französische Sprichwort ein: «Il ne faut pas péter plus haut que son cul.» Drei Wochen später stiess Greber das Paket wieder ab, mit Verlust.

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Nick Hayek im Interview

«Ich kenne kein Metier, wo mehr geblufft wird», sagt Swatch-Chef Nick Hayek. Das Interview über die aufgeblasene Egokultur der Uhrenbranche, über die Müdigkeit des Piraten und über seinen Nachfolger als Konzernchef lesen Sie hier.

Hatte er seine Hausaufgaben nicht gemacht? War er naiv? «Bei Kuoni hat auch jeder gesagt, es sei aussichtslos, solange die Kuoni-Hugentobler-Stiftung das Sagen hat», antwortet er. «Am Schluss war es eines unserer besten Investments.» Doch auch bei Leonteq und Orell Füssli hatte der Berufsoptimist den Reformwillen falsch eingeschätzt.

Greber schreibt meist kleine ­Tickets, was seiner Glaubwürdigkeit nicht hilft. Gerade bei Firmen mit einem dominierenden Grossaktionär, wie Orell Füssli (Nationalbank), Leonteq (Raiffeisen) oder Rieter (Michael Pieper und Peter Spuhler).

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Bei Implenia war Greber mit 1,88 Prozent der Kapitals Juniorpartner einer Aktionärsgruppe zusammen mit Max Rössler, schwang sich dennoch zum Wortführer auf, forderte eine Abspaltung der Entwicklungssparte und sprach sogar mit potenziellen Interessenten. «Da hätten wir gerne mehr Aktien gekauft, aber der Kurs ist zu schnell gestiegen. Man sollte beim Einstieg eine hohe Preisdisziplin wahren», sagt er.

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Dass die Rolle des Juniorpartners für ihn nachteilig ist, dass er sich leichter tut bei Firmen mit zersplittertem Aktionariat, hat er jetzt gelernt. «Aber wenn das Argument stimmt und unsere Forderungen berechtigt sind, sollte es eigentlich keine Rolle spielen, ob wir 2 Prozent halten oder 20.»

«Leichtgewicht mit schlechtem Charakter»

Mit seiner Art macht sich der Angreifer kaum Freunde. «Gregor ­Greber ist ein Leichtgewicht mit schlechtem Charakter», urteilt einer seiner Gegner. Manche werfen ihm Unredlichkeit vor. «Fast nach jeder Besprechung sandte er mir eine Bestätigungs-E-Mail, in welcher er Dinge bestätigte, die wir nicht besprochen hatten», sagt einer, bei dem Greber investiert hatte. «Nach drei Monaten musste ich deshalb erstmals in meinem Leben dazu übergehen, nur noch in Anwesenheit von Zweitpersonen mit ihm zu sprechen.»

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Ein anderes Beispiel ist wohldokumentiert: 2007 übernahm Greber für die Bank am Bellevue ein grosses Ascom-Paket von der Hasler Stiftung. Er musste dem Stiftungspräsidenten Max Gsell schwören, dieses nicht weiterzuverkaufen. Wenig später landeten die Aktien dennoch bei den Raidern Ronny Pecik und Georg Stumpf. «Wenn es um sein Geld geht, lügt Greber, wie es nur passt», sagt ein damals In­volvierter.

«Wir wollen keinen Lärm machen, sondern uns still Gehör verschaffen», liess Greber bei der Gründung von Veraison verlauten. Das mit dem «still» gilt freilich nur, solange er seinen Willen bekommt. «Greber ist stur und rechthaberisch – in diesem Geschäft ist das eine Stärke», sagt ein ehemaliger Kollege: Er lasse nie nach, bearbeite Partner, Kunden oder Journalisten, bis er beim gewünschten Ergebnis ist. «Auch persönlich wird er dann unangenehm», sagt einer, der das erlebt hat. Dann spielt Greber auf den Mann. Etwa wenn er per Interview ausrichten lässt, er habe das Vertrauen in Ascom-Chef Holger Cordes verloren. Oder wenn er den Calida-Verwaltungsräten vorwirft, überbezahlt zu sein.

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Niederlagen steckt Greber schnell weg und schaut nicht mehr zurück. Als Jugendlicher war er begeisterter FCZ-Fan, sorgte als führendes Mitglied beim Fanclub Blue Angels für Stimmung in der Kurve. 2011 wurde er Vizepräsident des FCZ, wollte ihn übernehmen und sanieren. Doch Präsident Ancillo Canepa hatte andere Pläne, Greber verlor den Machtkampf und trat zurück. Seither geht er auch nicht mehr in den Letzigrund. Umso mehr schwärmt er jetzt für den FC Chelsea: Als Besitzer einer Saisonkarte besucht er – wenn nicht gerade Pandemie ist – regelmässig mit seinem Sohn Spiele an der Stamford Bridge.

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Grebers Vorbild: Cevian

Der Sohn eines Akkordmaurers in Sursee hat eine bunte Karriere hinter sich. Das Gymnasium brach er ab, weil ihm Fächer wie Latein zu langweilig waren. Er arbeitete bei UBS Warburg Dillon Read, bei ­Julius Bär, bei der Deutschen Bank, Lombard Odier und der Bank am Bellevue. Dort schuf er den Grundstock seines Vermögens: Er konnte sich zum Buchwert einkaufen, als die Bank dann von Swissfirst übernommen wurde, vervielfachte sich sein Einsatz. Im Lauf der Jahre baute Greber ein dichtes Netzwerk in der Schweizer Finanzwelt auf, von dem er bis heute zehrt. Sein Arm muss lang sein: Auffällig viele Weggefährten wollen sich gar nicht oder nur anonym über ihn äussern.

2008 gründete Greber zCapital, die sich ebenfalls bereits als aktivistischer Investor verstand, aber weniger tief engagieren konnte, da die Anleger ihr Kapital nicht auf mehrere Jahre binden mussten. Seine Frau sagt von Greber, er habe einen Genfehler: Er brauche immer etwas Neues. Wohl auch deshalb wurde ihm zCapital zu langweilig: 2015 verkaufte er die Firma an das Management und gründete Veraison, zusammen mit Ex-Phonak-Chef Valentin Chapero.

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«Ich bin mehr der Kapitalmarktmann.»

Gregror Greber

«Als ehemalige CEO versteht er die Themen, die Probleme der CEOs im Tages­umgang mit dem operativen Geschäft. Ich bin mehr der Kapitalmarktmann», beschrieb er damals die Rollenverteilung. Inzwischen ist Chapero wieder ausgestiegen und widmet sich seinem Job als Ascom-Präsident. Von den anderen drei ­Mitgründern ist heute nur noch einer mit dabei. Nicht alle gingen im Guten. «Es gibt vielfach Leute, die ihm nicht mehr folgen können, weil es zu schnell geht oder weil Greber zu stark auf seine Meinung pocht», sagt ein Weggefährte.

ValueAct Capital aus San Francisco nennt Greber als Vorbild für Veraison sowie Cevian, die in der Schweiz etwa bei ABB investiert sind. Doch er redet hier von anderen Ligen: Bei Veraison machen fünf Leute die Analyse, bei Cevian sind es 44, Value Act hat eine dreistellige Anzahl Mitarbeiter. Vor allem aber: Cevian verwaltet Assets in der Höhe von 14 Milliarden Dollar, Value Act 16  Milliarden.

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Veraison begann mit 150 Millionen, war mal bei 332 Millionen, derzeit sind es 240 Millionen, ein Drittel davon ist Cash. Und Greber hat auch nicht die Geduld der Grossen: Bei Volvo dauerte es elf Jahre, bis sich das Investment für Cevian auszahlte, dann aber brachte es zwei Milliarden Ertrag. Bei ­Greber muss immer etwas gehen, schliesslich muss er Erfolge ausweisen. Das führt bisweilen zu Schnellschüssen, die dem langfristigen Ansatz nicht entsprechen.

Auch sonst ist einiges inkonsistent bei Veraison. Fokussierung fordert Greber von den Firmen, doch weil das Schweizer Anlageuniversum begrenzt ist, ist sein eigenes Portfolio alles andere als fokussiert: Von Solartechnologie über Onlinehandel bis Wäsche und Backwaren reicht es. Das fehlende Know-how sucht sich Greber in seinem Netzwerk zusammen, bei ehemaligen Verwaltungsräten, CEOs oder anderen Investoren.

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Die Performance, die Greber von seinen Firmen einfordert, liefert er selber nicht: Der Veraison-Fonds hat sich seit Auflegung schlechter entwickelt als der Börsenindex SPI. Nimmt man die ein Jahr später aufgelegte Retail-Version des Fonds mit ihren hohen Gebühren, ist die Bilanz sogar noch deutlich schlechter. Besser als mit einem Veraison-Fonds würde der Anleger mit ­einem ETF auf den Index fahren – bei deutlich geringerem Risiko. Greber akzeptiert die Kritik, sagt aber: «Wir sind nie angetreten mit dem Anspruch: Wir schlagen jeden Index in jeder Zeitreihe.» Auch für die ­Zukunft sieht es momentan nicht gut aus. In fünf Firmen ist Veraison derzeit investiert, bis auf Aryzta und Komax notieren ihre Kurse deutlich unter dem Einstand.

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Ausgeprägter Genussmensch

Der Vater von drei Kindern (15, 21 und 24) hat selber ein vitales Interesse daran, dass sich die Investments gut entwickeln. Er ist ein ausgeprägter Genussmensch, besitzt ein Haus mit Seesicht in Stäfa und ein grosszügiges Chalet in Arosa (dort hat er auch dem Bärenland einen Bär gesponsert).

Hinzu kommt ein Haus im Napa Valley, wo er an einem Weinberg beteiligt ist. Um den Blend kümmert er sich persönlich, der Ertrag von 24 Kisten pro Jahr ist für den Privatgebrauch oder Geschenke. Und ihm gehört das Edelsteakhaus Napa Grill im Zürcher Hürlimann-Areal – auch hier verkrachte er sich nach kurzer Zeit mit dem Gastrounternehmer Markus Segmüller.

Grebers persönlicher Weingeschmack ist ebenso exquisit wie teuer. «Mit so einem Lebensstil ist er darauf angewiesen, Geld zu verdienen», sagt ein langjähriger Freund: «Da reichen 240 Millionen Assets under Management kaum aus. Auch darum ist er unter Druck.» Greber sagt: «Ich würde auch gerne eine höhere Rendite erwirtschaften ­wollen.»

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