Es ist kein Neuanfang, viel eher eine Rückbesinnung auf alte Qualitäten: Denn mit Christoph Mäder (61) übernimmt im Oktober ein Mann den Economiesuisse-Präsidentenstuhl, der in seinem Lebenslauf alles vorweisen kann, was ihm im Dachverband der Schweizer Wirtschaft den nötigen Respekt verschaffen dürfte: 18 Jahre Konzernleitungserfahrung bei Syngenta, ein Vizepräsidium beim SMI-Börsenüberflieger Lonza und diverse Verwaltungsratsmandate.

Und Anerkennung braucht er, wenn er bei Economiesuisse ein paar Reformen durchboxen will. Nicht wenige trauen das Mäder jedenfalls zu. Sie beschreiben ihn als «liberal», «unabhängig» und «entscheidungsfreudig». Und als einen, der zu seiner Meinung steht, auch wenn er damit nicht alle zufriedenstellt.

Aber bevor er sich um Economiesuisse kümmern kann, muss er mit seiner Direktorin Monika Rühl ganz andere Probleme lösen, denn Heinz Karrer hat ihm mit seinem überraschenden Abgang ein unschönes Abschiedsgeschenk hinterlassen: die Konzernverantwortungsinitiative, über die am 29. November abgestimmt wird. Ebenfalls ungelöst ist die leidige EU-Frage, die nach der Abstimmung über die SVP-Begrenzungsinitiative Ende September wieder aufs Tapet kommen dürfte.

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▶︎ Die Mitstreiter

Viele seiner Freundschaften, so auch zu Novartis-Verwaltungsrat Andreas von Planta, stammen aus der Studentenverbindung Zofingia. Von dort her kennt er auch den früheren Bâloise-Präsidenten Rolf Schäuble, den er heute noch regelmässig trifft, sowie den früheren Bundesrichter, Aargauer FDP-Regierungsrat und Ständerat Thomas Pfisterer. Mäder selbst ist parteilos, war aber bei den Regierungsratswahlen Wahlkampfleiter für seinen Freund und Mentor Pfisterer.

Seit vielen Jahren beruflich eng verbunden ist Mäder mit dem Wirtschaftsanwalt Rolf Watter von Bär & Karrer: Mit ihm hat er etwa die Clariant-Abspaltung, die Syngenta-Gründung oder die Monsanto-Abwehr begleitet. Bei Syngenta war Mäder bis 2003, bis zum Eintritt von Finanzchef Domenico Scala, dem späteren Nobel-Biocare-Chef und «guten Freund» von Mäder, der einzige Schweizer in der Konzernleitung.

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Die Mitstreiter: Andreas von Planta, Rolf Watter und Domenico Scala (v. l.).

Quelle: ZVG/Oliver Oettli

2016 holt ihn der damalige Präsident Rolf Soiron, den Mäder noch heute sehr schätzt, in den Lonza-Verwaltungsrat. Unter Albert Baehny steigt er 2020 zum Lonza-Vizepräsidenten und Lead Independent Director auf. Im Lonza-Verwaltungsrat trifft Mäder auf Werner Bauer, der lang in der Nestlé-Konzernleitung sass, und den früheren Barry-Callebaut-Lenker und heutigen Metro-Präsidenten Jürgen Steinemann. Seit 2018 ist Mäder zudem Verwaltungsrat bei der Ems-Chemie von Magdalena Martullo-Blocher, die er von Scienceindustries her kennt. Präsidiert wird das Gremium von Ulf Berg.

2019 wurde Mäder zudem gemeinsam mit dem langjährigen PwC-Chef Markus Neuhaus in den von Andreas Burckhardt präsidierten Verwaltungsrat der Bâloise gewählt. Dort trifft er etwa auf die Anwältin und Uni-Dozentin Marie-Noëlle Venturi-Zen-Ruffinen. Er sitzt auch in dem vom Ex-ETH-Präsidenten Ralph Eicher geführten Stiftungsrat von «Schweizer Jugend forscht» – etwa mit der neuen Ruag-Präsidentin Monica Duca Widmer. Zudem ist Mäder Mitglied des von Ueli Looser präsidierten Beirats von Accenture Schweiz: In diesem sitzen unter anderem Peter Kurer oder Felix Ehrat sowie Sunrise-Präsident Thomas Meyer.

▶︎ Die Karriere

Mäder studierte Jus in Basel und war wissenschaftlicher Assistent für Staats- und Verwaltungsrecht bei Professor Kurt Eichenberger, wo er auch Gerhard Schmid traf, heute Konsulent bei Wenger Plattner, damals Sandoz-Chefjurist und Dozent an der Uni Basel. Schmid war es, der Mäder 1992 zu Sandoz holte, wo dieser nach der Fusion mit Ciba-Geigy zu Novartis die Karriereleiter hochstieg.

Wichtige Bezugspersonen waren der Finanzchef Raymund Breu, der spätere Syngenta-Präsident Heinz Imhof, Novartis-Lenker Daniel Vasella sowie Jörg Reinhardt, der damals Entwicklungschef Pharma war und heute Novartis präsidiert. 2000 wechselte Mäder zur neu gegründeten Syngenta, geformt aus den Agrarsparten von Novartis und AstraZeneca, und wurde unter Imhof und CEO Michael Pragnell Konzernleitungsmitglied. Mit Pragnells Nachfolger Mike Mack und Präsident Michel Demaré orchestrierte er den Abwehrkampf gegen Monsanto. Nach dem Verkauf an ChemChina verliess er 2018 das Unternehmen.

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Gerhard Schmid (links) und Jörg Reinhardt.

Quelle: ZVG

Vor seiner Karriere in der Pharma- und Chemiewelt hatte er das Advokaturexamen im Aargau gemacht und als juristischer Sekretär bei der Aargauischen Industrie- und Handelskammer unter Direktor und FDP-Grossrat Heinz Suter gearbeitet. Der «gewiefte Politiker» soll Mäder die «Mechanismen der Politik» erklärt haben. 2019 ist Mäder in den Aargau zurückgekehrt: zur Advokatur Becker Gurini Hanhart Vogt in Lenzburg, deren Partner er seit Jugendzeiten kennt.

▶︎ Verbandswelt

Seit rund 25 Jahren engagiert sich Mäder in der Welt der Wirtschaftsverbände: So war er etwa Vorstandsmitglied bei der Handelskammer beider Basel unter Präsident Thomas Staehelin, dem früheren Verwaltungsrat von Schindler und Kühne + Nagel, und bei Scienceindustries, dem Verband der pharmazeutischen und chemischen Industrie. 2008 übernahm er vom Ex-Clariant-Präsidenten Rudolf Wehrli, seinem Vorvorgänger an der Economiesuisse-Spitze, das Scienceindustries-Präsidium.

Elf Jahre sass Mäderals Scienceindustries-Mann im Economiesuisse-Vorstandsausschuss, sechs Jahre war er Vizepräsident. Wichtige Ansprechpartner dort waren für ihn Swissmem-Präsident Hans Hess, Bankiervereinigungspräsident Herbert Scheidt, dessen Vorgänger Patrick Odier, Versicherungsverbandspräsident Rolf Dörig oder die Chefin der Weidmann-Gruppe, Franziska Tschudi Sauber. Aufgrund seiner Funktionen pflegte Mäder auch regelmässig den Kontakt zu den früheren Bundesräten Johann Schneider-Ammann und Doris Leuthard. Einen engen Draht hat er zum Arbeitgeber-Präsidenten Valentin Vogt.

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Rudolf Wehrli, Franziska Tschudi Sauber und Valentin Vogt (v. l.).

Quelle: ZVG/Thomas Meyer

▶︎ Die Gegenspieler

Mäder muss als Economiesuisse-Präsident gleich gegen die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) in den Ring steigen – gegen die beiden Co-Präsidenten des Initiativkomitees, den früheren FDP-Ständerat Dick Marty und die Juristin und Professorin Monika Roth, aber auch gegen einzelne Unternehmer wie etwa Peter Stämpfli von der gleichnamigen Berner Unternehmung oder den Gipfeli-König Fredy Hiestand.

Hinter der KVI steckt unter anderem die Nichtregierungsorganisation Public Eye, mit der Mäder als Syngenta-Mann schon Erfahrung gesammelt hat. So hat es Syngenta 2012 auf die Shortlist des unrühmlichen Public Eye Award geschafft – wegen umstrittener Pestizide. Um Pestizide und sauberes Trinkwasser geht es in zwei Initiativen, über die wohl 2021 abgestimmt wird.

Insbesondere der von Franziska Herren lancierten und im Rekordtempo gesammelten Trinkwasser-Initiative werden Chancen zugesprochen. Mittlerweile unterstützen auch Greenpeace, Pro Natura oder etwa 4aqua, eine Vereinigung von Wissenschaftlern, das Anliegen. Ebenfalls zu den Unterstützern gehört Fredy Hiestand. Mit Christoph Blochers SVP wird Mäder im Europa-Dossier die Klingen kreuzen.

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Die Gegenspieler: Dick Marty, Monika Roth und Fredy Hiestand (v.l.).

Quelle: Philippe Rossier/ZVG

▶︎ Die Familie

Christoph Mäder wird am 21. Juli 1959 im Aargau geboren, genauer in Zetzwil. Er wächst mit seinen beiden Geschwistern in Rupperswil auf, besucht Schulen in Lenzburg und Aarau. Sein Vater war Pfarrer, seine Mutter Pfarrersfrau, was «sicher einem Halbzeitpensum» entsprach, und Hausfrau.

Seine Schwester ist heute Notarin, sein Bruder Elektroingenieur. Christoph Mäder ist geschieden und Vater von zwei erwachsenen Kindern, eines Sohnes und einer Tochter, und wohnt heute in Hergiswil NW. In seiner Freizeit geht er gerne in die Berge – im Sommer wie auch im Winter: zum Wandern, Biken, Skifahren und Langlaufen. Daneben spielt er Golf.