Wie nehmen Sie die Kunstwelt nach der Pandemie wahr?
Es gibt eine totale Verschiebung von Gewohnheiten, von Erreichbarkeit, von Restriktionen, von Möglichkeiten. Alle Kunstinstitutionen waren davon betroffen und alles hat sich verlangsamt. Dazu gehörten auch die Kunstmessen. Diese Woche kommt die Art Basel nach fast zwei Jahren wieder. Die Pandemie hat aber die Kunstwelt auch dazu veranlasst, über sich selbst nachzudenken, neue Lösungen zu finden, um Kunst wieder zugänglich zu machen.

Ihre Stiftung betreibt eine Art nomadisches Museum.  
Ja, es ist ein mobiles Museum. Ich betreibe eine Kunststiftung, die sich zeitgenössischer Kunst widmet, die ad hoc entsteht und an verschiedenen Orten stattfindet. 

Das setzt auch voraus, dass man zu den Orten hinpilgert. Welche Erfahrungen möchten Sie bei den Betrachtern auslösen?
Während der Pandemie hatten wir zwei Projekte: Eines war komplett virtuell. Wir haben Künstler gebeten, uns ein Bild davon zu geben, wie sehr sie die Pandemie einschränkt. Das wechselte jeden Tag. Das was erfolgreich, weil wir das gleich nach dem ersten Lockdown in Italien initiierten. Niemand hatte eine so schnelle Reaktion erwartet. Das zweite Projekt war mit dem Künstler Ragnar Kjartansson. Dort ging es um Intimität und Mediation. Das war ein physisches Werk, der Zugang zu diesem Ort war durch Covid-19 limitiert.

Konnte es dennoch die erwünschte Wirkung erzielen?
Der Unterschied zwischen den Projekten zeigte auf, dass die Menschen ein grosses Bedürfnis haben, etwas physisch zu tun. Sie brauchen echte Erlebnisse, den Kontakt mit der Realität, mit anderen Menschen. In Zukunft werden wir beides nebeneinander erleben. Eine Kombination von beidem. Wir sitzen vor dem Computer, aber wir möchten auch raus. Die Technologie verändert sich sehr schnell, zugleich haben wir unsere Grundbedürfnisse.

Wie manifestieren sich diese?
Es zeigte sich auch an unserer ersten Ausstellung der «Fondazione Beatrice Trussardi» mit Pawel Althamer und dem Werk «Franciszek» im Val Flex im Engadin. Die Betrachter mussten diese Skulptur live erleben, damit sie ihre volle Wirkung entfalten konnte, die in dem Moment präsent war. Aber es ging nicht nur um die Skulptur, sondern um das ganze Erlebnis drumherum. Die majestätische Natur. Das Licht dort oben ist sehr intensiv, es windet, die Natur ist überall spürbar. 

Es gibt einen roten Faden durch Ihre Arbeiten von Kunst und der spirituellen Erfahrung damit. Hat Sie das ermutigt, bei neuen Projekten wieder mehr Wert darauf zu legen?
Wir greifen diese Themen in unserer Kunstaktionen immer wieder auf. Das zeigt auch unser Leitbild. Wir möchten die wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit in unserer Tätigkeit aufnehmen. Das ist die Aufgabe der Kunst selbst. Fragen zu stellen und neue Möglichkeiten des Zusammenlebens zu schaffen.

Geht es bei Ihrer Forschung und Arbeit auch darum, Kunst mit anderen Disziplinen in einen Dialog zu stellen?
Unsere Forschung, unser Research, dient demselben Thema: Wir haben uns entschieden, Kunst an verschiedenen Orten zu zeigen. Wir recherchieren, um ein neues Utopia zu schaffen. Dabei geht es aber nicht um die künstlerische Sicht. Wir haben in der Stiftung einen Soziologen und einen Artistic Director, die beide ihre Arbeit verfolgen.

Trussardi

Die Ausstellung der Stiftung Beatrice Trussardi mit einer Installation des Künstlers Pawel Althamer fand bis Ende August im Val Fex im Oberengadin statt. 

Quelle: ZVG

Warum haben Sie ausgerechnet in Pontresina Ihre neue Stiftung, die Fondazione Beatrice Trussardi, gegründet?
Ich habe die Stiftung in der Schweiz gegründet, weil ich von da aus internationale Projekte starten möchte und weil die die Schweiz in der Nähe von Mailand ist. 

Wird die Schweiz für Ihre Projekte in Zukunft eine grössere Rolle spielen?
Wir möchten internationale Projekte angehen, die aus der Schweiz heraus starten. Die Schweiz wird das Zentrum der Tätigkeiten sein. Mit der Stiftung Fondazione Nicola Trussardi in Milano machen wir Projekte in Italien. 

Zur Person: Beatrice Trussardi

Die italienische Kunst- und Kulturunternehmerin präsentiert seit über zwanzig Jahren an überraschenden Orten Kunst. Sie ist seit 1999 Präsidentin der Stiftung Nicola Trussardi. Die Stiftung macht Kunst im öffentlichen Raum, unter anderen mit Künstlern wie Paul McCarthy, Tino Sehgal, Fischli/Weiss, Pipilotti Rist und Maurizio Cattelan. In dieser Zeit hatte Trussardi auch verschiedene Positionen im Familienunternehmen inne.

2021 gründete Beatrice Trussardi mit dem künstlerischen Leiter Massimiliano Gioni die Beatrice Trussardi Foundation, eine Stiftung für nomadische Kunst. Die erste Ausstellung wurde im Juli mit «Franciszek» von Pawel Althamer im Val Fex im Engadin eröffnet. Ihre Forschung betrifft Themen wie Klimawandel, Identität und geschlechtsspezifische Ungleichheiten und die Förderung von Künstlern. 

Beatrice Trussardi

Die 49-Jährige war im Rahmen des Zurich Art Weekend in Zürich. 

Quelle: Cherokee Spiess

Sie hatten viele Hüte auf während Ihrer bisherigen Karriere und haben schon so viel gemacht …
... Ich habe dazu auch noch eine Familie gegründet. Ich habe Söhne. Ich habe auch noch ein Privatleben geführt. Es geht nicht um mich. Es geht um die Kunst. It’s not personal. Ich sage immer: Der Protagonist meiner Aktivitäten sind die Projekte. Es bin nicht ich, nicht der Kurator, nicht mal Künstler, sondern was sie in der Öffentlichkeit bewirken. Ich wollte mein ganzes Leben immer dieser gemeinsamen Sache dienen. Deshalb habe ich eine öffentliche Kunststiftung geschaffen.

 Ibrahim Mahama A Friend

Stiftung Nicola Trussardi: Die Arbeit des Künstlers Ibrahim Mahama an der Porta Venezia in Mailand. 

Quelle: ZVG

Geht es bei Ihren Projekten auch darum, zeitgemässe Themen wie Equal Voice oder Klimawandel mit Kunst zu adressieren? 
Ich möchte Bewusstsein schaffen. Ich möchte die Debatte mitprägen, wie sich unser Leben verbessern kann. Ich wurde 2005 in die Young Global Leaders des WEF aufgenommen. Daraus entstand auch die Anfrage vom Aspen Institute. Ich machte mir Gedanken, welche Vorhaben die Herausforderungen und Probleme der Welt lösen könnten. Da meine grosse Leidenschaft Kunst ist, dachte ich, dass ich diese Themen damit aufnehmen kann. 

Wie war Ihre Erfahrung in der Kunstwelt, die immer noch stark von Männern dominiert wird?
Ich hatte Glück, weil ich immer respektvoll behandelt wurde. Ich musste nie aggressiv sein, um mich und meine Arbeit zu repräsentieren. Für viele Frauen bleibt dies eine grosse Herausforderung.

Ihre Arbeit spricht für sich selbst. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so einfach ist, den Stadtpräsidenten von Mailand zu überzeugen, ein historisches Eingangstor in der Stadt zu verhüllen.
Es ist eine Frage des Respekts.

Michael Elmgreen & Ingar Dragset

Eine Kunstinstallation von Michael Elmgreen & Ingar Dragset aus dem Jahre 2003. 

Quelle: ZVG

Ihr Vorteil ist, dass sie verschiedene Welten kennen und wissen, wie Corporates, die Politik, die Kunstwelt funktioniert. Damit können Sie zwischen diesen Welten navigieren.
Ich habe das Projekt mit Maurizio Cattelan in Mailand zu der Zeit gemacht, als ich Präsidentin der Stiftung Nicola Trussardi war. Die Aktion mit den drei gehängten Figuren auf einem der Mailänder Hauptplätze schlug hohe Wellen und war auf dem Titelblatt vieler Zeitungen auf der Welt. Das war eine einschneidende Erfahrung.

Welche Projekte planen Sie als Nächstes?
Ehrlich gesagt wissen wir es nicht. Das ist ein Glück für uns, dass wir keinen Plan machen müssen. Wir müssen keine Programmation machen wie ein Museum, was wir in den nächsten sechs Monaten oder zwei Jahren zeigen möchten. Mit unserem Format sind wir freier. Wir haben eben das Projekt im Engadin abgeschlossen, jetzt fokussieren wir uns wieder auf den Research. Wir schauen jetzt, welcher Ort sich eignet, um als Nächstes etwas zu machen. Wir beurteilen die Situation, prüfen die Umsetzung. Es ist eine Kombination aus allem. Wenn wir uns wohlfühlen, starten wir ein neues Projekt. 

Mitarbeit: Meret Kaufmann