Der Hauptsitz des Lebensmittelproduzenten Ospelt im liechtensteinischen Bendern. Die Empfangsdame sitzt hinter Plexiglas, die Auflagen sind streng: Fragebogen, Fiebermessen, Maske. Alexander Ospelt, ebenfalls maskiert, holt uns ab und führt uns in den dritten Stock – via Treppenhaus, denn der Lift ist nur für zwei Personen zugelassen. «Wir haben hier schon beim ersten Fall in der Schweiz sehr strenge Massnahmen erlassen», betont der Malbuner-Chef.

Wie lief das Homeoffice?
Wir waren erstaunlich gut eingerichtet. Als es losging, haben wir hier in der Administration sofort umgestellt. Hier am Hauptsitz war etwa ein Drittel der Belegschaft vor Ort, der Rest arbeitete von zu Hause aus.

Die Fleischindustrie steht besonders im Fokus. Wie haben Sie reagiert?
Ich habe das Einfahrtstor zum Werksgelände an unserem Hauptsitz hier in Bendern zugemacht, denn ich wollte sicher sein, dass so wenig Aussenstehende wie möglich auf das Betriebsgelände kommen. Wir haben alle drei Fabrikläden geschlossen. Zudem haben wir sofort damit angefangen, bei allen Mitarbeitern, die zur Arbeit kamen, Fieber zu messen, und wir haben Schutzmasken auch in den Büros verordnet.

Und an Ihren anderen Standorten in der Schweiz und in Deutschland?
Wir sind geübt darin, via Video zu kommunizieren, ich kann nicht jeden Tag unsere Produktionsstätten ­be­suchen. Für einen Jour fixe mit unseren Verantwortlichen in Deutschland oder manche VR-Sitzung hatten wir vorher schon auf Video umgestellt.

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Sie haben in Liechtenstein sehr viele Mitarbeiter aus Vorarlberg. Wie haben Sie das geregelt?
Die Lebensmittelbranche ist systemrelevant. Deshalb gab es Sonderregeln, auch mit dem sehr strikten Österreich. Die Mitarbeiter aus Vorarlberg erhielten von uns eine Bescheinigung, damit sie die Grenze passieren konnten. Das klappte reibungslos.

Haben Sie voll weitergearbeitet?
Ja, hier in Liechtenstein zu 100 Prozent, wir mussten auch keine Kurzarbeit anmelden. Nur in unserer Produktion in Geroldswil ZH, wo wir Sandwichs herstellen, haben wir auf Kurzarbeit umgestellt. Dieses Geschäft ist um mehr als ein Drittel zurück­gegangen. Den Mitarbeitern habe ich die Lohneinbusse ausgeglichen.

Von Bendern nach Europa

Herbert Ospelt gründete die Firma 1957 in Bendern in Liechtenstein, sein Sohn Alexander Ospelt (57), heute VR-Präsident, etablierte die Ospelt-Gruppe als europäischen Player. Gewinnzahlen publiziert das Familienunternehmen nicht, der Umsatz liegt bei gut 700 Millionen Franken, die Mitarbeiterzahl bei 1800 an fünf Standorten in Liechtenstein, der Schweiz und Deutschland. Die Eigenmarke Malbuner steuert rund ein Fünftel zum Umsatz bei, gut ein Drittel liefert die Tierfuttersparte, ein weiteres Drittel machen Tiefkühlpizzen und andere Convenience-Produkte aus.

Haben Sie von der Krise sogar profitiert?
Insgesamt sind wir bis jetzt gut weggekommen. Es hilft sehr, dass wir breit diversifiziert sind. In einigen ­Be­reichen produzierten wir viel mehr als zuvor, in anderen weniger. Der Gastro- und auch der Take-away-Bereich sind zurückgegangen. Dafür lief es im Detailhandel sehr gut. Gesamthaft gesehen stehen wir sogar leicht besser da als im Vorjahr.

Was lief besonders gut?
Tiefkühlpizzen und Tiernahrung.

Tiernahrung?
Als sich die Kunden am Anfang der Krise eindeckten und Hamsterkäufe tätigten für lang haltende Produkte, dachten sie auch an ihre Tiere. Tierfutter verkaufte sich so gut wie Klopapier.

Der Fleischskandal in Deutschland schadet Ihrer Industrie massiv. Wie schlimm ist der ­Imageschaden?
Die Fleischindustrie stand in den letzten Jahren vor verschiedenen Herausforderungen, die es zu meistern galt. Keine Frage, durch die aktuellen Ereignisse hat das Image weiter gelitten.

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Spüren Sie das bei Ihrer Fleischmarke Malbuner?
Wir setzten mit Malbuner in den letzten Jahren immer auf Qualität und geniessen deshalb grosses Vertrauen.

Wie viel Prozent der Wertschöpfungskette ­überblicken Sie?
Wir kaufen von den sogenannten Zerlegebetrieben die Teilstücke, die wir in Bendern verarbeiten. Für Malbuner verwenden wir ausschliesslich Schweizer Fleisch.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bilder aus Deutschland sehen?
Ich möchte mir nicht anmassen, ein Urteil zu bilden. Ich kenne nur die Darstellungen aus den Medien.

Können Sie sicherstellen, dass das Fleisch, das Sie verarbeiten, unter besseren Bedingungen produziert wird?
Die Schweizer Schlachthöfe, von denen wir unser Fleisch beziehen, sind viel kleiner. Unsere Qualitäts­sicherung überwacht diese Schlachthöfe und stellt ­sicher, dass das Fleisch, das hierherkommt, korrekt hergestellt worden ist.

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Für Sie zählt nur die Qualität des Fleisches, sonst nichts?
Doch – wenn ein Betrieb in der Schweiz in die Negativschlagzeilen gerät, ist das für uns auch nicht gut. ­Daher machen wir mindestens einmal jährlich Audits und Qualitätskontrollen und schicken dazu unsere ­eigenen Mitarbeiter in die Schlachtbetriebe.

Wie viele Schlachthöfe haben Sie als Zulieferer?
In der Schweiz gibt es zwei ganz Grosse – Coop mit Bell und Migros mit Micarna. Sie sind gleichzeitig auch Abnehmer unserer Fertigprodukte. Hinzu kommen drei, vier grössere private Schlachthöfe als Lieferanten. Die Situation ist also überschaubar.

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Ist es schon vorgekommen, dass ein Audit zum Schluss kam, dass ein Betrieb Ihre Anforderungen nicht mehr erfüllt, und Sie deshalb von dort kein Fleisch mehr beziehen?
Nein, noch nie. Die Schweiz zählt zu den Ländern mit den höchsten Hygienevorgaben der Welt.

Wie stellen Sie bei der Produktion sicher, dass keine deutschen Verhältnisse entstehen?
Wir befolgen sehr hohe Standards: Schutzmasken in der Produktion, Hygieneschleusen, Händewaschen, ­Arbeitskleidung, Desinfektion. Sämtliche unser Betriebe sind nach International Food Standards (IFS) zertifiziert. Das hatten wir schon lange vor Corona. Wir unternehmen alles, dass hier keine Probleme entstehen.

Veganwelle und Fleischersatz rollen an, die Gestelle in Coop und Migros sind voll mit Alternativen, für die nicht geschlachtet werden muss. Und immer mehr Menschen haben Skrupel, im Restaurant ein Steak zu bestellen. Wie reagieren Sie darauf?
Als Firmengruppe mit unserer Diversifikation und Grösse ist es sehr wichtig, dass wir uns auf neue Trends einstellen. Wir haben heute in allen Bereichen – selbst bei Malbuner – vegetarische und vegane Produkte im Angebot. Wir bauen das stetig aus.

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Wie gross ist die Nachfrage?
Steigend, und deshalb ist auch hier Innovation sehr wichtig. Auch hier gilt: Wir müssen die richtigen Produkte für das richtige Marktsegment mit dem richtigen Preis und der richtigen Verpackung entwickeln. Auch die Zahl der sogenannten Flexitarier, die mal ein gutes Stück Fleisch mögen, aber sich sonst gern fleischlos ernähren, wächst stetig.

«Es ist ein Umdenken im Gange, viele Leute verzichten aus den verschiedensten Gründen auf Fleisch.»

Worauf setzen Sie?
Auf Soja-, auf Erbsenprotein-, auf Weizenprodukte. Es gibt einige pflanzliche Grundstoffe, die man benutzen kann. Wir sind gerade dabei, eine ganze Reihe asiatischer Fertiggerichte zu entwickeln, bei denen wir das Poulet durch ein Erbsenprotein ersetzen. Es schmeckt wirklich wie Poulet, auch die Textur ist wie Poulet. Erstaunlich.

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Essen Sie das auch?
Sicher, das ist doch Ehrensache, wenn wir es schon selbst herstellen. Diese Produkte haben einen festen Platz in meinem Ernährungsplan.

Spüren Sie in Ihrem persönlichen Umfeld die eher kritische Einstellung gegenüber Fleisch?
Es ist ein Umdenken im Gang, viele Leute verzichten aus den verschiedensten Gründen auf Fleisch. Das ist der Wandel der Zeit, und es heisst auch: Es gibt neue Märkte, neue Kunden und neue Bedürfnisse.

Wie weit werden Sie da von der nächsten Generation inspiriert? Denkt Ihr 28-Jähriger Sohn, der gerade ins Unternehmen eingetreten ist, da anders als Sie?
Ja, die Jungen sehen vieles anders, und es ist wichtig, dass wir ihnen zuhören. Aber auch sie müssen uns zuhören. Die wachsende Skepsis erhöht den Qualitätsdruck gegenüber all jenen, die nach wie vor Fleisch essen wollen. Sie werden eher auf ein Markenprodukt wie Malbuner zurückgreifen als auf einen No-Name. Das sieht man ja auch beim Frischfleisch: Lieber weniger, dafür aber gute Qualität, die dann auch mehr kosten darf.

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DREI OSPELTGENERATIONEN Firmengründer Herbert Ospelt (M.), Sohn Alexander (l.), Enkel Philipp, der seit einem Jahr im Betrieb ist.

Drei Ospelt-Generationen: Firmengründer Herbert Ospelt (M.), Sohn Alexander (l.), Enkel Philipp, der seit einem Jahr im Betrieb ist.

Quelle: Ospelt / Malbuner

Wie hoch ist der Anteil des Umsatzes mit Fleisch am ­Gesamt­umsatz der Ospelt-Gruppe?
Insgesamt liegt der Fleischanteil bei etwa 50 Prozent. Malbuner macht rund 20 Prozent, fast ausschliesslich in der Schweiz. Dazu kommen Pouletprodukte, etwa Chicken Nuggets für McDonald’s, und unsere Private-Label-Produkte.

Wie investieren Sie für die Zukunft?
Innovation ist für uns zentral. Ich bin mit der Firma aufgewachsen, kenne das gesamte Unternehmen und alle Zusammenhänge en détail. Wenn ich durch den Betrieb gehe und einen Nachholbedarf etwa bei ­Maschinen sehe, entscheiden und handeln wir schnell. Wir stehen international im Wettbewerb mit Massenprodukten und Spezialitäten, da ist die Wettbewerbsfähigkeit lebenswichtig. Wir müssen effizient sein, über eine kritische Grösse verfügen und quali­tativ einwandfrei produzieren. In Deutschland, wo wir Pizzen und Trockentiernahrung herstellen, besitzen wir die allermodernsten Anlagen.

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Das Nahrungsmittelgeschäft gilt als knochenhart, dennoch wird Ihre Marge auf zweistellig geschätzt.
Heutzutage muss man wirklich gut und agil sein, sonst überlebt man nicht. Erfolg ist nur eine Momentaufnahme, daher ist es sehr wichtig, immer nah bei den Kunden zu sein und weiterhin viel zu inves­tieren. Die Ospelt-Gruppe ist zu 100 Prozent in Familienhand. Für meinen Vater hat immer nur eins ­gezählt: Das Unternehmen vorwärtszubringen. Für ihn war Dividende nicht wichtig, er hat das Geld ins Wachstum reinvestiert. Das machen wir heute genauso.

Fressen statt gefressen werden? Wo kaufen Sie weiter zu?
Wir haben gerade von Nestlé den Brotaufstrich «Le Parfait» übernommen. Das ist eine bekannte Marke mit grosser Tradition und passt deshalb bestens in unser Portfolio. Wir verlagern die Produktion von Basel zu uns nach Bendern. Einen Teil der Maschinen haben wir übernommen, den grossen Rest ­kaufen wir selbst dazu. Das wird eine hochmoderne Produktion.

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Wir dachten eher an Zukäufe im Pizzageschäft. Sie bedienen Grossverteiler wie Lidl mit Tiefkühlpizzen.
Das Pizzageschäft lief während der Corona-Zeit sehr gut. Wir konnten während drei, vier Wochen gar nicht so viel produzieren, wie nachgefragt wurde. Doch erst mal wollen wir «Le Parfait» integrieren.

Wie sieht es mit Ihrer Nachfolge aus? Wann übernimmt die nächste Generation?
Unser älterer Sohn Philipp arbeitet seit letztem August bei uns. Er durchläuft jede Abteilung, um alles selber kennenzulernen. Davor hat er in Innsbruck Betriebswirtschaft studiert und war dann als Praktikant in ­einigen anderen Produktionsbetrieben.

War das von langer Hand geplant?
Ja, das war vorgespurt. Es war seine Entscheidung. Er war als kleiner Bub schon immer hier. Er ist so wie ich mit dem Betrieb aufgewachsen.

Gibt es für Ihren jüngeren Sohn auch Platz in der Firma?
Martin hat eine Kochlehre absolviert, einige Jahre als Koch gearbeitet und übernimmt nun mein Restaurant mitten in Vaduz. Der vormalige Pächter ist Corona-bedingt in Konkurs gegangen. Am 11. August werden wir öffnen.

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