Es gab eine Menge Gründe, dieses Ranking nicht zu realisieren. Zum einen reicht es auf die andere Seite des Epochenbruchs zurück, in die Zeit vor der Pandemie, als wir alle wie selbstverständlich die Welt bereisten und mit schwerelosem Hochgefühl statt mit beklommenem Abstandwahren in Hotels eincheckten.

Schlagartig wurde alles anders. Heute ist die Zukunft vieler Hotels und touristischer Angebote so ungewiss wie das Schicksal ungezählter Jobs und Existenzgrundlagen. Zwar haben inzwischen fast alle 300 Hotels im diesjährigen, erstmals auf Europa begrenzten Ranking wieder geöffnet und manche darunter sind fürs Erste sogar gestärkt aus der Krise herausgegangen, doch mag sich mancher die Frage stellen, ob die kritische Bewertung von Hotels angesichts der fragilen Sicherheit und der kaum zu überblickenden Weltlage nicht irrelevant und deplatziert scheint.

Sollte man wegen der besonderen Umstände die Einordnung der Leistungen in der Hotelwelt vorerst einmal einstellen? Das Gastgewerbe hat es ja schon schwer genug, und Ranglisten sind ohnehin ein vermintes Gebiet. Wir meinen: Eine solid abgestützte Bewertung, wie sie im 24. Hotel-Ranking der BILANZ dank 195 befragten Experten und mehr als 450 eigenen Tests in den letzten 18 Monaten gewährleistet werden kann, bleibt ein wichtiger Gradmesser der Branche und eine Orientierungshilfe für Reisende, weil es um aktuelle Qualitätsmassstäbe und insgesamt um eine vergleichende Beurteilung der führenden Hotels geht. Ohne eine solche Einordnung würde man der Beliebigkeit, die sich auf den Bewertungsportalen breitgemacht hat, das Feld überlassen.

Ausserdem sind gute Hotels oftmals Orte, die uns Gäste lebendiger, ausgeglichener, hier und da sogar intelligenter fühlen lassen – und uns zu menschlicheren Sichtweisen anregen, als wenn wir uns zu Hause verschanzen. Es sei hier nicht behauptet, dass Hotels Allheilmittel für das globale Chaos sind. Doch in jedem Fall haben sie die Kraft, uns von der Routine des Alltags zu befreien, neue Erinnerungen zu schaffen und uns vor Augen zu halten, dass die direkte menschliche Begegnung jeder virtuellen vorzuziehen ist.

Man braucht nur einen Blick ins Schloss Elmau in Bayern zu werfen, das als insgesamt höchstbewertetes Hotel den neuen Goldstandard setzt. Trotz abgeschiedener Alleinlage, ausschliesslich Übernachtungsgästen vorbehaltenem Hotelzugang und akribisch umgesetzten Covid-19-Schutzmassnahmen ist es von Leben, Heiterkeit und Inspiration erfüllt – und es gibt kein anderes Hotel, das ergänzend zum vielseitigen Restaurant-, Spa- und Sportangebot mit einem so hochkarätigen Konzert- und Kulturprogramm überrascht.

Kein Wunder, ist es in diesem Sommer nicht ganz einfach, ein Zimmer zu ergattern. «Die Menschen mögen derzeit weniger oft und weniger weit verreisen, doch stellen wir eine wachsende Nachfrage für längere Aufenthalte und das Bedürfnis nach Sicherheit und einem Maximum an Privatsphäre und freiem Raum fest», sagt Dietmar Müller-Elmau. Der Visionär unter den europäischen Hoteliers verschweigt indessen den Ernst der Lage nicht, der leider für alle Herbergen dieser Welt gilt: «Über allem schwebt die Angst einer Infektion und vor einem Superspreader, der zur Krankheit oder gar zum Tod und auch Schliessung einer Abteilung oder des ganzen Hotels führen könnte. Die Zeit der Sorglosigkeit wird noch auf sich warten lassen. Umso dankbarer geniessen wir und unsere Gäste dafür jeden Moment intensiver als je zuvor.»

Anzeige

Das süddeutsche Naturresort Elmau verkörpert gleich mehrere von sieben Tendenzen im diesjährigen Ranking, die teilweise schon vor Corona da waren – sich aber nun verstärken.
 

1: Rückzugsoasen abseits der Massen

Mehr denn je geht es den Reisenden heute darum, sich in ihrer wertvollen freien Zeit von der gewöhnlichen Welt auszuklinken und an einem stimmigen Zufluchtsort umsorgen zu lassen. Das Idealhotel ist durch seine exorbitante Alleinlage in schönster Natur jeglichen Menschenmengen entrückt, stillt aber zugleich das Bedürfnis nach einer gewissen Gesellschaft und Geselligkeit.

Nirgends in der Schweiz werden diese Ansprüche besser erfüllt als im Castello del Sole in Ascona. Der diesjährige Primus unter den heimischen Ferienhotels liegt inmitten von 140 Hektaren Park und eigener Landwirtschaft. Der Charakter eines von der Aussenwelt abgekapselten Resorts war hier schon immer das wesentliche Unterscheidungsmerkmal, gewinnt nun aber noch an Bedeutung. Wer in dieser «Destination in der Destination» absteigt, braucht die Hotelanlage nicht zu verlassen und fühlt sich dank drei Restaurants, Spa, Tennisplätzen, enormen Auslaufmöglichkeiten sowie Privatstrand mit Stand-up-Paddles und Booten selbst bei einem längeren Aufenthalt nie eingeschränkt.

Abgeschirmter als zuvor kann man seine Ferien auch im Park Hotel Vitznau am Fusse der Rigi geniessen, weil es sich neuerdings als edles «Gästehaus für Übernachtungsgäste und Freunde des Hauses» (zu denen einzelne externe Restaurantbesucher auf Vorreservation gehören) versteht. Da Veranstaltungen und Hochzeitsgesellschaften derzeit fehlen, ist das Lebensgefühl im Seepalast nun so privat und exklusiv wie in den besten ausländischen Hideaways, etwa der Villa Feltrinelli am Gardasee oder der Domaine des Etangs in der westfranzösischen Charente.

In derselben Liga spielen die Villa La Coste im Luberon, die La Réserve Ramatuelle bei Saint-Tropez, das neuzeitliche Country-House-Hotel Heckfield Place im südenglischen Hampshire oder das (in diesem Sommer geschlossene) Riffelalp Resort 2222m ob Zermatt. Auch das Amanzoe an der Ostküste des griechischen Peloponnes, das Can Simoneta auf Mallorca oder die beiden Riviera-Schönheiten Hôtel du Cap-Eden-Roc und Grand Hôtel du Cap-Ferrat sind ganz eigene Welten von berauschender Schönheit, die dem gewöhnlichen Tourist verschlossen bleiben und der veränderten Priorität von «hyper-social» zu «hyper-solo» gerecht werden.

2: Sehnsucht nach Einfachheit

Je komplexer das Leben wird, desto grösser das Begehren vieler Menschen, diese Komplexität in ihrer Freizeit abzubauen. So verwundert es kaum, dass unprätentiöse Traumhotels, die von einem kräftigen und sympathischen Hauch Normalität umweht sind, hoch im Kurs stehen – selbst wenn sie nicht immer ganz preisgünstig sind.

Hierfür ist das Maiensässhotel Guarda Val ob Lenzerheide das Modell der Stunde. Anders als in scheinbar perfekten Hotels ist man in diesem engagiert geführten, Landlustromantik vermittelnden Ensemble aus subtil umgemodelten Bauernhäusern nicht mit seiner eigenen Unvollkommenheit konfrontiert und kann ganz entspannt sich selber sein.

Mit der neuen Einfachheit geht eine Verschiebung bevorzugter Destinationen einher. Vorrang haben nun eher abgelegene oder weniger touristische Orte. Unterengadin statt St. Moritz, Bettmeralp statt Zermatt, Bologna statt Florenz.

Die Entwicklung der letzten Jahre, dass alle Reiselustigen denselben Wasserfall, dieselbe pittoreske Altstadtgasse und dasselbe Hipster-Café besuchen wollen, um dort für hübsche Instagram-Posts in die Selfie-Linsen zu strahlen und damit alle Follower anzuspornen, genau denselben Schnappschuss plötzlich auch zu wollen, beginnt sich ins Gegenteil zu kehren.

Anzeige

Ein deutscher Tourismusexperte bezeichnet das neue Reiseideal als «Hiddensee-Syndrom» und meint damit die Sehnsucht nach einer verschlafenen Insel, wo man eins ist mit der Natur, wo kein Übertourismus nervt, ein Ort mit ausschliesslich kleinen, individuellen Herbergen, netten Gasthöfen und unverschandelter Natur, die zu friedlichen Bike- und Wandertouren einlädt.

Das heisst nicht unbedingt, dass der Bergsee das Mittelmeer ausstechen muss, doch dürfte sich die Mehrheit der Reisenden vorläufig auf einen Aktionsradius beschränken, der mit dem Auto oder der Bahn erreichbar ist. Statt immer weiter also lieber in unserer Nähe und mit Fokus aufs authentische Erlebnis: Verborgene Perlen wie das Hotel Paradies in Ftan, das Bellevue Parkhotel in Adelboden, die Frutt Lodge in Melchsee-Frutt oder das Chandolin Boutique Hotel im Val d’Anniviers erobern die Herzen der Gäste.

Fernwehgeplagte mögen das Seehotel am Neuklostersee im Nordwesten Mecklenburgs, die Domaine de Murtoli auf Korsika oder die Masseria Torre Maizza in Apulien anpeilen – oder sich für das ganz natürliche Social Distancing im San Luis in Südtirol, im Borgo Santo Pietro in der Toskana, im São Lourenço do Barrocal im portugiesischen Alentejo oder im frisch erblühten südenglischen Landgut The Newt in Somerset begeistern.

Anzeige

3: Gesundheit ist der neue Wohlstand

Für andere Erholungssuchende besteht der neue Luxus darin, die Kontrolle über seine Gesundheit zu übernehmen und den inneren Kompass neu auszurichten. Die letzten Monate haben die Notwendigkeit für ein gestärktes Immunsystem aufgezeigt, und am besten gelingt der Kick-off zu einem gesünderen Lebensstil in einem Health-Retreat unter der Anleitung eines interdisziplinär tätigen Ärzte- und Therapeutenteams.

Beste Voraussetzungen bieten das Waldhotel im Bürgenstock Resort und das soeben eröffnete (noch nicht bewertete) Chenot Palace Weggis auf der gegenüberliegenden Seeseite. Kraft zu schöpfen und das eigene Ich wieder zu spüren, gelingt auch bei einem Aufenthalt im Grand Resort Bad Ragaz oder im Hof Weissbad im Appenzellerland – im benachbarten Ausland im Palace Merano und im Vivamayr Altaussee sowie in den beiden Schwesterbetrieben Lanserhof Tegernsee in Oberbayern und Lanserhof Lans in Tirol.

Da man unterschiedlichen Weisheiten folgen kann, wie mit seiner körperlichen, psychischen und spirituellen Gesundheit umzugehen ist, ist das Spektrum von Wellbeing-Konzepten enorm. Gemeinsam ist ihnen das Versprechen auf transformierende Erlebnisse.

Eine einzigartige Mischung aus Gesundheit und Genuss gelingt der Post Bezau by Susanne Kaufmann im Bregenzerwald mit drei- bis achttägigen Retreats zu spezifischen Themen wie Detox, Holistic Beauty oder Yoga. Unkonventionelle kleinere Anbieter ganzheitlicher Wellness wie das Lily of the Valley bei Saint-Tropez oder das Lime Wood in Hampshire bieten auch abenteuerliche Selbsterfahrungsprogramme an, bei denen es mentale und physische Grenzen in wilder Natur zu überwinden gilt.

Anzeige

Grosse Beachtung bei Spa-Junkies und Selbstoptimierern findet gegenwärtig das Borgo Egnazia in Apulien. Die fünftägigen «Blue Zones Retreats» basieren auf den Erkenntnissen über die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten der weltweit ältesten Menschen, welche in den sogenannten «blauen Zonen» zwischen Sardinien, Costa Rica und Japan leben. Das Retreat strukturiert sich um die «Power 9»: neun Gemeinsamkeiten von besonders langlebigen Menschen. Dazu gehören eine gute Verbindung zu sich selbst, zur Natur und zu einem (nicht-digitalen) sozialen Netzwerk. «Es ist eigentlich alles sehr analog», sagt Hotelier Aldo Melpignano.


4: Respektvolles Miteinander

Ob Gast oder Gastgeber: Die Pandemie hat uns allen klar gemacht, dass viele unserer Privilegien keinesfalls selbstverständlich sind. Und die heutige Situation lässt uns alle weiterhin zwischen Zuversicht und Zweifel schweben. Das hat etwas Verbindendes. Die Gastgeber sind dankbar über jeden Gast. Und die womöglich wirtschaftlich gebeutelten Gäste betrachten ihren unbeschwerten Hotelaufenthalt nicht mehr unbedingt als selbstverständliches Goodie ihres Lebensstils, sondern als ein sehr bewusst gewähltes Highlight ihres Reisejahrs. Selbst «Herr und Frau Nörgeli», die bisher immer ein Haar unter dem Hotelbett fanden und stets mit einem schlecht argumentierten «Ja, aber…» auffielen, jagen heute ihre Mäkelei zum Teufel und verhalten sich wieder wie normale Menschen.

Zwanglos fürsorgliche Gastgeber, denen ihr Hotel genauso eine Herzensangelegenheit ist wie das Wohlergehen jedes einzelnen Gastes und Mitarbeiters, erfahren momentan viel Zuspruch. Mit verstärktem Blick aufs Individuelle und Persönliche entwickeln insbesondere inhabergeführte Häuser wie das Gstaad Palace, das Waldhaus Sils oder das Bellevue des Alpes auf der Kleinen Scheidegg hohe Bindungskraft. Dasselbe respektvolle Miteinander ist im Il San Pietro di Positano an der Amalfiküste, im Bleiche Resort & Spa im Spreewald oder im Hotel Singer im tirolischen Berwang zu spüren.

Anzeige

Diese Chemie aufzubauen, braucht jedoch Jahre und pure Leidenschaft, und zwar von der Empfangsdame bis zum Küchenchef. «All you need is love», sagt Urs Langenegger. Der Gastgeber im Park Hotel Vitznau und «Hotelier des Jahres 2020» ergänzt: «Wichtig ist vor allem, dass das ganze Team an einem Strang zieht und jeder einzelne Mitarbeitende involviert ist.»

Die elf Hotelmitarbeiter des Jahres 2020

Hotellerie geht nur mit Menschen. BILANZ befragte 195 Experten, welche guten Geister in Schweizer Hotels zu den Besten ihres Fachs gehören. Mehr dazu lesen Sie hier.

Durchschnittliche Bettenvermieter, die mit dem «Gastnehmertum» unbekümmert weitermachen, Corona zur Dauerausrede für jedes Versäumnis nutzen und abwartend darauf hoffen, dass sich schon alles wieder von selbst einrenkt, werden mittelfristig von der Bildfläche verschwinden. Auch Hotelgruppen, in denen die Herrschaft der Controller ausbricht statt auf die heute erforderliche Grosszügigkeit und Flexibilität gegenüber dem Gast zu setzen (der in diesem speziellen Jahr vielleicht auch ganz kurzfristig etwas an seinem geplanten Aufenthalt ändern will oder muss) haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Und wer Vorleistungsnetzwerken und -partnerschaften erneut aus dem Weg geht, wird diesmal erst recht abgehängt.

«Mit Kooperation, Kreativität und Empathie dürfte der Tourismus punkten» sagt Monika Bani Tanner, die Co-Leiterin der Forschungsstelle Tourismus an der Universität Bern. «Dann hätte uns das Virus sogar weitergebracht.»


5: Mehr Sinnhaftigkeit im Ganzen

Schon vor Corona dämmerte es uns, dass auch eine intakte Umwelt ein hohes Gut ist. Mehr denn je fühlt es sich nun aber definitiv falsch an, für ein Wochenende zum Shoppen nach Barcelona zu fliegen. Die zukunftsgerichtete Option ist, weniger rastlos durch die Welt zu jetten, länger an bewusst ausgewählten Orten zu bleiben und dabei nicht nur das Klima, sondern gleich auch seinen Seelenfrieden zu schonen, was überaus entschleunigend wirken kann.

Noch mehr als das Preis-Leistungs-Verhältnis zählen für anspruchsvolle Reisende heute vor allem die Werte fürs Geld – weshalb sanfter Tourismus und das damit verbundene Bedürfnis nach mehr Nachhaltigkeit beim Reisen zu einer wichtigen Währung werden.

Die Entwicklung zeigt in die richtige Richtung: Die Gäste sind wählerischer geworden, wem sie ihr Geld geben, in der Hoffnung, dass ihre Reise zum massvollen Rückbau der Globalisierung und der Förderung regionaler Wertschöpfungsprozesse beiträgt. Mit einer gezielten Wahl minimieren sie ihren ökologischen Fussabdruck und unterstützen jene Hotels, die mehr als reine Gewinnmaximierung anstreben und mit gutem Beispiel vorangehen. Es geht um ehrliche, sinnhafte Angebote und nicht mehr um überstrapaziertes Luxusgetue.

Das Romantik Hotel Hornberg im Saanenland ist eines dieser Häuser, die auf nachhaltigen Genuss setzen und allem Lokalen von ganzem Herzen verpflichtet sind. Auch The Alpina Gstaad und das Valsana in Arosa zeigen echte Verantwortung. Und auf ihre jeweils ganz eigene Art sind der Stanglwirt in Tirol, die Adler Lodge Alpe in den Dolomiten, das Lefay Lago di Garda in der Lombardei und die Deplar Farm in Island Glanznummern der umweltverträglichen Ferienhotellerie.

Anzeige

6: Verlagerung von Geschäfts- zu Feriengästen in den Städten

Das Mantra erfolgreicher Stadthotels in den letzten zwei Jahrzehnten war, sich ihrer Stadt zu öffnen und zur Drehscheibe des lokalen Lebens zu werden. Das hat sich nun gewendet: Eine gewisse Abschottung vom urbanen Trubel ist für Städtereisende heute attraktiver als mittendrin zu sein.

Entsprechend hat sich das Blatt zugunsten der City-Resorts gewendet, die sich nun als sichere Häfen des Rückzugs und der Begegnung positionieren können – und zudem mit einem gewissen Ferienfeeling in der Stadt aufwarten. So ist man im Beau-Rivage Palace in Lausanne und im Dolder Grand in Zürich gefühlt weit weg vom Alltag und doch nur einen Katzensprung von der Innenstadt entfernt. Dasselbe gilt für das Palafitte in Neuchâtel oder die La Réserve Genève. In den Nachbarländern bieten das Belmond Hotel Cipriani in Venedig, das Hotel de Russie in Rom, das Four Seasons Hotel Firenze oder das Brenners Park-Hotel in Baden-Baden dieses Privileg – und erfahren nach der Stunde null ein halbwegs passables Comeback.

Auf der anderen Seite des städtischen Spektrums gelingt es kleinen, ortsgebundenen Individualhotels, ein Flair der Behaglichkeit und des persönlichen Vertrauens zu schaffen und damit vermehrt Freizeitreisende anzuziehen. Hat man sich einmal im J.K. Place Paris, im Ett Hem in Stockholm oder in der Münchner Stadtresidenz Beyond by Geisel eingerichtet, ist es ein bisschen wie bei Freunden zu Besuch, aber mit besserem Service.

Von Normalität kann jedoch keine Rede sein. Fast alle Stadthoteliers rechnen mit einem jahrelangen Taucher. Die besten Chancen haben jene Häuser, die eine rasche Verlagerung in den Leisure-Bereich hinbekommen und den Anteil an Übernachtungen aus dem Inland und den Nachbarländern steigern können, um die fehlenden internationalen Gäste zu kompensieren.

Ein Vorzeigebeispiel ist das Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg. Beim erstmaligen Sieger unter den europäischen Stadthotels sind nicht nur die Restaurants gut von Einheimischen frequentiert, sondern bereits wieder ein gutes Drittel der Zimmer belegt, vorwiegend mit inländischen Individualgästen, die Hamburg als Kulturmetropole lieben oder als Zwischenstation auf der Fahrt an die Nord- oder Ostsee ansteuern. Der relative Erfolg des Hotelklassikers ist kein Zufall, sondern das Ergebnis der klaren Ausrichtung auf wohldosiertes Lokalkolorit und ein konstant hohes Qualitäts- und Servicebewusstsein besonders auch in Krisenzeiten. Die meisten Mitbewerber schlagen den umgekehrten Weg ein, sparen alles Mögliche runter, bis es auch keine Blumen und keinen passionierten Mitarbeiter mehr gibt, und setzen voll auf Preiskampf. Solche Massnahmen kommentiert Ingo C. Peters, der langjährige Direktor des «Vier Jahreszeiten» lakonisch: «Wenn die Sparwelle in ein Hotel schwappt, merkt es der Gast immer, hingegen glauben die Manager und Besitzer stets, dass es keiner merken würde.»


7: Der Abwehrzauber der Legenden

Es ist etwas überaus Beruhigendes an einem Hotel, das schon ein Jahrhundert oder noch länger mit unumgänglichen Höhen und Tiefen erlebt hat. Sitzt man in der Wohnhalle des Grand Hotel Kronenhof in Pontresina, in der Bar des Les Trois Rois in Basel oder auf der Veranda des Belmond Hotel Splendido im ligurischen Portofino, schwingt stets der trostreiche Gedanke mit, dass Covid-19 dereinst Geschichte sein wird – wie eines Tages auch die Plagen des 22. Jahrhundert (worin immer diese bestehen mögen) an den zeitlos zauberhaften Traditionshäusern vorüberziehen werden. Und so, am Ende, auch die Gäste.

Anzeige

Die Methodik

Das Hotel-Ranking der BILANZ basiert auf 450 Expertentests in den letzten 18 Monaten, auf einer schriftlichen Umfrage bei 87 Schweizer Top-Hoteliers, auf den aktuellen Wertungen relevanter Reisepublikationen und Testportale sowie auf den Erfahrungen von 108 befragten Hotelkennern und Reiseprofis. BILANZ rechnete die Einstufungen dieser vier Bewertungssäulen in ein einheitliches 100-Punkte-Schema um.

> Hier geht’s zu den vollständigen Ranglisten des BILANZ-Hotel-Rankings 2020