Wer Thomas Gottstein früher als pressescheu beschrieben hätte, wäre als Diplomat durchgegangen. Vor 15 Jahren erstürmte der heutige CS-Chef den ersten Platz im BILANZ-Golf-Ranking. Doch ein Foto war von ihm nicht zu bekommen, geschweige denn ein Interview, genauso wenig wie in all den Folgejahren. Da war der Mann, der mehrere Jahre in der Londoner City heissen Deals nachspürte, ganz Investmentbanker alter Schule: Medien? Teufelszeug.

Heute ist Gottstein flächendeckend präsent. Über seinen Einsatz in der Corona-Krise parlierte er zuerst in der volksnahen «Schweizer Illustrierten» und gab sich als normaler Vater, der seinen jüngeren Sohn beim Homeschooling unterstützt («Der ist zwölf, da kann ich bei Mathematik und Deutsch noch helfen»). Anfang Juli nahm er als erster Bankchef am «Donnschtig-Jass» des Schweizer Fernsehens teil und liess sich sogar zu eine Runde Minigolf ­herab, in der Golfszene kaum reputationsfördernd. «Man kann nicht erfolgreich sein im Geschäftsleben, wenn man nicht auch Teamplayer ist», antwortete er auf die warmen Fragen des Moderators Rainer-Maria Salzgeber, der den «Thomas» gleich duzte («Wir kennen uns schon lange»).

Und Mitte August lehnte der 55-Jährige via «Weltwoche» zwar die SVP-Begrenzungsinitiative ab («Geht mir zu weit»), outete sich aber als Befürworter der Masseneinwanderungsinitiative von 2014. Das war in der Konzernszene bislang ein Tabu, und für die CS, traditionell die Bank des Zürcher Freisinns, eine unerwartete Wende – Urs Rohner, der grosse Präsidenten-Taktiker an der Spitze, würde sich wohl eher eine Hand abbeissen, bevor er sich öffentlich so pointiert äusserte. Doch Gottstein schert das nicht. Als Spross einer wohlhabenden Unternehmerfamilie – sein Vater war Inhaber der Maschinenfabrik Meteor – ist er am linken Zürichseeufer ­eigentlich in weltoffenem Geist aufgewachsen. Doch jetzt gilt: Ich bin nah beim Volk.

Endlich wieder ein Schweizer als Chef

Der Gegensatz zu seinem Vorgänger Tidjane Thiam könnte nicht grösser sein. Den Ivorer begleiteten seit seinem Amtsantritt böse Storys über Bodyguards, Luxussuiten und Helikopterflüge, und das Problem daran war, dass viele stimmten. Seine ei­genen Leistungen redete Thiam penetrant unschweizerisch schön, gleichzeitig verpasste er der Konzernleitung einen Maulkorb. Die Bank wirkte wie eine Festung in fremder Hand, gesteuert von Thiam und seinen vorrangig ausländischen Vasallen.

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Zwar hat sich an der Strategie unter Gottstein nicht viel geändert, die rituelle zweijährliche Restrukturierung kann auch er, wie er Ende Juli bewies. Doch die Bank wirkt, als sei eine Riesenlast von ihr abgefallen: Endlich wieder ein Schweizer als Chef – und das noch zusätzlich zu einem Schweizer Präsidenten. Zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren steht damit sogar nicht nur ein Schweizer, sondern ein Zürcher Duo an der Spitze: Rohner ist in der Stadt aufgewachsen, Gottstein in Rüschlikon. Das war das letzte Mal im fernen Jahr 1977 der Fall, als das Duo Oswald Aeppli und Heinz Wuffli die CS-Vorgängerbank SKA in den Chiasso-Skandal führten. Hoffentlich kein böses Omen.

Da hat sogar Sergio Ermotti das Nach­sehen. In den heissen Tagen der Corona-Rettung im März nutzte Gottstein geschickt die Zürich-Connection zu Finanzminister Ueli Maurer, dem Finanzminister aus Hinwil im schönen Zürcher Oberland, gerade 30 Kilometer vom CS-Hauptsitz entfernt, und gleiste mit ihm in Absprache mit Finma und Nationalbank das Covid-19-Kreditprogramm auf. Bislang sah sich eigentlich die grössere UBS in der Rolle des nationalen Platzhirschs. Doch jetzt schlug Gottstein plötzlich den Tessiner Ermotti in der Disziplin, in der dieser wiederum stets Thiam distanziert hatte: Swissness. Dass Gottstein auch gleich ankündigte, etwaige Gewinne aus dem Programm spenden zu wollen, macht den Triumph perfekt. ­Ermotti konnte nur nachziehen.

Der neue Lonza-Chef Pierre-Alain Ruffieux, der frisch eingebürgerte Roche-CEO Severin Schwan, CS-Chef Thomas Gottstein, Schweizer in spe Mario Greco («Zürich») und der Zürcher Swiss-Re-Chef Christian Mumenthaler (von links oben).

Schweizer Werte: Der neue Lonza-Chef Pierre-Alain Ruffieux, der frisch eingebürgerte Roche-CEO Severin Schwan, CS-Chef Thomas Gottstein, Schweizer in spe Mario Greco («Zürich») und der Zürcher Swiss-Re-Chef Christian Mumenthaler (von links oben).

Quelle: PR, Arnd Wiegmann / Reuters, Gaertan Bally / Keystone, Anne Gabriel-Jürgens / 13 Photos, Simon Dawson / Bloomberg

Swiss Re wollte Schweizer

Doch er wird es verschmerzen. Denn der Heimvorteil nutzt auch ihm. Bei der UBS konnte er nicht Präsident werden, weil Amtsinhaber Axel Weber und die internationale Investorenschar einen direkten Wechsel vom CEO-Sessel nicht goutierten, und Weber wollte ihm auch keine Zusicherung geben, dass es nach einem Cooling-off in zwei Jahren klappen würde. Also zeigte sich Ermotti offen, als letzten Herbst ein anderer Finanzmulti bei ihm antichambrierte – und der wollte explizit einen Schweizer als obersten Steuermann.

Swiss-Re- und FDP-Urgestein Walter Kielholz kämpfte zwar stets für eine weltoffene Schweiz, doch die Söldner-Mentalität der Hors-sol-Manager passte ihm schon länger nicht mehr – Thiam und dessen amerikanischer Vorgänger Brady Dougan bei der CS, der Franzose und Ex-Investmentbanker Jacques Aigrain bei der Swiss Re. Er wollte explizit einen Schweizer als Nachfolger – und Ermotti griff schnell zu. Damit bleibt auch die Doppelspitze des Weltkonzerns Swiss Re vollständig in Schweizer Hand. CEO Christian Mumenthaler besuchte das Gymnasium im Züricher Quartier Wiedikon, studierte an der ETH und wohnt im eher unmondänen Winterthur.

Zu viel Globalisierung

Die neue Swissness liegt im Trend – und zeigt sich auch in den Zahlen. Zwar hat die Schweiz noch immer die grösste Ausländerdichte in den Führungsetagen, wie die Headhunter von Heidrick & Struggles berechneten: Die Hälfte der CEOs der 47 grössten börsenkotierten Firmen sind Ausländer. Das ist vor allem ein Abbild der weltweit einmalig hohen Zahl an Grosskonzernen pro Einwohner.

Doch die Zahlen sind rückläufig: Laut «Schilling-report», der mit 118 Schweizer Firmen eine grössere Zahl untersucht als Heidrick und auch Service-public-Firmen einbezieht, ist die Zahl der Schweizer auf den CEO-Posten in diesem Jahr von 60 auf 64 Prozent gestiegen und damit so hoch wie seit 2008 nicht mehr (mit Ausnahme von 2014). Bei den VR-Präsidenten ist der Anteil der Schweizer mit 77 Prozent sogar auf dem höchsten Stand seit Erhebungsbeginn im Jahr 2010.

CEO Nationalität Unternehmensleitung SMI
Quelle: Bilanz

«Lange hat man nur die fachlichen Fähigkeiten gesehen, heute ist die Persönlichkeit wichtiger», betont Studienautor Guido Schilling. «Die Ambition in den Verwaltungsräten ist deutlich gestiegen, eine Person an die Spitze zu bringen, die mit der Schweiz vertraut ist.»

Noch weiter geht Egon-Zehnder-Partner Philippe Hertig, dessen Firma als einzige der Big Four der globalen Headhunter-Szene nicht aus den USA stammt – und vom Swissness-Trend profitiert: «Es gibt eine Rückbesinnung auf gesellschaftliche und politische Sensitivitäten. Wenn ein Kandidat für einen CEO-Job keine Erfahrung in der Schweiz hat, wird er zurück­gestuft. Diese Tendenz ist bereits seit zwei, drei Jahren sichtbar. Seit Corona ist fehlende Schweiz-Kenntnis sogar ein Ausschlusskriterium in Phase 1 für einen mittelständischen CEO-Job.»

Martullos Vorwurf der fehlenden Schweiz-Kenntnis ist nichtig: In nur 3 der 20 SMI-Firmen ist kein Schweizer CEO oder Präsident.

Mit der angeblichen fehlenden Schweiz-Kenntnis wird sogar versucht, Politik zu machen. «In vielen grossen Schweizer Konzernen sind heute Ausländer an der Spitze, oft aus dem EU-Raum. Sie verstehen das Schweizer System nicht», behauptet die SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher. Klingt wählerwirksam, stimmt aber nicht: Bei nur 3 der 20 SMI-Konzerne haben entweder CEO oder Präsident nicht den Schweizer Pass. «Es ist heutzutage ein Must, dass sich entweder VR-Präsident oder CEO explizit zur Schweiz bekennen», ­betont Hertig.

Und der renommierte Headhunter Bjørn Johansson, der den HSG-Absolventen Mark Schneider zu Nestlé lotste und die Kür Ermottis zur Swiss Re einfädelte, befindet: «Viele Firmenleitungen sind zu dem Schluss gekommen, dass sie bei der Globalisierung der Chefposten in den letzten Jahren zu weit gegangen sind. Wir haben die Swissness bei der Auswahl der Top-Jobs vernachlässigt. Jetzt sind wieder Manager mit Schweiz-Affinität gefragt.»

Portion Nationalismus

Die Gründe sind vielfältig. Da ist einmal der globale Trend: Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Stocken der Globalisierung, leider oft kombiniert mit einer Portion Nationalismus, auch den Schweizer Managermarkt erreicht. Corona verstärkt weltweit diesen Trend, allein schon durch die physische Abschottung – Rekrutierungsgespräche mit Amerikanern oder Asiaten liegen auf Eis. Doch in Zeiten, in denen die globalen Lieferketten massiv hinterfragt werden, steigt eben auch die mentale Abschottung – überall.

In Deutschland besitzen derzeit gerade noch 5 der 30 DAX-Chefs ­einen ausländischen Pass, wie die Beratung Simon-Kucher gerade feststellte – in der Vergangenheit waren es schon einmal 10. Beim DAX-Primus SAP etwa ging erst der ameri­kanische Langzeit-Chef Bill McDermott und dann die ebenfalls amerikanische Co-Chefin Jennifer Morgan. Ersetzt wurden sie durch einen gewissen Christian Klein, ­einen «bodenständigen Deutschen, der die teutonischen Tugenden verkörpert» («Süddeutsche»).

Bei der Deutschen Bank ist die internationale Phase mit dem Inder Anshu Jain und dem Engländer John Cryan vorbei, jetzt regiert mit Christian Sewing ein Mann aus dem eher randständigen Bielefeld – City und Wall Street sind da ganz weit weg. Und beim Wirecard-Skandal sind die Untertöne nicht überhörbar, dass die Verantwortlichen ja eigentlich zwei Österreicher seien. Und ist nicht auch der zu selbstbewusste VW-Chef Herbert Diess, just knapp dem Rausschmiss entkommen, ein Österreicher? Eben. Da wirkt nur der schwedische Daimler-Chef Ola Källenius als Gegenpol. Aber der arbeitet ja schon 27 Jahre beim Daimler. Das geht.

In England muss sich Barclays-Chef Jes Staley immer wieder Vorwürfe seiner zu amerikani­sierten Amtsführung anhören. Bankriese HSBC fahndet nach einem Chef, will das Amt aber in britischen Händen belassen. In den USA musste letztes Jahr der erfolgreiche erste nicht­amerikanische McDonald’s-Chef Steve Easterbrook gehen, weil er eine Affäre mit einer Mitarbeiterin begann. Die Engländer, so der moralisierende Unterton aus den USA, sähen das eben nicht so eng, schliesslich habe ihr Premierminister ja auch gerade mit einer Ex-­Mitarbeiterin ein Kind gezeugt.

Selbst in weltoffenen Ländern wie Kanada oder Australien steigt der Unmut über ausländische Söldner-Manager. In Frankreich, mit ­seinen Eliteschule-Karrierewegen der wohl abgeschottetste Managermarkt Europas, musste der Chef des Pharmakonzerns Sanofi unlängst einen Shitstorm über sich ergehen lassen, weil er den ersten Zugriff auf einen Corona-Impfstoff den Amerikanern zugesagt hatte: Der Brite Paul Hudson, zuvor Pharmachef bei Novartis und dort im Nachfolge­rennen Vas Narasimhan unterlegen, war offenbar mit den Tiefen der französischen Seele nicht vertraut.

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«In Paris kennen sich 90 Prozent der Verantwortlichen seit Jahren, sie ­haben alle eine ähnliche Ausbildung und Sozialisierung», betont Axa-Chef Thomas Buberl, schweizerisch-deutscher Doppelbürger, der als einziger Ausländer in die französische Manager-Phalanx eingedrungen ist – allerdings auch nur, weil er konsequent französisch sprach.

In der Schweiz wenig integiert: Joseph Hogan (ex ABB), Joe Jimenez (ex Novartis), Tidjane Thiam, Brady Dougan (beide ex Credit Suisse), Wolfgang Reitzle (ex Lafarge-Holcim) (von links oben).

Wieder weg: In der Schweiz wenig integiert: Joseph Hogan (ex ABB), Joe Jimenez (ex Novartis), Tidjane Thiam, Brady Dougan (beide ex Credit Suisse), Wolfgang Reitzle (ex Lafarge-Holcim) (von links oben).

Quelle: Gaetan Bally / Keystone, Gian-Marco Castelberg / 13 Photo, Marc Wetli / 13 Photo, Jose Giribas / Keystone, CAMERA PRESS / Tom Stockill / Keystone

Die Schweiz erreicht die Re-Nationalisierung der Chefposten da vergleichsweise spät. Verstärkt wird sie dadurch, dass die letzten Erfahrungen mit ausländischen Helikopter-Managern eher ernüchternd waren. Die Fälle des kulturellen Missverständnisses waren bei Thiam besonders krass, und dass er am Ende auch noch den Schweizer Pass beantragen wollte, wirkte eher wie verspätete Schadensbegrenzung. Bezeichnend auch, dass er seinen Abgang mit einem latenten Rassismus in seinem Gastland erklären wollte – ein besseres Zeichen für Nicht-Integration ist kaum denkbar.

Doch schon sein Vorgänger tat sich schwer. Legendär war die Antwort Brady Dougans auf die Frage nach der Anzahl der Schweizer Bundesräte. «Ich weiss nicht – acht?» Selten hat ein Konzernchef sein ­Desinteresse an seinem Gastland so deutlich gezeigt. Als dann die 72-Millionen-Bonus-Zahlung bekannt wurde, hatte er in der Imagekrise genauso wenig Rückhalt in den heimischen Medien und den gängigen Netzwerken wie Thiam bei dem unappetitlichen Spionage-Skandal mit seinem Untergebenen Iqbal Khan.

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No more Americans

Die Amerikaner sind derzeit kaum noch vermittelbar. Unter den SMI-Konzernen haben nur noch Novartis-Chef Vas Narasimhan und Alcon-Chef David Endicott den US-Pass. Beide sind Sonderfälle: Der indisch-stämmige Novartis-Chef lebt schon lange in Basel und verfolgt mit seinem «Unboss»-Ansatz eine eher unamerikanische Strategie, die auch Microsoft-Lenker Satya Nadella erfolgreich praktiziert. Und die Augenheilmittelfirma Alcon ist de facto ein amerikanisches Unternehmen, das in der Schweiz kotiert ist.

Ob Dougan, Ex-Novartis-Chef Joe Jimenez oder der frühere ABB-Lenker Joe Hogan – bei allen war von Anfang an klar, dass der Posten nur eine Übergangsstation war vor der grossen Rückkehr in die USA. «Eine Nominierung wie Joseph Hogan bei ABB wäre heute kaum noch denkbar», betont Headhunter Schilling. Dass vor allem Hogans Frau in die USA zurückwollte, war schon früh ein Problem, und so gab er eher schnörkellos den hoch begehrten Job ab. Ähnliches gilt auch für Tom Naratil bei der UBS: Bank­intern war allen bewusst, dass sein familiärer Drang in die USA so stark war, dass der langjährige COO schon deshalb kaum für die Ermotti-Nachfolge in Frage kam.

Es ist auch ein Sprachproblem. Gerade die Amerikaner sprechen praktisch nie deutsch und sind deshalb unnötig misstrauisch. Der frühere amerikanische «Zürich»-Chef Jim Schiro etwa redete jahrelang nur deshalb nicht mit einer Wirtschaftszeitung, weil sie ihm in einer Karikatur einen Uncle-Sam-Hut aufgesetzt hatte, was er als diskriminierend empfand. Die Gespräche auf den Gängen, das Geraune in den Medien – wer diese informellen Signale nicht versteht, ist im Nachteil.

Gescheiterte Deutsche

Aber auch das kulturelle Verständnis muss stimmen. Schlagendes Beispiel ist der fusionierte Zementriese Lafarge-Holcim. Der erste französische Chef Bruno Lafont hatte den Spitznamen «Napoleon», und weil er sich in Zürich auch so benahm, war er schnell Geschichte. Und der Deutsche Wolfgang Reitzle, der in seinem Heimatland das eher seltene Prädikat «Starmanager» führt, kam als VR-Präsident mit der Schweizer Corporate Governance und dem informellen Führungsstil nicht klar: Er verliess nach nur zwei Jahren den wohldotierten Präsidentenposten.

Angefangen hatte die Interna­tionalisierung der Schweizer Führungsgilde mit dem amerikanischen Swissair-Chef Jeff Katz Ende der neunziger Jahre, in den nuller Jahren nahm sie mit der Globalisierung massiv Fahrt auf. Heute ist die Swiss zwar längst in deutscher Hand – doch als es jetzt in Bern um die ­Corona-Finanzspritzen ging, wurde extra der Zürcher Markus Binkert nach nur einem Jahr aus Deutschland zurück nach Kloten beordert. Wenn er nicht sehr viel falsch macht, ist er als neuer Swiss-Chef gesetzt: Der erste Schweizer seit dem eher glücklosen André Dosé.

Dabei ist es allerdings nicht unbedingt der Schweizer Pass, der zählt. Es ist die gelungene Integration. Schlagende Beispiele der alten Garde waren Franz Humer und ­Peter Brabeck – die beiden Öster­reicher führten ihre Weltkonzerne Roche respektive Nestlé mit grosser Souplesse, und bezeichnend ist dabei nicht nur, dass sie längst Schweizer geworden sind, sondern ihren Lebensmittelpunkt auch nach dem Rückzug weiterhin hierzulande haben. Humer-Nachfolger Christoph Franz ist ebenfalls längst Schweizer, und vor Kurzem folgte ihm CEO ­Severin Schwan nach – er hat den österreichischen, deutschen und neu auch den Schweizer Pass.

Den will auch Mario Greco. Der Italiener folgte nach mehreren Jahren bei der «Zürich» 2012 dem Ruf in die Heimat und übernahm den Chefsessel bei der Versicherungsikone Generali. Doch sein hartes Vorgehen vergrätzte die Verwaltungsräte – sie verlängerten seinen Vertrag nicht. Er gehörte eben nicht zum «Salotto buono», jener quasi-aristokratischen Managerzunft, die sich gegenseitig die Jobs zuschanzt und nicht wehtut. Die Villa in Küsnacht behielt er, und eine Rückkehr nach Italien schliesst er aus – auch er will Schweizer werden, wie er Ende letzten Jahres gegenüber BILANZ betonte. Schon wird er als Anwärter auf das UBS-Präsidium gehandelt, denn die hat jetzt in Sachen Swissness im Vergleich zur CS Nachhol­bedarf: Der neue holländische CEO Ralph Hamers kennt die Schweiz nur aus dem Urlaub, und deshalb, so die ungeschriebene Regel, sollte zumindest der neue Präsident Schweiz-Intimus sein.

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Filz-Fan Dörig

Aber natürlich birgt die neue Swissness auch Risiken. Es droht ein Rückfall in die neunziger Jahre, als sich ein Old Boys Network die Top-Jobs zuteilte, oft fernab von Leistungskriterien. «Filz ist gut für den Zusammenhalt», sagte etwa unlängst in der «NZZ» ein gestandener Wirtschaftsführer wie Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig – Prototyp eines Managers, der seinen Aufstieg vor allem der ausgiebigen Beziehungspflege verdankt. Ex-Roche-Lenker Humer warnte schon vor zwei Jahren: «Es hat sich seit den neunziger Jahren viel in die richtige Richtung bewegt. Das Seilschaftsdenken ist zurückgegangen. Jetzt müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu stark in alte Muster zurückfallen.»

Als Chairman des Getränke­riesen Diageo erlebte Humer die scharfe britische Corporate Governance: Kein Doppelmandat, kein Wechsel des CEO auf den Chairman-Posten, Amtszeitbeschränkungen der Verwaltungsräte von zehn Jahren. Viel hat die Schweiz übernommen, doch seit einiger Zeit stockt es mit den Fortschritten bei der Cor­porate Governance.

Filz-Fan Dörig etwa sperrte sich sowohl bei Adecco als auch bei Swiss Life gegen die Einführung von Amtszeitlimiten. Der US-Fondsriese BlackRock stimmte bei Adecco gegen ihn. Dieses Jahr trat Dörig nach wenig erfolgreichem Regnum zurück, installierte als Nachfolger aber einen wenig bekannten Mann namens Jean-Christophe Deslarzes, der vor allem einen Vorteil hatte: den Schweizer Pass. Im September fliegt der Corona-gebeutelte Zeitarbeitsvermittler aus dem SMI.

Der Fall zeigt aber auch: Die Schweizer sind längst nicht mehr allein zu Haus – im Gegenteil. Alle Konzerne haben heute eine starke ausländische Investorenschaft, in vielen Grossfirmen halten die institutio­nellen Anleger aus den USA und Grossbritannien sogar die Mehrheit. Reine Filz-Kandidaten haben da keine Chance. Dass etwa Alexander Gut, Sohn des legendären CS-Übervaters Rainer E. Gut und bei der Grossbank zeitweilig als VR-Präsident gehandelt, nach nur vier Jahren den Verwaltungsrat eher klanglos wieder verliess, darf als Symbol für die Grenzen des Filzes gelten. Ohne Leistungsausweis kommt eben auch kein Schweizer ganz an die Fleischtöpfe.

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Idealbesetzungen sind Kandidaten wie Calvin Grieder, vormals erfolgreicher Chef des Maschinenbauers Bühler, jetzt Doppel-Präsident bei SGS und Givaudan. Oder Marco Gadola, lange Straumann-Chef, jetzt dort Verwaltungsrat und bei DKSH Präsident. Und natürlich auch Albert Baehny, erst bei Geberit hocherfolgreich, jetzt auch noch zusätzlich bei Lonza, wo er den eher teutonisch regierenden Langzeit-CEO Richard Ridinger ziemlich schroff verabschiedete. In November beginnt der Roche-Manager Pierre-Alain Ruffieux als CEO – ein Schweizer natürlich.

Und wohin zu viel Swissness führen kann, zeigen auch die Staatskonzerne. Hier gilt noch immer die ungeschriebene Regel: Swiss only – aber gern auch mit Auslandserfahrung. So bekam bei der Post Claude Béglé seinen Posten – es endete im Desaster. Und man tritt dem bislang geschickt agierenden Roberto Cirillo, vor dem Post-Job ohne Festanstellung, kaum zu nahe, wenn man festhält: Ohne Schweizer Pass hätte er den Job nie bekommen.

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Höchstbezahlte Unternehmenslenker Europas
Quelle: Bilanz

Beim Salär noch immer top

Weiterhin gilt zudem: Spätestens eine Etage unter dem CEO ist die Nationalität egal. «Bei der Besetzung der normalen Geschäftsleitungsposten ist die Kompetenz wichtiger als die Nationalität», betont Headhunter Schilling.

Hier greift wieder das Dilemma: Die Schweiz ist zu klein für all ihre internationalen Top-Firmen, und andere Standorte rüsten auf. «Es ist schwieriger geworden, hoch qualifizierte Personen im Alter von 35 bis 50 Jahren in die Schweiz zu locken. Berlin oder Amsterdam und andere ­europäische Städte haben auch sehr viel zu bieten, und die Mobilität hat eher ­nachgelassen», betont Heidrick-&-Struggles-Schweiz-Chef Oliver Schiltz. «Wenn die Schweizer Firmen zu stark auf Einheimische setzen, die nicht das notwendige Know-how mitbringen, schwächt das die Attraktivität des Standorts.»

Doch ein Argument bleibt den Schweizern: Sie zahlen gut. Unter den zehn höchstbezahlten CEOs Europas befinden sich vier Lenker von heimischen Firmen, bei den Präsidenten liegen die Schweizer sogar auf den ersten fünf Plätzen (siehe oben). Das lässt die ausländische Kandidaten weiter von der Schweiz träumen – und erhöht den Druck auf die Schweizer.

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