Sie heisst Arianna Frésard, ist Chefin der Uhrendivision bei Victorinox und hat einen beachtlichen Erfahrungsrucksack. Vor Victorinox gab es Stationen bei den Marken Swatch (als Retail Operation Manager), bei Flik Flak (als General Manager), bei Reymond Weil (als Vice President Sales) und bei Wenger (als Executive Director Watches). Bei Victorinox stellt sie gerne die Frage, was das Wesen der Marke ausmache, und ihre Antwort ist klar: das Taschenmesser – «originär für unsere Marke». Dazu kämen das typisch schweizerische industrielle Denken mit der entsprechenden Qualität, Schweizer Designcodes sowie eine Inspiration aus der Natur, wo man zum Beispiel beim Hiken oder Biken gerne das Taschenmesser dabeihabe.

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Der Befund soll ab Oktober in den Uhren von Victorinox klar materialisiert und sichtbar werden, bei allen sieben Kollektionen, also etwa bei der unverwüstlichen I.N.O.X. oder – terminlich ganz zuerst – bei einer neuen Kollektion namens «Journey».

64-Tonnen-Panzer

In den letzten Jahren war es der Marke gelungen, vom etwas betulichen Design zu cooleren Produkten zu kommen. Angeführt vom erwähnten Modell I.N.O.X., welches mit ein paar Eigenheiten aufwartet. Man kann die Uhr vom dritten Stock eines Gebäudes aus dem Fenster werfen, kurz in kochendem Wasser baden oder mit einem 64 Tonnen schweren Panzer darüberfahren: Sie überlebe das schadlos, sagt Victorinox.

Mit der I.N.O.X. wurde ein Zeitmesser entworfen, der praktisch unzerstörbar ist.

Victorinox hat einen Zeitmesser entworfen, der praktisch unzerstörbar ist. 

Quelle: ZVG

Jetzt aber gibt es – intern unter dem Namen «New DNA» – eine Neupositionierung, einen Ruck durch die ganze Victorinox-Uhrenwelt. Mit Elementen, die in jede Uhr der Marke Einzug halten und eine Art Klammer um alle Kollektionen bilden sollen: ein bisschen I.N.O.X.-Spirit, viele Anspielungen auf das Taschenmesser sowie Ingredienzen aus der helvetischen Outdoorwelt.

Bei den Zeigern zum Beispiel. Sie sind ein langes, offenes Rechteck mit einem Pfeil darin und sollen an die gelben Schweizer Wanderweg-Schilder erinnern. Auch die Indizes bei 3 und 9 Uhr nehmen die Pfeilform auf. Die Mittelteil-Flanken des Gehäuses sind vertikal gebürstet, was man so selten sieht und den Klingen von Victorinox-Scheren abgeschaut wurde. Das Gehäuse kommt generell recht martialisch und kantig daher, was durchaus gewollt sei: «Wir wollten ein Gehäuse, das aussieht, als wäre es mit dem Sackmesser aus einem Stück Holz geschnitzt», sagt Arianna Frésard. Alle Uhren erhalten auf der Lünette bei 6 Uhr den Aufdruck des Geburtsjahres von Victorinox: 1884. Und am Gehäuseboden, egal ob Glas oder Metall, ist ein als eine Art Logo ein Taschenmesser zu sehen.

Die Victorinox I.N.O.X. Uhr
Foto: ZVG
Foto: ZVG

In Bezug auf das Werk gibt es wahlweise Quarz oder automatische Sellita-Kaliber, allerdings im Gehäuse nicht mehr von einem traditionellen Metallring gehalten. Ein spezieller Kunststoff amtet als neues Schockabsorbier-System und soll die Uhr besonders hart in Nehmen machen. «Die üblichen Anforderungen an Stosssicherheit haben wir bei den Tests verdoppelt», sagt die Chefin der Uhrendivision.

Hinzu kommt, dass es zu den bisherigen Kollektionen – Alliance, Airboss, I.N.O.X., Maverick und FieldForce – neue Linien geben wird, viele Details sind noch geheim. Bekannt ist, dass die erwähnte Journey-Familie den Anfang macht und noch dieses Jahr ausgeliefert wird. Zuerst in den USA, dem Nummer-eins-Markt der Marke. Es folgen als wichtige Märkte Europa und Südamerika, das stark wachse, vorab Mexiko und Brasilien. China hingegen ist noch weitgehend Brachland, Schritt für Schritt wolle man auch diesen Markt aufrollen, sagt Arianna Frésard. «Es ist ein gewaltiges Potenzial», meint sie, «aber wir haben auch nicht die Ambition, Millionen von Uhren zu bauen.»

500 bis 2000 Franken

Preislich liegen die Victorinox-Zeitmesser zwischen 500 und 2000 Franken, Quarz-Chronographen beginnen um die 600, mechanische Uhren bei 650 Franken. Will man etwas Spezielleres, eine Uhr im Karbon-Gehäuse zum Beispiel, steht die Zahl 1150 oder höher auf dem Preisetikett. Das Karbon-Kleid – dies nebenbei – wird bei einem Zulieferer in der Region geordert.

Womit auch gesagt ist, dass die Gehäuse sonst inhouse und nicht etwa in China gefertigt werden, was in dieser Preiskategorie nicht viele Marken schaffen. In Delsberg, an der Route de Bâle 63, dort, wo schon die 2005 von Victorinox übernommene Marke Wenger produzierte, werden die Uhren der Gruppe gebaut – daneben unter anderem auch Profi-Metzgermesser oder über eine Million Rex-Sparschäler.

Chefdirigent im Kompetenzentrum mit über 10’000 Quadratmetern Gebäudefläche ist Laurent Weber, er steht bei der Führung durch den Komplex eben vor zwei grossen Bildschirmen, die jede Maschine in den geräumigen Produktionshallen darstellen. Ist der Bildschirm-Hintergrund für eine Maschine grün, ist alles in Ordnung. Blau steht für eine Maschine, an der eben Werkteile ausgetauscht werden, kein Grund zur Sorge. Grau ist die Farbe für Maschinen, die gerade nicht in Betrieb sind. Und Rot, man ahnt es, ist die Alarmfarbe – ein Operateur würde im Laufschritt hin und schauen, wo etwas hakt.

Die Victorinox I.N.O.X.

Die Zeiger sind ein langes, offenes Rechteck mit einem Pfeil darin und sollen an die gelben Schweizer Wanderweg-Schilder erinnern. 

Quelle: ZVG

Aus einem Behälter neben einer CNC-Fräsmaschine, gleich nach der Stangendreherei, hat Laurent Weber, Head of Production, eben ein frisch gefrästes Gehäuse-Mittelteil gefischt und in die Luft gehalten. Noch ist die Komponente relativ roh, es wird in späteren Etappen Bohrungen für die Krone sowie, sofern es ein Chronographen-Kaliber beherbergen wird, für die Drücker erhalten. Der Bereich zwischen den Bandanstössen wird akkurat nachgefräst, generell wird das Werkstück nachbearbeitet und auch poliert.

Victorinox-Uhren müssen Härtetests bestehen

Fünf Polisseure sitzen in einem Atelier und polieren dort von Hand, wo dies maschinell aus technischen Gründen zu aufwendig und mithin kostspieliger wäre. Weitere Etappen sind das Bürsten der Flanken oder – für gewisse Modelle – das Hochglanzpolieren, wofür ebenfalls eine Maschine vorhanden ist. Es folgen das Setzen des Glases, das Einschalen des Werkes, das Aufschrauben des Bodens und schliesslich das Testen – «eine eigentliche Tortur», sagt Laurent Weber. Jede Uhr sei sehr schockresistent und garantiert bis in 200 Meter Tiefe wasserdicht, einige Modelle auch tiefer.

Victorinox in Delemont
Foto: ZVG
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Früher waren die Uhren zum Teil in Bonfol JU und später in Pruntrut gefertigt worden, 2016 wurde alles in Delsberg zentralisiert, Victorinox investierte für das neue «Watch Competence Center» 32 Millionen Franken. 2019 gab es bereits eine erste Ausbauetappe, jetzt kommt eine zweite Tranche mit zwei neuen CNC-Maschinen. In Delsberg werden Uhrenkomponenten entwickelt, produziert und montiert, auch für Uhren der Marke Wenger – rund 200 Leute arbeiten dafür. Die Werke werden zugekauft, und so wird es bis auf Weiteres auch bleiben.

15 Prozent vom Umsatz

Mit Zahlen ist Victorinox etwas knausrig, die Produktion liege «über 100’000» Stück, erklärte Patron Carl Elsener in einem Interview vor vier Jahren, der Finanzdienstleister Morgan Stanley geht in einer Schätzung aktuell von 230’000 Stück aus.1989 hatte das Unternehmen mit dem Verkauf von Uhren begonnen, die ersten Jahre wurde bei Private-Label-Firmen produziert. Grund für den neuen Geschäftszweig: 95 Prozent der Menschen würden weltweit das Swiss Army Knife kennen, oft aber nicht die Marke Victorinox. Inzwischen macht die Uhrensparte 15 Prozent des Gesamtumsatzes aus, der Ende 2021 bei 408 Millionen Franken lag. Die Uhren seien ein «klares Bekenntnis zum Standort Schweiz», sagt Carl Elsener. Und der «gelungene Versuch, das weltbekannte Taschenmesser sichtbar zu machen.»
 

Dieser Text erschien zuerst bei «Watch Around».

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