Am Anfang standen zwei Brüder: Nicolas und Claude Mertenat. Der eine war Designer in der Produktleitung von Omega, der zweite arbeitete im Treuhandbereich. Der erste hatte schon lange das Projekt für eine neue Uhr im Kopf. Eine quadratische Uhr sollte es werden, scheinbar einfach, aber sehr anspruchsvoll in der Ausführung und zeitgemäss im Geist – das Reifestück eines Praktikers. Claude ermutigte ihn, und Nicolas liess für das Projekt alles andere sausen. Zusammen gründeten die Brüder 2016 die Marke Blancarré. Der Name ist eine Anspielung auf White Cube, eine Londoner Galerie für zeitgenössische Kunst, die sich als Symbol für einen Raum versteht, der offen ist für neue Ideen und Zeitgeist.

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Die Uhr wird im Jurabogen gefertigt abgesehen vom Keramik-Mittelteil, das aus Asien stammt, weil man dafür keinen Produzenten in der Schweiz gefunden habe. Das Uhrwerk besteht aus einem ETA-Grundwerk mit einem Soprod-Modul: Das Zifferblatt gibt den Blick auf eine zweite Zeitzone frei sowie auf ein Grossdatum. Die Positionierung ist einigermassen erschwinglich, was den Preis betrifft – knapp 6000 Franken –, aber eher exklusiv, was die Typologie angeht: Das Objekt entspricht nicht den gängigen Uhrmachercodes und ist von Referenzen aus Kunst, Design und Architektur durchdrungen.

Eine erste Auflage von 100 Stück wurde produziert, es gab sechs Referenzen mit sechs Variationen in verschiedenen Schattierungen von Schwarz, Grau und Weiss. Das Projekt ist weitgehend eigenfinanziert, denn Unabhängigkeit ist für die Brüder – übrigens aus einem Drillings-Geschwisterpaar stammend – Teil des Vorhabens. Die gesamte Vermarktung erfolgte hauptsächlich im Direktkontakt zu den Kunden, abgesehen von ein paar wenigen Sammelbestellungen schritt der Verkauf entsprechend langsam Stück für Stück voran. Es dauerte fast drei Jahre, bis die erste Auflage ausverkauft war.

Sauerstoff gesucht

Eine zweite Auflage von 100 Stück kam Ende 2019 auf den Markt. Doch die Corona-Krise machte in Bezug auf den Verkauf einen Strich durch die Rechnung. Nicolas Mertenat sah sich gezwungen, mehrere Jobs in der Lebensmittelbranche anzunehmen, die beiden Brüder standen kurz davor, den Bettel hinzuschmeissen. Sie suchten nach frischem Sauerstoff und fanden ihn in Claudine Festa, einer prominenten Figur in der Westschweizer Wirtschaft. Nach einem Wirtschaftsstudium hatte sie als Journalistin beim Westschweizer Nachrichtenmagazin «L’Hebdo» angeheuert, wurde dann Korrespondentin für CNN, vor allem in Lateinamerika. Sie hat in den USA, Mexiko und im Nahen Osten gelebt, spricht sechs Sprachen, ist global vernetzt und kann seit einiger Zeit sozusagen ihr Adressbuch zu Geld machen.

Claudine Festa stiess zufällig zur Uhrmacherei, nachdem sie 2011 ein Unternehmen für Networking und Vertrieb gegründet hatte: FKapital in Lausanne. Das Unternehmen unterstützte ein paar Marken bei deren globaler Entwicklung, vorab unabhängige Uhrmacher. Ihr erster Kunde kam aus den Freibergen: Jacky Epitaux, Gründer der Marke Rudis Sylva. Epitaux kennt die Brüder Mertenat und brachte sie im Oktober 2020 mit Claudine Festa zusammen.

«Uhrmacherei muss vor allem ein menschliches Abenteuer sein.»

Claudine Festa

Diese sah Blancarré damals an einem Wendepunkt. Sie selber hatte auch schon berufliche Enttäuschungen hinter sich, entscheidend, sagt sie, sei in diesem Fall die menschliche Substanz: «Uhrmacherei muss vor allem ein menschliches Abenteuer sein, und diesbezüglich haben mich die beiden überzeugt.» Ebenso das Produkt als solches: «Eine Unisex-Uhr, eigenständig, mutig, eine Einladung, sich selbst zu sein.» Die Uhr habe eine disruptive Seite, «und das Brechen der Codes passt auch perfekt zu meiner Geisteshaltung».

Claudine Festa prüfte die Basis von Blancarré auf Herz und Nieren und suchte nach Möglichkeiten, die Stärken zu bündeln, das Netzwerk der Marke zu überarbeiten und diese mit einem neuen Produkt und einer noch stärkeren Positionierung auf die Gewinnstrecke zu bringen. Auch bei der Preisgestaltung, so meinte sie, sei mit Blancarré etwas machbar, womit man breitere Schichten erreichen könne.

Kreative Wege bei Blancarré

Doch ganz so einfach war es nicht: Claudine Festa klopfte an die Türen von Händlern in Genf, Gstaad, Interlaken, Luzern und Porto Cervo. Sie merkte schnell, dass der klassische Vertrieb über Boutiquen aussichtslos war und dass sie kreativere Wege gehen müsse: «Der Einzelhandel hat keinen Platz für uns.»

Also setzte man auf Events, zunächst im Wallis und in Genf. Es folgten Kontaktaufnahmen in Nord- und Südamerika. Und eine erste Verkaufsaktion auf der Internetplattform Qlock by QoQa in diesem Frühling. Damit liess sich etwas Geld verdienen und in den Bekanntheitsgrad der Marke investieren.

Ein Aktionsplan liegt vor. In Genf soll es bald einen Verkaufspunkt geben, ausserhalb der üblichen Verdächtigen der Branche. In Las Vegas wird die Marke an der Messe «Big Boys Toys» im Oktober präsent sein, ebenfalls am Salon International de Haute Horlogerie (SIAR) in Mexiko City. Auch Italien steht auf dem Fahrplan. Dazu aktivierte Claudine Festa ihre Kontakte von Brasilien bis Dubai: «Es gibt viel zu tun. Ich kann endlich wieder mein gesamtes Netzwerk aktivieren.»

«Ich hoffe, dass die Uhr quadratisch bleibt – und Blancarré so lange wie möglich unabhängig und eigenfinanziert.»

Claudine Festa

Blancarré soll ein Eckpfeiler des «True Slow Luxury» werden, bei dem auch das lokale Netzwerk von Partnern, welche die Uhren herstellen, hervorgehoben wird. Denn trotz ihres avantgardistischen Aussehens ist Blancarré «ein Terroir-Produkt». Partnerschaften mit Unternehmen in ähnlichen Branchen sollen hinzukommen, Festa denkt an Bereiche wie Automobil, Schifffahrt, Freizeit, Architektur und Kunst. Auch Botschafter soll es geben mit Prominenten aus Showbusiness oder Sport zum Beispiel.

Noch sind alles nur Pläne, aber die Finanzierung sei «bis zum Ende des Jahres gesichert». Bis dahin sollten die rund 60 Uhren, die noch auf Lager sind, verkauft sein, sodass man sich neuen Modellen zuwenden könne – mit leichten Veränderungen. Geplant sind «etwas Sanftheit, ein feineres Armband und vielleicht eine etwas lateinischere Anmutung». An zwei Dingen möchte die umtriebige Wirtschaftsfrau unbedingt festhalten. «Ich hoffe, dass die Uhr quadratisch bleibt – und Blancarré so lange wie möglich unabhängig und eigenfinanziert.»

Dieser Text erschien zuerst bei «Watch Around»

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