Pierre Jacques, Chef der Manufaktur De Bethune, freut sich über die neusten Entwicklungen: «Die Anziehungskraft der Marke ist enorm», sagt er. Einer der Gründe: «Die unabhängigen Marken bekommen neuerdings endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.» Letztere sei «nicht mehr nur ein Spiegelbild der Kommunikationskraft der grossen Hersteller».

Eine Bemerkung, wie man sie ähnlich auch von anderen Unabhängigen hört. Jacques erläutert den erfreulichen Trend mit einigen Zahlen: 2021 seien etwas über 200 Uhren verkauft worden – das sind etwa 10 mehr als 2020, rund 60 mehr als 2019 und 2018 und fast 100 mehr als 2017, dem Jahr, in dem Jacques die Leitung der Marke übernommen hatte. Das Ziel für das Geschäftsjahr 2022 und später sei «ein leichtes organisches Wachstum», man wolle in drei oder vier Jahren vielleicht bei jährlich 400 Stück landen. Die Schwelle von 400 produzierten Uhren pro Jahr hat De Bethune in der Vergangenheit auch schon erreicht – 2015, im schlimmsten Jahr der Unternehmensgeschichte, fiel man aber brutal auf 30 Stück.

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In den letzten 20 Jahren fand die Marke ihren eigenen Stil; er ist zwischen ästhetischer Forschung, Kunsthandwerk und dem Streben nach einer bis ins Manische gesteigerten Wohlgeformtheit angesiedelt.

Quelle: ZVG

Die Unwägbarkeiten widerspiegeln sich in der Abfolge von Managements und Eigentümern: De Bethune wurde 2002 von Uhrmachermeister Denis Flageollet und dem Sammler David Zanetta gegründet und in L’Auberson, zwischen Sainte-Croix und der französischen Grenze, angesiedelt. Pierre Jacques schloss sich dem Duo 2011 an, um die operative Leitung des Unternehmens zu übernehmen. Er blieb bis 2016. 2017 übernahm eine Gruppe von Investoren, die sich um Jacques versammelt hatte. Und im August 2021 wurde De Bethune vom amerikanischen Unternehmen WatchBox  geschluckt, Pierre Jacques blieb Chef.

Auch Denis Flageollet ist immer noch an seinem Platz. Als Kopf der Manufaktur sowie Hüter der Kontinuität und Seele von De Bethune. Und an der ursprünglichen Triebfeder, als integriertes Labor für zeitgenössische Uhrmacherei zu fungieren, wurde ebenfalls nicht gerüttelt.

In Arbeit ist das dreissigste Original-Kaliber

In den letzten 20 Jahren fand die Marke ihren eigenen Stil. Er ist zwischen ästhetischer Forschung, Kunsthandwerk und dem Streben nach einer bis ins Manische gesteigerten Wohlgeformtheit angesiedelt. In diesen zwei Jahrzehnten hat die Marke De Bethune auch ihren Erfindungsreichtum unter Beweis gestellt und einen Strom von Neuheiten produziert:

Es gab bislang 29 Originalkaliber, das 30. ist in Arbeit und wird im Laufe des Jahres herauskommen. Technisch ist die Manufaktur bereit für den Wiederaufstieg, aber das Wachstumstempo hänge vor allem von der menschlichen Komponente ab. Es sei nicht einfach, die richtigen Leute zu finden. Ganz zu schweigen von der Ausbildungszeit, die mindestens zwei Jahre dauere, bis man das erwartete Niveau erreicht hat. Heute sind in den Ateliers etwa 40 Mitarbeitende beschäftigt – auf dem Höhepunkt der Geschäftstätigkeit waren es 60, im Jahr 2017 nur noch 13.

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Modell DB25: Es gab bislang 29 Originalkaliber, das 30. ist in Arbeit.

Quelle: ZVG

Auf der Zeitachse verortet Pierre Jacques die ersten Anzeichen des aktuellen Momentums auf etwas mehr als vor einem Jahr, kurz nach der ersten der Covid-Welle. Der Trend habe sich seitdem fortgesetzt und verstärkt, sagt er, «und alle Unabhängigen profitieren davon».

Die unmittelbaren Auswirkungen sind sehr positiv: Das Budget für 2022 war bereits im Februar verabschiedet worden, das Budget für 2023 ist zum Teil schon geschnürt. Die Medaille hat aber auch eine Kehrseite: «Die Schwierigkeit besteht darin, den Kunden verständlich zu machen, warum sie auf Uhren warten müssen. Wir müssen ihnen erklären, dass dies nichts mit bösem Willen zu tun hat.»

«De Bethune ist eine Enthusiasten-Marke, die von Enthusiasten für Enthusiasten geführt wird»

Pierre Jacques, CEO der Manufaktur De Bethune

«Wir können schlicht und einfach nicht mehr produzieren, wenn wir unser Niveau bei der Verarbeitung beibehalten wollen.» Immerhin habe diese Situation dazu beigetragen, die Beziehungen zu den Einzelhandelspartnern zu stärken» – etwas mehr als zwanzig Einzelhandelsunternehmen sind es weltweit.

Und erfreulicherweise sei die Nachfrage stark genug, um keine Rabatte mehr gewähren zu müssen. Dies habe zu einer positiven Spirale geführt, die den Umsatz der Einzelhändler gesteigert und die Marge der Marke verbessert hat. «De Bethune ist eine Enthusiasten-Marke, die von Enthusiasten für Enthusiasten geführt wird», sagt Pierre Jacques: «Wir folgen keiner reinen Wirtschaftslogik, wir arbeiten nicht mit Spreadsheets, und wir produzieren alles in kleinen Serien, ohne Aussicht auf Skaleneffekte.»

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Modell DB28: «Jede Uhr trägt die Stammzellen der nächsten in sich.»

Quelle: ZVG

Dafür, könne man hinzufügen, gibt es den für das Haus charakteristischen Erfindungsreichtum. Anders gesagt: De Bethune ist ein Projekt in ständiger Entwicklung, bei dem alles in Baumstruktur aufgebaut ist: Jede Uhr trägt die Stammzellen der nächsten in sich, bis hin zur Schaffung von Familien, die im Laufe der Zeit zu Kollektionen geworden sind – DB21, DB25, DB27, DB28.

Das Ganze ist durchsetzt von Hybridisierungen, Kunsthandwerk und Experimenten, die aus einem unerschöpflichen kulturellen Schmelztiegel schöpft, den Denis Flageollet wie eine unermüdliche Danaïde füllt.

Dem gegenüber steht die Notwendigkeit, die Uhren zu begleiten und «hinter jedem Verkauf präsent zu sein», auch wenn die meisten Kunden, die ein De-Bethune-Stück suchen, ihre Initiationsreise bereits hinter sich haben. «Es ist schwierig, unsere Kreationen auf Anhieb zu verstehen und zu schätzen.

«Wir vergessen nicht, woher wir kommen.» 

Pierre Jacques

«Wir sind eher eine Marke für Menschen, die bereits Uhren gesammelt haben oder über echte Uhrmacherkenntnisse verfügen.» Trotzdem gelingt es De Bethune, auch die jüngere Kundschaft anzusprechen. Der Käuferkreis habe sich «eindeutig verjüngt», mit einem Kern zwischen 25 und 40 Jahren.

Der Trend sei sichtbar und beschleunige sich seit zwei Jahren, wie Pierre Jacques betont. Er sieht darin die kombinierte Auswirkung der immer stärkeren Anziehungskraft unabhängiger Uhrmacher mit einer eine Dynamik, welche vom Certified-Pre-Owned-Markt (CPO) komme.

Secondhand-Händler Watchbox als Katalysator

Die Integration der Marke in den Perimeter von WatchBox, einem der wichtigsten Akteure im Secondhand-Geschäft, habe einen «nicht zu vernachlässigenden» Effekt»: «Die Plattform gibt den Käufern Sicherheit, weil sie diesen Markt transparenter und liquider macht.

In diesem Sinne hat die Nähe zu WatchBox dazu beigetragen, unsere Attraktivität zu steigern.» Doch das Geschäftsmodell habe sich dadurch nicht verändert, sagt Jacques, der sich weiterhin auf sein Netzwerk von Einzelhandelspartnern konzentrieren will: «Wir vergessen nicht, woher wir kommen.»

 

Dieser Text erschien zuerst bei «Watch Around».