Einst Avantgarde, heute Ikone. Was für die Royal Oak, die begehrte Galionsfigur aus dem Hause Audemars Piguet gilt, könnte man auch auf die Bauten der Schweizer Uhrenmanufakturgruppe münzen. Zuerst die Eröffnung des spektakulären Musée Atelier in Le Brassus: Das Museum schmiegt sich als lichtdurchflutete Glasspirale an das älteste Gebäude des Unternehmenssitzes und wirkt von oben betrachtet wie eine grüne Schnecke, die natürlich in die Landschaft zu gehören scheint. Besucherinnen und Besucher können den Kunsthandwerkerinnen dort quasi auf die Finger schauen, wenn sie einige der kompliziertesten Prachtstücke vollenden.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Und nun geht das neue Hôtel des Horlogers – vom dänischen Entwickler BIG – Bjarke Ingels Group in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Architekturbüro CCHE entworfen und umgesetzt – in seinem Erscheinungsbild eine Symbiose mit dem Vallée de Joux ein.

Die Unvergänglichkeit

Fünfzig Zimmer und Suiten, Konferenzräume, drei Restaurants, eine Bar, Wellness- und Fitnessbereich und eine grosse Bibliothek zum Thema Inspiration laden zum Besuch des ehrfürchtigen Tals, der Wiege der Uhrmacherkunst ein. Das Innenleben des Boutiquehotels wurde durch Pierre Minassian von AUM gestaltet.

Wer die Lobby betritt, sieht keinen einzigen Zeitmesser, der für gewöhnlich jede Hotelhalle ziert. Ich mache mich auf die Suche. Auch nicht auf den Zimmern, ja nicht einmal im Fitnessraum erinnert eine Uhr an die Vergänglichkeit. «Das Hôtel des Horlogers ist ein Geschenk an alle Uhrmacher aus der Region und steht nicht für eine bestimmte Manufaktur», erklärt General Manager André Cheminade.

Audemars Piguet setzt auch mit dem Hôtel des Horlogers neue Massstäbe und gibt dem Watch Valley ein Wahrzeichen.
Foto: ZVG
Foto: ZVG

Das Hotel ist zwar nigelnagelneu, doch die Tradition reicht bis 1857 zurück. Das Hôtel de France, wie es ursprünglich hiess, war Treffpunkt aller Uhrmacher und Ateliers aus dem Juragebiet. Von hier aus wurden per Pferdepost die edlen Zeitmesser nach Genf und von dort in alle Welt verschickt. So wurde aus dem Niemandsland Le Brassus die Bastion der High-End-Uhrmacherei und die Pilgerstätte für Tausende von Aficionados, die gerne weit über 100 000 Franken für ein handgefertigtes Meisterwerk hinblättern. Aber um standesgemäss zu übernachten, musste die noble Kundschaft bisher den Weg nach Lausanne oder Genf zurücklegen.

Understatement als Wert

Jetzt können sich Liebhaberinnen und Bewunderer den Luxus einer Übernachtung vor Ort gönnen. Wer jedoch überbordenden Prunk erwartet, liegt falsch. So diskret wie die Besitzerfamilie des milliardenschweren Audemars-Piguet-Unternehmens (VR-Präsidentin ist Jasmin Audemars), so dezent ist auch die neue Vier-Sterne-Herberge. Understatement als Wert. Qualität und Beständigkeit stehen über reinem Design.

Audemars Piguet setzt auch mit dem Hôtel des Horlogers neue Massstäbe und gibt dem Watch Valley ein Wahrzeichen.
Foto: ZVG
Foto: ZVG

Kein Papier, kein Plastik, nur sorgfältig ausgesuchte umweltfreundliche Materialien. Dieser ganzheitliche ökologische Ansatz wurde mit dem Minergie-Eco-Zertifikat ausgezeichnet. «So weit wie möglich nehmen wir alles aus der Region», lautet das Credo des Hauses. Der Gemüse- und Kräutergarten hinter dem Hotel wird in der Freizeit vom ansässigen Pöstler bewirtschaftet.

Auf der Suche nach dem richtigen Käse

Das Hôtel des Horlogers hat seine drei Restaurants dem französischen Drei-Michelin-Sterne-Koch Emmanuel Renaut anvertraut. Das Gourmetrestaurant La Table des «Horlogers» bietet Platz für zwölf Gäste, das «Gogant» umfasst achtzig Plätze – und schliesslich gibts noch die Bar mit einem kleinen À-la-carte-Menu. Monatelang ist Starchef Renaut durch die Region gestreift und hat alle infrage kommenden Produzenten persönlich besucht. «Die hatten keine Ahnung, wer vor ihnen steht. Alle haben sich aber gewundert, dass Emmanuel Renaut wertvolle Tipps zu Erneuerungen der diversen lokalen Produkte abgegeben hat», erzählt Hoteldirektor Cheminade. Die Speisen und Getränke auf der Karte kommen zu 70 Prozent von lokalen Anbietern. Die Preisgestaltung ist moderat, sodass sich auch Einheimische ein Mittagessen leisten können.

Das Hotel widerspiegelt das, wofür Audemars Piguet seit 1875 steht: Innovationskraft und Konstanz, gepaart mit allerhöchsten Qualitätsmassstäben. Mit diesem Projekt verleiht die Marke nicht nur einer ganzen Region eine neue Dynamik. Die Manufaktur zeigt, dass sie es versteht, mit der Zeit zu gehen und dabei den Ursprung nicht zu vergessen. Ihre Wurzeln liegen genau dort, wo einst die beiden Freunde Louis Audemars und Edward-Auguste Piguet die ersten komplizierten Taschenuhren mit Ewigem Kalender fertigten.

hoteldeshorlogers.com, Doppelzimmer ab 370 Franken

Silvia Affolter ist Gründerin des ersten Fernsehens für die Schweizer Luxushotellerie. Die ehemalige Miss Schweiz war Mitglied des Verwaltungsrat im «The Dolder Grand Zurich». Sie ist Mitautorin von «Die besten Hotels der Schweiz» (Hallwag Verlag).