Der helle Raum sieht aus, als wäre er nie verlassen worden, als würde hier nach wie vor gearbeitet, als weilte Ferdinand Alexander Porsche, dessen Büro das war, noch immer unter uns.

Ein paar Pfeifen liegen auf dem Arbeitstisch, Bücher sind akkurat ins Büchergestell aus dunkelbraunem Holz eingereiht, dazu Modelle von Autos aus der Zuffenhausener Sportwagenschmiede, die Porsche selber gezeichnet hat: den 904er zum Beispiel, als Holzmodell auf dem Pult oder in einer silberfarbenen Ausführung im Gestell.

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Man wäre nicht erstaunt, würde Ferdinand Alexander Porsche gleich durch die Tür hereinkommen, sich setzen und etwas zeichnen. So präsent ist er an der Flugplatzstrasse 29 im österreichischen Zell am See – auch und gerade in den Köpfen der Designer, die hier im Studio F.A. Porsche arbeiten. «Wir überlegen in der Tat bei Aufträgen immer wieder, wie Ferdinand Alexander Porsche das wohl gelöst hätte», pflegte Roland Heiler zu sagen, er war hier Chefdesigner bis Ende März dieses Jahres.

Porsches zehn Gebote

Mit anderen Worten: Ferdinand Alexander Porsche (1935–2012) lebt. Zum Beispiel durch die zehn Regeln, die er hinterlassen hat und die von der Belegschaft liebevoll «die zehn Gebote» genannt werden. Das vielleicht wichtigste darunter: «Wir wollen so wenig Design wie möglich.»

Will heissen. Gutes Design stehe stets im Einklang mit der Funktion eines Produkts, gutes Design müsse Modeströmungen sowie Zeitgeist überdauern und lange Bestand haben. Auf keinen Fall wolle man etwas machen, das nur dekorativ oder schmückend sei, die Leitlinie sei vielmehr technisch inspirierte Funktionalität, puristische Anmutung, Langlebigkeit.

Auch zu diesem bezieht man sich in Zell am See gerne Ferdinand Alexander Porsche: «Wenn man die Funktion einer Sache überdenkt, ergibt sich die Form manchmal wie von allein», war sein Credo. Und weil der Mann von Bauhaus und Ulmer Schule stark beeinflusst war – sein Studium hatte er an der Hochschule für Gestaltung in Ulm begonnen –, wurde das oft in die Formel «form follows function» gegossen.

Erster Auftrag ans Design-Studio von Porsche: Eine Uhr

1972 gestaltete Ferdinand Alexander Porsche die erste Porsche-Design-Uhr. Es war auch der erste Auftrag an das Design Studio, gewünscht wurde vom Mutterhaus eine Uhr, die man verdienten Mitarbeitern schenken wollte. Weitere Uhren kamen später hinzu. Und viele andere Gegenstände: Sonnenbrillen, Pfeifen, Taschen, Computer, aber auch Waschmaschinen, Radios oder Kameras.

Zum 50-Jahre-Jubiläums von Porsche Design wurde die erste Uhr neu aufgelegt – als «Chronograph 1 – 1972 Limited Edition». Und eben wurde das Stück mit dem begehrten Red Dot Design Award in der Kategorie Product Design 2023 ausgezeichnet. «Der Zeitmesser verkörpert, wofür Porsche Design seit 50 Jahren steht, denn er folgt der Maxime, die Funktion zu optimieren und die Form auf das Wesentliche zu reduzieren», sagte Carsten Monnerjan, seit April Head of Design der Porsche Lifestyle Group, an der Preisverleihung. «F. A. Porsche entwarf den Chronograph I in einer Zeit, in der Uhren dekorativen Charakter hatten, doch für ihn stand die Funktion als Messinstrument und damit die präzise Ablesbarkeit im Fokus.»

Nicht nur deshalb lohnt es sich, die erste Uhr von F.A. Porsche etwas genauer anzuschauen. Ewig lang hat Porsche an der Minuterie getüftelt, gute Lesbarkeit war sein oberstes Anliegen, alles, was nicht zwingend nötig ist, sollte deshalb weggelassen werden. Da passt es, dass die zunächst noch von der Bieler Firma Orfina gebaute Uhr ganz in Schwarz daherkam, was in dieser Zeit ziemlich revolutionär war und mitunter heftig kritisiert wurde. «Der Chronograph von Porsche Design ist nur auf einer Beerdigung tragbar», höhnte eine britische Zeitung. Und riet: Porsche möge doch bei seinem Leisten bleiben und sich auf den Bau von schnellen Autos konzentrieren. Doch Rennfahrer wie Emerson Fittipaldi, Ronnie Peterson oder Clay Regazzoni trugen die Uhr – und Schwarz wurde Trend.

Eine Uhr passende zum Auto, zum 911er

Die Farbe hatte sich übrigens ganz natürlich ergeben. «Mir ging es darum, eine Uhr passend zum Auto zu kreieren», sagte Ferdinand Alexander Porsche einst in einem Interview mit dem Uhrenexperten Gisbert L. Brunner: Schwarz wie die Tachometer und Drehzahlmesser des 911 sollte sie sein, «weil das beim Ablesen nicht blendet».

Es ist ein typischer Porsche-Satz, den wohl heute noch alle Designer des Studios unterschreiben würden. Und da erstaunt es nicht, dass Schwarz zum Leitmotiv der Uhren von Porsche Design avancierte.

Das zweite Thema ist Titan, ein Material, das direkt aus dem Motorsport kommt. Es ist hart und korrosionsbeständiger als Chromstahl. Da es überdies ausgesprochen leicht ist, fand es 1968 als Werkstoff für Kurbelwellen den Weg in die Motoren des Porsche 917. 13 Kilogramm brachte ein solches Stück auf die Waage, 40 Prozent weniger als Stahl.

Dass Porsche Design 1980 den ersten Titan-Chronographen der Welt präsentierte, passte also und fiel auf: Niemand hatte sich im Uhrenbau zuvor an den zähen und damals schwierig zu verarbeitenden Werkstoff gewagt.

Man durfte stolz sein auf die Uhr, die von IWC in Schaffhausen für Porsche Design gebaut wurde, und man war es auch: «Titan» stand unübersehbar bei 6 Uhr auf dem Gehäuse unter dem schwarzen Zifferblatt, doch es gab eine zweite Sache, welche die Uhr von allen anderen deutlich unterschied: die Chronographen-Drücker. Sie waren sehr lang und sehr puristisch – vor allem aber schienen sie mit dem Gehäuse zu verschmelzen. Sie waren da, fast unsichtbar, bereit, benutzt zu werden, wenn man sie brauchte – mehr nicht.

Die Sache mit den Drückern trieben die Designer 2017 auf die Spitze. «Wir haben uns die Frage gestellt, wie wir das weiterentwickeln können», erinnert sich der damals federführende Roland Heiler. «Da kam rasch die Idee auf, die Drücker zum Bestandteil des Gehäuses zu machen.»

Entstanden ist so das Modell Porsche Design Monobloc Actuator, bei dem die üblichen zwei Drücker durch eine einzige Wippe er-setzt ist, die von 1 bis 5 Uhr reicht. Man kann sie oben oder unten drücken, ihre Achse ist auf der Höhe der Krone.

Genau das hätte anderswo wohl jeden Ingenieur zur Verzweiflung gebracht. Zumal die Wippe auch über das Uhrglas reicht, was zusätzliche technische Probleme schafft. Überdies schrieb das Pflichtenheft vor, mehr als 10’000 Nulllagen über den Lebenszyklus müssten problemlos möglich sein. Bei Porsche Design sind alle Beteiligten von Anfang an beim Prozess dabei, die Ingenieure nahmen die Herausforderung deshalb sportlich an, wie es heisst. Wichtige Lösungsansätze fand man bei den Kollegen vom Rennmotorenbau, konkret bei den Spezialisten für die Ventilsteuerung. Schlepphebel bewegen sich da bis zu 10’000-mal pro Minute, das Wissen darüber floss für die Wippe in der Uhr mit ein. Möglich wurde das Ganze aber auch, weil Porsche Design Timepieces Uhren seit 2014 selber baut, die Ateliers sind in Solothurn daheim.

Dass die technisch eigenwilligen Lösungen und die damit verbundenen Anforderungen an Werkteile manchem Zulieferer schlaflo-se Nächte bescheren, sei nur am Rande erwähnt. «Oft hören wir, unser Wunsch könne unmöglich umgesetzt werden», sagt General Manager Gerhard J. Novak, am Ende des Tages sei mancher indes selber begeistert, dass es mit etwas Hilfe und gutem Willen dennoch geht.

Wie stark bei Porsche Design Technik und das Aussehen der Uhr verzahnt sind, zeigt sich exemplarisch bei der 1919 Globetimer UTC – und da speziell bei den luftigen Bandanstössen, wie man sie bei der ganzen Modellfamilie findet. Weil sich das Design Studio für eine sehr dünne, filigrane Gehäusewand entschieden hatte, liessen sich Bandanstösse nicht einfach anlöten. Also kam man auf die Spangenlösung, die der Uhr eine ausgesprochen zeitgemässe Anmutung verleiht.

Kein gewölbtes Glas

Das meint Roland Heiler mit der Formel «form equals function». Und auch dies: Zugunsten einer guten Lesbarkeit sollten bei der dieses Jahr präsentierten Uhr auch die UTC-Funktion sowie die 24-Stunden- und die Datumanzeige ausschliesslich aus dem Zentrum angegeben werden (Bild siehe Frontseite). Womit man am Schluss fünf Zeiger übereinander hatte – was eine gewisse Bauhöhe zwischen Zifferblatt und Glas unumgänglich macht. Erschwerend kam hinzu, dass man bei Porsche Design kein gewölbtes oder bombiertes Glas will, was zwar die Bauhöhe optisch reduziert hätte, aber zu Verzerrungen und mithin verminderter Lesbarkeit beim seitlichen Blick aufs Zifferblatt führen kann. Also waren kreative Lösungen gefragt, um die Höhe der UTC nicht ins Unförmige wachsen zu lassen.  

Designchef Roland Heiler verweist gerne auf die Zeit, als Karosserieentwickler, Konstrukteur und Designer «noch in einer Person vereint waren und geniale Lösungen entwickelt haben». Als Philosophie lasse sich das auf die Teams bei Porsche Design umlegen: «Anderswo kommen die Designer oft am Ende eines Prozesses zum Zug und müssen ein fertig konstruiertes Objekt hübsch verpacken», sagt Heiler. «Wir denken anders, wir wollen alle Beteiligten von Anfang an an unserem Tisch haben.»

Dieser – hier aktualisierte – Artikel erschien zuerst in «Watch Around».