Nachhaltigkeit: das Wort – und für viele vielleicht das Unwort – der vergangenen Jahre. Gerade in der Wirtschaftswelt ist die Thematik skepsisumwittert. Allzu oft gibt es Unternehmen, die zur Imagepolitur ein grünes Aushängeschild tragen, im Alltag aber Business as usual betreiben. Dennoch gestehen auch die grössten Skeptiker ein: Der Handlungsdruck auf Firmen steigt. Regulatoren, Kunden und Investoren fordern überprüfbare Nachhaltigkeit. Darauf nicht einzugehen, stellt ein geschäftliches Risiko dar.

Am Puls der Zeit ist deshalb die HSG-Studierendenorganisation START Global mit dem Projekt «Return on Society and Environment», kurz ROSE. Die Organisation, eine der grössten Initiativen für Unternehmertum und Technologie in Europa, hat ein Framework entwickelt, um Start-ups im Hinblick auf Umwelt-, Sozial- und Corporate-Governance-Aspekte (ESG) zu überprüfen und nachhaltige Strategien zu fördern. Ein «Vernachhaltigungs-Manual» für Firmen sozusagen. Die Idee dahinter verrät der Name: Junge Unternehmen sollen nicht nur Renditen auf Kapitalanlagen abwerfen, sondern auch für Gesellschaft und Umwelt ein gutes Geschäft sein.

«Es gibt bei uns kein ‹Gut› und ‹Schlecht›. Das Ziel ist es, Firmen nachhaltiger zu machen – ob sie per se ein nachhaltiges Geschäftsmodell haben, spielt dabei keine zentrale Rolle», sagt Projektleiterin Jeannine Kräuchi. Für sie ist ROSE «eine 120-Prozent-Beschäftigung». Und ihr Studium? Nebensache. Kein Wunder, das ROSE-Team betreut zurzeit 35 Start-ups und arbeitet mit drei Venture-Capital-Fonds zusammen.

Die VCs sind der Schlüssel zum Erfolg. Durch die Partnerschaften mit den Fonds gelangt das Framework gleich an mehrere Start-ups. Beim Venturefonds Btov (Brains to Ventures) sind nicht weniger als 17 Jungunternehmen in den ROSE-Prozess eingebunden, und jedes Neuinvestment ist dazu verpflichtet, ESG-Massnahmen umzusetzen.

Grund dafür ist nicht irgendein Wohltätigkeitsgedanke des Fonds, sondern die neue Realität: «Wir sind der Meinung, dass die Beachtung von ESG-Kriterien essenziell für das gesunde Wachstum und die Skalierung eines Unternehmens ist», so Anna Bosch, Associate bei Btov. Und: «Gesunde Unternehmen bringen in der Regel auch höhere finanzielle Returns.»

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Ist das so? Mehr Profit bei nachhaltigen Unternehmen? Anna Ott, VP People beim Tech-Venture-Fonds HV Capital, sagt: «Es ist noch zu früh für Erfahrungen und Zahlen. Gleichwohl sind wir überzeugt: Langfristig gewinnbringend werden nur Investments in Unternehmen sein, denen ESG wichtig ist.» Btov, HV Capital und andere Institutionen wie beispielsweise die EPFL haben ROSE bei der Entwicklung des Frameworks unterstützt.

Check-up und Zeugnis

Im ersten Schritt prüft ROSE das Start-up auf Herz und Nieren – mittels rund 120 Fragen. Diese reichen von «Produzieren Sie toxische Abfälle?» über «Welche Richtlinien gibt es bezüglich Mutterschafts-/Vaterschaftsurlaub?» bis hin zu «Welche der folgenden Massnahmen dienen der Verhinderung von Diskriminierung oder Belästigung in Ihrem Unternehmen?».

Auf dieser Selbsteinschätzung aufbauend, setzt die Firma Ziele, die sie im Zeitraum von drei Jahren erreichen will. «Die Fragen allein bewirken schon viel», so Jeannine Kräuchi. Denn die Firma erhält einen Überblick über das breite Spektrum von Nachhaltigkeitskriterien – laut der Projektleiterin ein Auslöser für konstruktive firmeninterne Diskussionen.

Auf Worte folgen meist Taten – und bei den Firmen die Einsicht: Nachhaltigkeit gibt es nicht umsonst. «Zahnbürsten aus Bambus, keine Plastikverpackungen, Ökostrom, zertifizierte Supplier von Möbeln und Mülltrennung in unseren Apartments führen zu höheren Personalkosten», sagt Josef Vollmayr, Co-Gründer von Limehome, einem digitalen Hotelkonzept und Betreiber von Designapartments. Es sind jedoch Kosten, die er im Hinblick auf den langfristigen Nutzen zu tragen bereit ist.

So auch bei SumUp, einem Fintech für Kartenzahl-Lösungen. Für Philipp Hahn, Project Lead Finance, ist Nachhaltigkeit, wenn auch kurzfristig profitschmälernd, der richtige Weg: «Dies betrifft nicht nur das Ansehen des Unternehmens bei Kunden, sondern auch bei den Mitarbeitenden. Viele unserer Talente halten es schlicht für undenkbar, in einem Unternehmen zu arbeiten, das kein Nachhaltigkeitsbewusstsein hat.»

ROSE

GEMEINSAMES VORWÄRTSDENKEN: Das ROSE-Team strebt nach einer Wirtschaft, in der soziale und ökologische Erträge genauso viel wert sind wie die finanziellen.

Quelle: ZVG

Im zweiten Schritt folgt die Impact Valuation. ROSE untersucht die Art und Weise, wie das Geschäftsmodell einen langfristigen positiven oder negativen Wandel für Gesellschaft und Umwelt bewirkt. Nicht das Empfinden der Studierenden, sondern die Sustainable Development Goals (SDGs) der UN sind massgebend. Geprüft wird, inwieweit die Firma dazu beisteuert, die Ziele zu erfüllen.

Folglich hebt ROSE auch den positiven Wirkungsgrad einer Firma heraus. Der Nagellackhersteller Gitti etwa zeigt in den Werbungen für seine Produkte Personen verschiedener Ethnien und Geschlechter. So steuert die Firma zur Erfüllung des UN-Ziels zur Förderung der Vielfalt bei.

Das Studierendenteam, in der Phase der Impact Valuation weitaus mehr involviert, will die Ziele hoch stecken: negativen Impact minimieren, positiven maximieren. Bei Bedarf vernetzt ROSE die Firmen mit bewährten Experten.

Der gesamte Prozess wird jährlich wiederholt. Ganz nach dem Motto: Nachhaltigkeit – ein kontinuierliches Unterfangen. Und ein aufwendiges: Bei Limehome habe die Implementierung des Frameworks im ersten Jahr etwa 55 Stunden gedauert – im zweiten fünf Stunden weniger.

Nicht vor Gericht

Nachhaltigkeit liege im Eigeninteresse der Unternehmer, erklärt Kräuchi. ROSE verfolge zwar den Fortschritt der Firma ständig, aber: «Wenn die Ziele nicht vollständig erreicht werden, gibt es keine Bestrafung.»

Gemäss Philipp Hahn von SumUp sei ROSE – ganz im Gegensatz zum Ruf, dass die Zusammenarbeit mit Universitäten schwierig sei – eine pragmatische Massnahme und erziehe «zur Eigenverantwortung».

Einige wünschten sich sogar mehr Verbindlichkeit: «Eine strengere Überprüfung der Fortschritte und eventuell eine Art Siegel würden möglicherweise nochmals mehr Nachdruck erzeugen», so Josef Vollmayr von Limehome.

Ein ambitioniertes Projekt also, das aber noch Verbesserungspotenzial hat. Aktuell wird der Fragebogen manuell bearbeitet und ausgewertet. Um ROSE an die breite Masse zu bringen, müssten laut Kräuchi verschiedene Prozesse automatisiert werden. Papierlos und digital – zweifellos die richtige Massnahme. Gerade für ein Projekt wie ROSE.

Die Wachstumsaussichten stimmen Jeannine Kräuchi freudig: «Es ist schön, etwas Sinnvolles zu machen.» Sinn macht es für Kräuchi auch, dass Studierende ein Projekt wie ROSE vorantreiben: «So können wir uns unsere Zukunft selber erschaffen – schliesslich sind wir die Leader von morgen.»