Der Finanzindustrie gelingt es seit Jahren nicht wirklich, aus der öffentlichen Kritik herauszukommen. Seit einigen Wochen steht sie wieder am öffentlichen Pranger, sei es wegen zurückliegender «kreativer» Praktiken zur Steuerumgehung (Stichwort CumEx) oder weil sie Umweltaktivisten vor ihren Zürcher Toren als Klimasünder erster Güte anklagt.

Die bislang typische Reaktion der Finanzindustrie ist reaktiv-defensiv: Man könne von den Bankern nicht verlangen, das zu tun, wozu der Staat oder die Gesellschaft nicht bereit oder mutig genug sei. «Es ist ja schliesslich nicht Aufgabe der Banken, die Welt zu retten.»

Warum eigentlich nicht?

Finanzinstitute stehen im Zentrum unseres gesamten globalen Wirtschaftskreislaufs. Sie wickeln unseren Zahlungsverkehr ab, mobilisieren Geldmittel, legen diese an, übernehmen die Finanzierungsfunktion und die Risikotransformation der Weltwirtschaft.

Ohne Ausnahme sind alle Unternehmen, insbesondere die stark kapitalintensiven, welche derzeit exponentiell zur Klimakrise beitragen, auf Geldmittel der Finanzinstitute angewiesen, speziell für anstehende Transformationsprozesse. Auch all die Unternehmen, die uns durch Innovation den Übergang zur klimaneutralen Gesellschaft ermöglichen, benötigen Fremdkapital.

Über die Autorin

Anna Eckardt ist Inhaberin der Beratungsfirma MyLearningBoutique in Lausanne und Dozentin an der Stockholm School of Economics.

In beiden Fällen hängt der wirtschaftliche Erfolg massgeblich vom Willen der Kapitalmärkte ab, in die Aktien der jeweiligen Unternehmen zu investieren – oder eben nicht.

Und genau dort liegt das immense Handlungspotenzial gerade für global vernetzte Finanzinstitute, um die Wirtschaft – ihre Kunden – auf einen klimafreundlichen Pfad zu bringen, und zwar schneller und effektiver, als wir dies durch staatliche Regulierung erwarten können.

Sollten sich Finanzinstitute dazu entschliessen, CO2 oder Treibhausgase als Kennzahl für Entscheidungen und als Preisfaktor für alle Produkte anzuwenden, würde ein gewaltiger Handlungsdruck auf die gesamte globale Wirtschaft entstehen. Unternehmen müssten endlich einheitlich ihre Emissionen messen und offenlegen. Konditionen für Kreditvergabe, Hypotheken oder Real-Estate-Finanzierungen könnten auf deren Klimaeffekte ausgerichtet werden.

Aus der Forschung der Verhaltensökonomik wissen wir, dass bereits die Verpflichtung zur Transparenz an sich schon Aktion in die richtige Richtung mobilisiert. Vor allem aber zwänge es alle Unternehmen, sich der Klimaproblematik prioritär anzunehmen, diese auf die strategische und operationelle CEO-Agenda zu setzen und somit mehr Innovationen zu schaffen.

«Durch die ­Banken könnte ein gewaltiger Handlungsdruck auf die gesamte globale Wirtschaft ­entstehen.»

Das gilt auch für die Banken selbst. In der Vermögensverwaltung sind bereits erste Institute mit einem nachhaltigen Portfolioansatz sehr erfolgreich. Die Finanzbranche könnte mit Vollgas loslegen – bisher sehen wir eher nur Absichtserklärungen.

Die Folgen des Klimawandels werden für jeden von uns immer deutlicher sichtbar. Die vom Weltklimarat (IPCC) angemahnte maximale Erwärmung ist nur noch 0,5 Grad entfernt. Daher stellt sich die Frage nicht mehr, ob sich jemand bewegt, sondern nur noch, wer dies zuerst tut. Warum nicht jetzt die Banken?

Neben der Wahrnehmung einer immens wichtigen gesellschaftlichen Verpflichtung könnten die engagierten Finanzinstitute auch noch mit einem zusätzlichen Return rechnen: dem für zeitgemässes Image und für Glaubwürdigkeit. Sie würden zu den Vorreitern gehören, den «weissen Rittern».

Die klimabewusste, junge Kundengeneration würde es ihnen hoch anrechnen. Und die klimabasierte Umstellung der Geschäftsmodelle – erlauben Sie mir diese Hypothese – wird über kurz oder lang sowieso kommen. Hoffen wir nur für uns alle, dass sie rechtzeitig kommt.