Es ist noch keine 20 Jahre her, als eine Schaffhauser Uhrenmarke mit markigen Sprüchen – nach dem Muster «Männer verdienen mehr als Frauen. Zum Beispiel eine IWC» oder «Der Uhr» – klar machten, wie die Branche tickt: Mechanik ist was für Kerle.

Tempi – bald – passati: Immer mehr Frauen interessieren sich heute ebenso für Gangreserve, Unruhfrequenz und Komplikationen wie männliche Uhrenenthusiasten. Kein Wunder: Das, was sich da auf kleinstem Raum tut, ist einfach faszinierend – hier die hin und her schwingende Unruh, da die ineinandergreifenden Räder und das Pinkrot der Lagersteine aus Rubin.

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Im Vergleich dazu ist ein Quarzwerk mit Batterie anstelle des Federhauses als Energiespeicher und Quarz statt mechanischer Hemmung als Taktgeber geradezu kalte Ware, für die sich keine männlichen Uhrenfans erwärmen – und auch immer weniger weibliche.

Toughe Role Models 

Die Branche nimmt das langsam, aber sicher zur Kenntnis: Marken wie Zenith, Chanel und Jaeger-LeCoultre umwerben Frauen mit feiner Manufakturmechanik. Marken nehmen keine Topmodels oder namenlose Beauties als Botschafterinnen, sondern Amazonen der Neuzeit: Zenith lancierte die Defy-Midnight-Collection 2020 mit der Initiative «Dreamhers» mit Frauen, die ihren Weg gehen und als Role Model engagiert werden.

Darunter ist die Schweizerin Laetitia Guarino, 2015 noch Miss Schweiz und heute praktizierende Ärztin auf dem Weg zur Chirurgin. Breitling spannte für die neue Navitimer die Tänzerin Misty Copeland ein, Hublot feiert die Sterneköchin Anne-Sophie Pic als «Friend of the Brand», und TAG Heuer hat mit der japanischen Tennisqueen Naomi Osaka einen Deal abgeschlossen – nicht nur für die Smartwatch, die der junge CEO Frédéric Arnault pusht, sondern auch für dessen anderes Lieblingsmodell, die Aquaracer. IWC schliesslich kooperiert mit der Freestyle-Skierin Eileen Gu, und Tudor hat sich mit Sarah Hirini, Kapitänin des neuseeländischen Siebner-Rugby-Nationalteams, verbunden.

In allen diesen Frauen finden sich die Hersteller wieder: Sie verbinden Leidenschaft, Können und der unbedingte Wille, zu den Besten zu gehören.

Nur eine mechanische Uhr, das schwört jeder Uhrenfan, ist «the real thing». Menschengemachte Präzision, feinmechanische Perfektion, Kunstfertigkeit – und Herzblut: Das wird immer mehr geschätzt. Die Nachfrage war nie grösser, auch im Ausland.

In der Exportstatistik des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie FH jedenfalls legen mechanische Uhren stetig zu: Waren im Jahr 2000 nur rund 10 Prozent der exportierten Zeitmesser mit solchen Kalibern ausgestattet, waren es 2021 bereits rund 40 Prozent. Der Anstieg geht, wen wunderts, zulasten von Quarzuhren, was zu einem Anstieg des Durchschnittspreises pro verkaufte Uhr führt. Betrug er 2015 noch rund 2080 Franken, waren es 2021 schon 2900 Franken – also knapp 40 Prozent mehr.

Wie viel davon aufs Konto uhrenaffiner Frauen geht, wird nicht erhoben. Eine Umfrage bei führenden Uhren- und Schmuckhändlern stützt die Vermutung, dass sich erstens immer mehr Frauen ihre Uhr selber kaufen – und sie nicht von einem Mann geschenkt bekommen – und dass sie zweitens mehr wollen als äussere Schönheit und inneren Quarz-Pragmatismus.

Die Grenze zwischen Frauen- und Männeruhren wird immer unschärfer. «Die Unterscheidung von Zeitmessern für Männer und Frauen ist nicht mehr ganz einfach», sagt Kim-Eva Wempe, Chefin des deutschen Fachhändlers Wempe mit Hauptsitz in Hamburg. Viele Modelle liegen als «unisex» in den Auslagen. Ganz vom Geschlecht löst Cyrille Vigneron, CEO von Cartier, der grössten Uhren- und Schmuckmarke der Welt, das kreative Schaffen und mag nicht mehr von Männer- und Frauenuhren reden, sondern sagt: «Wir machen einfach schöne Uhren.»

Mechanischer Luxus 

Noch ist es trotz aller Efforts aber häufig so, dass Frauen, die ansprechende Mechanik und cooles Design suchen, bei Männeruhren landen. Wempe sagt: «Herrenmodelle werden vermehrt von Frauen gekauft.» Quarzmodelle sind aus den Luxusauslagen hingegen fast ganz verschwunden: «Kaum mehr jemand fragt danach», sagt Martin Tobler, Boutique Manager von Beyer Chronometrie. Rund 90 Prozent der Uhren, die im ältesten Uhrengeschäft der Welt an Frauen verkauft werden, haben ein mechanisches Herz. «Frauen legen heute grossen Wert darauf.»

Auch Gübelin, ein paar Türen weiter, spielt in Sachen Uhren in der obersten Preisklasse, und die ist mechanisch. «Fast alle der von uns verkauften Damenuhren haben ein mechanisches Uhrwerk», sagt Präsident Raphael Gübelin. Der Grund dafür liegt natürlich auch am Sortiment selbst: Die Edelgeschäfte an der Zürcher Luxusmeile bieten von Breguet über Rolex bis Patek Philippe Luxus pur. Und der umfasst in der Welt der Zeitmesser neben edlen Materialien eben auch Mechanik und Präzision. Gübelin bemerkt: «Frauen begeistern sich zunehmend für Uhrmacherkunst und technische Finesse.» Das nehmen glücklicherweise immer mehr Uhrenmarken zur Kenntnis und übersetzen es in Kaliber.

Interessanterweise gibt es aber noch einen Aspekt, der der betuchten Klientel, die Tausende Franken für eine Uhr bezahlt, wichtiger ist als das Kaliber: «Das erste Kriterium der Kundschaft ist die Marke», sagt Beyer-Geschäftsfüh rer Tobler, «man betritt das Geschäft mit sehr konkreten Vorstellungen.» Und steuere dann direkt auf die Auslage des Brands zu, den man im Kopf habe. Damit erklärt sich auch, dass Luxusmarken vom Perlmuttührchen bis zur Profitaucheruhr alles bieten. Tobler sagt, Frauen mögen aktuell Farbe, «Pastelltöne und frische, neue Nuancen». Es kann auch mal etwas wenig Alltagstaugliches sein. Schliesslich bleibt es meist nicht bei einer einzigen mechanischen Uhr, ist die Faszination für diese Art der Zeitmessung erst einmal erwacht.

Das weibliche Begehren führt nicht nur zu immer neuen Kollektionen. Grosse Herrenmodelle werden kleiner, kleine Damenuhren mechanischer. Tudor stattet nun selbst die kleinste Black Bay in 31 Millimetern mit einem hauseigenen Manufakturwerk aus, einem leistungsstarken Automatikkaliber, das zudem als Chronometer zertifiziert ist – dessen Präzision also besonders geprüft wurde.

Grosse Ambitionen 

Zunehmend streben auch Luxusfirmen mit Wurzeln ausserhalb der Uhrenindustrie nach State of the Art bei ihren Zeitmessern. Mit Akribie und Hingabe widmen sie sich der Entwicklung neuer Uhrwerke. Chanel zum Beispiel hat nun die 33-Millimeter-Version ihrer legendären Uhr J12 erstmals mit einem mechanischen Uhrwerk ausgestattet – einem Automatikkaliber. Dieses wurde vom Werkebauer Kenissi, an dem Chanel eine Beteiligung hält, exklusiv für die Luxusmarke und die J12 entwickelt.

Bei Bulgari tickt die Ikone Serpenti Misteriosi künftig mit einem neuen Uhrwerk: In der hochexklusiven Schmuckuhr, die sich ums Handgelenk schlängelt, ist ein Zifferblatt verborgen und darunter das Uhrwerk «Piccolissimo». Nomen est omen: Das Kaliber hat einen Durchmesser von 12,3 Millimetern – kleiner als ein Fünfräppler. Das neue Mini-Handaufzugskaliber besteht aus 102 Komponenten, ist 2,5 Millimeter hoch und wiegt gerade einmal 1,3 Gramm.

Bulgari Uhr

BULGARI In der Uhr im Schlangenkopf der Schmuckuhr Serpenti arbeitet heute Mechanik at its best.

Quelle: PD

Die Entwicklung des Winzlings war aufwendig und teuer. «Aber ein mechanisches Uhrwerk ist angemessener für eine Juwelenuhr als ein simples Quarzwerk», sagt Antoine Pin, Managing Director der Watchmaking Division von Bulgari. Immerhin habe man von den Erfahrungen der Miniaturisierung profitieren können. Denn die Marke ist Rekordhalter bei ultraflachen Uhren und hat dieses Wissen zur Entwicklung des kleinen Kalibers genutzt. Die Community ist hingerissen: «Die Uhr wird geliebt», berichtet Pin, und überhaupt: «Minutenrepetitionen und Tourbillons für Frauen sind ausverkauft.»

Auch bei Chopard ist Mechanik top. In 85 Prozent der verkauften Damenuhren arbeiten mechanische Uhrwerke, «Tendenz steigend», sagt Co-Präsidentin Caroline Scheufele. Sie selbst ist fasziniert von mechanischen Uhren, «aber letztlich stehen für mich die Ästhetik und die Ausstrahlung im Vordergrund». Als Chief of Design hat sie bekanntermassen ein riesiges Faible dafür. «Ich liebe ausgefallene, edle Steine.» Im Idealfall bringt sie beides in einer Uhr unter. Wie in der neuen Imperiale Flying Tourbillon – zum ersten Mal gibt es in der femininen Imperiale-Kollektion die anspruchsvolle Komplikation des fliegenden Tourbillons. Und dieses ist überaus glamourös inszeniert: Das Tourbillon trägt ein Schmuckmotiv und ist in eine Lotosblüte aus Perlmutt und Diamanten eingebettet.

Für das aufwendige Innenleben ist im Genfer Familienunternehmen Scheufeles Bruder, Karl-Friedrich, in charge. Die Uhrwerke entstehen in eigenen Ateliers in Fleurier. Auch für den Co-Präsidenten ist Schönheit ein zentrales Anliegen: «Ästhetische Belange sind ebenso wich tig wie die Uhrwerkkonstruktion selbst», sagt Karl-Friedrich Scheufele, «ein Uhrwerk muss auch dem Auge gefallen.»

Viel Zeitgeist 

Das wachsende Interesse weiblicher Klientel an Komplikationen befeuert auch die Genfer Manufaktur Vacheron Constantin. Sie stellt in der Kollektion Traditionelle 2022 erstmals eine Damenuhr mit Ewigem Kalender vor – eine faszinierende Komplikation. Diese Uhr zeigt Wochentag, Datum und Monat an und berücksichtigt dabei auch die Schaltjahre. Sind die Wunderwerke erst einmal entwickelt und gebaut, laufen sie und laufen, brauchen alle paar Jahre einen Service und ein Tröpflein Öl. Die neue Traditionelle ist so konzipiert, dass sie erstmals in 400 Jahren adjustiert und um einen Tag vorgestellt werden müsste, damit sie wieder à jour ist. So was schafft nur Mechanik.

Dergleichen gibt mechanischen Uhren zusätzlich Auftrieb und macht sie gegenüber Quarzmodellen hochüberlegen: Sie sind langlebig – und daher voller Zeitgeist. Auch mit ein Grund, warum Luxushersteller wie Bulgari darauf umschwenken: «Das passt viel besser zu unserer Philosophie», sagt Antoine Pin. Und Martin Tobler von Beyer Chronometrie bringt es auf den Punkt: «Eine mechanische Uhr kann man immer wiederherstellen und reparieren, ein Quarzwerk landet im Elektroschrott.»