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Mike Hearn: «Kein Vertrauen in der Bitcoin-Community»

Mike Hearn: In der Bitcoin-Welt fehlt es an Vertrauen.

Der Bruch im Herbst kam überraschend: Der ehemalige Bitcoin-Entwickler Mike Hearn erklärt, warum er an seiner negativen Einschätzung zur digitalen Währung festhält.

Kommentar  
Von Marc Badertscher
am 27.04.2016

Mike Hearn war eine Zeit lang einer der wichtigeren Entwickler von Bitcoin. Umstritten zwar, aber unumstritten einer, der wirklich Software geschrieben hat, die im Alltagsgebrauch der digitalen Währung von Nutzen war. Letzten Herbst verabschiedete sich Hearn von Bitcoin. Er konnte sich in der Frage, wie Bitcoin für mehr Nutzer zugänglich gemacht werden soll, nicht durchsetzen. In der Folge verfasste Hearn einen Blogpost, in dem er seine Abkehr von Bitcoin begründete und Bitcoin für gescheitert erklärte. Das warf Wellen in der gesamten Bitcoin-Welt, der Kurs sackte vorübergehend um 10 Prozent ab. Das war Mitte Januar. Seitdem arbeitet Hearn für R3, ein Start-up, das für die Banken eine neue Transaktionsinfrastruktur aufbauen will.

Mike Hearn, bereuen Sie, was Sie im Januar geschrieben haben, als sie Bitcoin den Rücken kehrten?
Nein. Was ich veröffentlicht habe, war eine korrekte Analyse der Situation.

Was ist das Problem?
Es gibt kein Vertrauen in der Bitcoin Community.

Das müssen Sie erläutern.
Früher in der menschlichen Geschichte gab es Könige und den Rest der Menschen. Dann entwickelten sich die Dinge weiter. Wie in der Schweiz, wo die Leute über den Kauf von Kampfjets oder einen Tunnelbau abstimmen können. Doch bei diesem Modell muss man davon ausgehen, dass die Mehrheit der Leute gebildet und vertrauenswürdig ist. Wenn man das nicht glaubt, bevorzugt man das König-Modell.

Und was hat das mit Bitcoin zu tun?
Es gibt Leute in der Entwicklerszene, die Bitcoin nicht wirklich dezentralisieren wollen. Sie sagen es zwar, aber sie wollen es nicht. Bitcoin ist eine junge, unreife Demokratie, in der eine Gruppe von Entwicklern die Macht hat. Und diese Gruppe unternimmt verzweifelt alles, um echte Abstimmungen über die Zukunft der Währung zu verhindern.

Wie soll das möglich sein? Bei Bitcoin entscheiden doch letztlich die Miner, also jene, welche die Transaktionen verarbeiten.
Das Mining findet vor allem in einem kommunistischen Land statt, wo den Leuten explizit gesagt wird, dass Demokratie gefährlich sei und ins Chaos führe.

Aber es gibt doch eine Wahl für die Miner. Auch in China stehen verschiedene Varianten der Bitcoin-Software zur Verfügung, um in der Debatte um die Kapazität Position zu beziehen.
Die Miners könnten alleine und gegen den Willen des Rests der Community eine Erhöhung der maximalen Transaktionszahl nicht durchsetzen. Aber sie können eine Erhöhung verhindern. Und genau das passiert.

Damit haben die chinesischen Miner doch einfach Partei für die Entwickler von Bitcoin Core ergriffen, die eben nicht sofort eine Erhöhung der Blocksize und damit der Kapazität wollen.
Die Miner, vor allem die chinesischen, sagten schnell einmal: „Wir werden nie eine andere Software laufen lassen als jene von Bitcoin Core. Wir werden nicht gegen Core stimmen. Weil uns gesagt wurde, Abstimmen sei gefährlich.“ Die Miners sind nicht per se gegen Vorschläge zur Erhöhung der Kapazität, wie dies etwa Bitcoin Classic will. Die Miner weigern sich einzig abzustimmen. An diesem Punkt verloren einige Entwickler, mich eingeschlossen, das Interesse. Weil wir realisierten, es ging nicht länger um Argumente für oder gegen eine Erhöhung der Blocksize. Sondern plötzlich wäre es darum gegangen, chinesische Leute davon zu überzeugen, Demokratie sei eine gute Sache.

Die chinesischen Miner werden doch letztlich dafür stimmen, was ihnen am meisten Profit bringt.
Bis jetzt war dem nicht so. Und jetzt schaden sie Bitcoin. Und sie fahren fort damit, weil sie Angst haben, einer als Autorität wahrgenommenen Gruppe nicht zu gehorchen.

Vielleicht trauen die Miner den Entwicklern von Bitcoin Core und glauben, diese würden Bitcoin mit Projekten wie Segwit und Lightning Network voranbringen.
Sie sollten besser nicht. Diese Entwickler sind nicht kompetent. Zum Beispiel Segwit: Das ist ein bizarrer Accounting-Trick, der keines der aktuellen Probleme von Bitcoin löst, vor allem nicht jenes der Kapazität. Die Core-Entwickler versuchten zwar, Segwit als Lösung genau dafür zu propagieren. Aber das ist es wirklich nicht.

Sie bleiben bei Ihrer harten Kritik an Bitcoin Core.
Die Bitcoin Community hat grosse Probleme gezeigt in der Frage, kompetente Entwickler von jenen zu trennen, die nicht kompetent sind. Ein Teil der Community hat es realisiert. Aber es ist viel zu spät.

Die Roadmap von Core sieht doch vor, nach der Einführung von Segwit notfalls eine 2-MB-Blocksize-Hardfork zu machen, um die Kapazität zu erhöhen.
Einige der Entwickler von Core deklarieren das. Andere werden da nie zustimmen. Es wird nicht geschehen. Nie.

Was ist Ihr Rat an die Bitcoin Community?
Werdet die aktuellen Entwickler los. Und beginnt einander zu vertrauen. Lernt die Demokratie zu lieben.


Das Interview wurde im März am Start Summit in St. Gallen/Schweiz geführt.

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