1. Home
  2. Digital Switzerland
  3. «Schweiz braucht mehr Unternehmer, die etwas wagen»

Digital Switzerland
«Schweiz braucht mehr Unternehmer, die etwas wagen»

Startups: Geldgeber investieren lieber in London & Co. Pexels

Ein Ökosystem für Fintechs entsteht in der Schweiz gerade erst. Accenture-Chef George H. Schmidt erklärt, was man tun muss, um attraktiv zu werden.

Kommentar  
Von Caroline Freigang
am 18.01.2017

Die Schweizer Fintech-Szene ist im Vergleich zu London und Berlin noch klein. Dennoch tut sich hierzulande einiges: Immer mehr Initiativen, Inkubatoren und Startup-Wettbewerbe werden aus dem Boden gestampft – darunter der Swiss Fintech Award, der im März zum zweiten Mal verliehen wird. Die Finalisten durchliefen zur Vorbereitung ein zweitätiges Bootcamp bei Accenture.

Herr Schmidt, der Schweizer Bundesrat und verschiedene Initiativen versuchen, die Schweiz als Fintech-Hub zu positionieren. Dennoch sind die grossen Hotspots immer noch in Berlin, London, Singapur oder dem Silicon Valley. Ist die Schweiz als kleiner Standort überhaupt konkurrenzfähig?
George H. Schmidt*: Wir sind noch nicht so weit wie London, aber wir haben im letzten Jahr extrem viel erreicht. Jetzt müssen wir weiter Gas geben. Die Schweiz hat als Fintech-Standort eine Daseinsberechtigung. Vom Bundesrat und der Finma aus ist ein Ruck durch die Schweiz gegangen. Ich war erstaunt, wie schnell Dinge wie die leichtere Regulierung für Fintechs in die Wege geleitet wurden. Aber das steuerliche Umfeld für Startups muss verbessert werden. Diese werden derzeit noch benachteiligt.

In der Schweiz wird ein Mangel an Wagniskapital und geringe Risikofreude beklagt. Wie sehen Sie das?
Schweizer Jungunternehmer sind nicht besonders risikofreudig. Das ist ein Problem. Was das Wagniskapital anbelangt: Die Schweiz hat genug Geld. Das Kapital fliesst aber nach London, ins Silicon Valley, nach New York oder Asien, wo grössere und professionellere Venture-Fonds bestehen. Hinzu kommt, dass die paar wenigen Schweizer Venture Capitalists oft auch lieber im Ausland investieren, weil die Startup-Szene dort weiter entwickelt sind. Ein Startup-Ökosystem entsteht bei uns erst gerade. Die VC-Maschinerie, die man aus dem Silicon Valley oder aus London kennt, gibt es hier noch nicht. Das müsste man in Angriff nehmen. Es braucht mehr Unternehmer, die etwas wagen und eine VC-Community.

Was wäre da ein erster Schritt?
Es gibt zwei Optionen: Erstens könnten Pensionskassen Gelder vermehrt in alternative Anlageklassen und somit in Schweizer Private Equity Fonds fliessen lassen, besonders bei den aktuell tiefen Zinssätzen. Zweitens könnten sich grosse Schweizer Unternehmen, die sich im digitalen Bereich bewegen, zusammen tun und einen Fonds eröffnen, der sich auf digitale Startups, respektive Fintechs, fokussiert.

Wieso passiert das nicht?
Es hapert an der Umsetzung: Geldgeber sagen, sie investieren lieber in London und anderen Standorten.

Könnte Zürich als Fintech-Hub mit dem anstehenden Brexit nicht wichtiger werden?
Die Unsicherheit, wie sich der Brexit umsetzen lässt, ist im Moment ein Thema, doch London hat sich als Innovationshub gut etabliert. Auf jeden Fall hat Zürich grosses Potenzial. Hier gilt es, den Schwung von 2016 unbedingt weiter zu halten und die offenen Themen konsequent anzugehen.

Investitionen in Fintech sind 2016 nach Angaben von Accenture weltweit abgeflaut. Ist der Hype vorbei?
Stellen Sie sich den Hype um Fintechs der letzten drei, vier Jahre wie eine Blase vor. Er entwickelt sich schnell und flacht dann wieder ab. Nennen wir es gesunden Pragmatismus. Auf makroökonomischem Niveau gibt es andere interessante Investitionsmöglichkeiten für Geldgeber. Zudem wurden Problemfälle in den Medien breit platziert, was die Wahrnehmung beeinflusst hat.

Was Fintechs betrifft hat sich die erste Aufregung bei den Banken über die neuen Konkurrenten gelegt. Diese entwickeln mit hauseigenen Innovationslabs Ideen oder scouten ausserhalb nach potentiellen Kollaborationen. Können die Banken mit diesen Massnahmen mit der digitalen Entwicklung Schritt halten? 
Bei Innovationslabs ist es wichtig, diese aus den vorhandenen Strukturen auszulagern. Innovationen entstehen bei einem grossen Corporate selten innerhalb des Unternehmens. Ein gutes Beispiel ist das Bezahlsystem Twint: Dieses wurde nicht innerhalb der Wände der Postfinance entwickelt, sondern als Tochter-Firma ausserhalb der Struktur.

Der Trend bei Fintechs geht laut einer Accenture-Studie hin zu Kollaboration anstatt Disruption – zumindest in den USA. In Europa ist der Trend umgekehrt. Wieso?
In den USA ist die Regulierung strenger und die Startup-Szene ist weiter als bei uns. Diverse Fintechs haben eingesehen: Alleine vorzupreschen ist anstrengend. Ausserdem eröffnen sich in Kooperation mit einem Grossunternehmen mehr Möglichkeiten für eine schnelle Weiterentwicklung.

Sie finden einen kollaborativen Ansatz also sinnvoller?
Als Fintech-Unternehmer würde ich es durchaus in Erwägung ziehen, mit einem grossen Player zusammenzuarbeiten. Gegen die grossen Banken zu kämpfen braucht sehr viel Geld. Und die Banken haben aufgeholt: Sie können heute vieles selber entwickeln.

Haben disruptive Fintechs denn noch eine Chance?
In einzelnen Fällen im Ausland hatten disruptive Modelle Erfolg – meistens aber nur in ihrer ersten Phase, später gingen sie Kollaborationen ein. Langfristig werden sich auch Fintechs zusammenschliessen. Als Kollektiv könnten sie zur Konkurrenz für Banken werden. Die Startups haben ausserdem einen entscheidenden Vorteil: Sie haben ihre Produkte immer von Kundenseite aus entwickelt. Ein solches Denken müssen Banken noch stärker entwickeln.

*George H. Schmidt ist Managing Director Financial Services bei Accenture Schweiz.

Anzeige