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Digital Switzerland
Warum der IT-Standort Schweiz Nachholbedarf hat

Nicht ganz wie im Silicon Valley: Aussicht auf die Stadt Zürich.Keystone

Die Schweiz spielt bei der Informationstechnologie heute noch nicht in der höchsten Liga mit. Dafür gibt es insbesondere vier gewichtige Gründe.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 21.10.2016

Die Schweizer Informatikbranche hat ein Imageproblem. Ihre Dienstleistungen und Produkte machen gemäss einer Studie der Universität St. Gallen einen schlechteren Eindruck als jene aus den USA und Deutschland. Die Schweiz hinkt in den Bereichen Flexibilität, Innovation, Technologie, Servicequalität und Robustheit hinter der ausländischen Konkurrenz nach.

Ein wenig schmeichelhaftes Bild fördern auch weitere Erhebungen zutage. Eine Studie der Universität Bern attestiert den Schweizer Softwarefirmen einen tiefen Internationalisierungsgrad. Nur gerade 16 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Export. Zudem gibt es ein Klumpenrisiko bei den Abnehmerländern, weil über die Hälfte der Exporte nach Deutschland und Frankreich geht.

Die Schweizer Informatik ist obendrein wenig produktiv: Der Anteil von IT und Informationsdiensten am BIP ist mit 2,2 Prozent niedriger als jener an der Beschäftigung (2,3 Prozent). In einer Hightech-Branche müsste es eigentlich umgekehrt sein. Möglich, dass die Statistiken einen zu pessimistischen Eindruck vermitteln. Trotzdem drängt sich der Schluss auf, dass die Schweiz und ihre IT-Branche es besser machen können. Wie? Unser Überblick zeigt Handlungsbedarf auf mindestens vier Ebenen an.

1. Grenzen für helle Köpfe

Der Nebel über der Initiative zur Masseneinwanderung lichtet sich. Drei Jahre nach dem Volks-Ja hat sich mit dem "Inländervorrang light" eine Lösung durchgesetzt, die bei der Zuwanderung aus Europa keine starken Einschränkungen vorsieht - zur Freude vieler Unternehmen. Vergessen ging dabei, dass es nicht nur in der EU helle Köpfe gibt, die als Zuwanderer die Schweiz voranbringen können. Sondern auch im Rest der Welt.

Gerade in der IT ist der Bedarf an Spezialisten aus Drittländern gross. Doch für diese Leute gilt nicht die Freizügigkeit, sondern es gelten Kontingente. 2500 Personen erhalten pro Jahr eine Aufenthaltsbewilligung, 1000 weniger als noch vor zwei Jahren. Was die Schweiz zum schlechten Standort macht für IT-Firmen, die auf rasches Wachstum angewiesen sind. Die restriktive Migrationspolitik ist ein Haupthindernis für die hiesige Computerbranche.

2. Regulierung bei Startups

Die Finanzierung sei kein Problem, gab die Mehrheit der Firmen aus den Branchen Information, Kommunikation und IT in einer Umfrage der Credit Suisse an. Zumindest in der Anschubphase sei genug Geld da. Schwieriger wird es später, wie Studien zeigen: Dann, wenn mit höheren Summen grössere Kapazitäten aufgebaut werden müssen, fliessen die Investments spärlicher. Es liegt an der Finanzindustrie, hier Abhilfe zu schaffen.

Was derweil die Politik unterlassen sollte, ist, den Firmen zusätzlich Steine in den Weg zu legen. Etwa mit Vermögenssteuern, die nach einer Finanzierungsrunde bei einem Startup plötzlich fällig werden. Es bringt auch nichts, Firmen mit Regulierungen bei den Arbeitszeiten einzuschränken. Denn clevere Gehirne arbeiten nicht einfach nur von 8 bis 17 Uhr. Das gilt übrigens nicht nur in der IT-Branche.

3. Prioritäten falsch gesetzt

Und warum zahlen Sie noch nicht per Handy? Genau: Weil es schlicht zu umständlich ist. Statt eine einfache und universale Lösung zu entwickeln und anzubieten, haben sich Banken, Detailhändler und Telekomfirmen in den letzten Jahren einen Abnützungskampf um Einfluss, Datenhoheiten und Kommissionsgebühren geliefert. Zum Leidwesen der Konsumenten und wohl auch der Branche selbst: Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Player wie Apple oder Samsung mit ihren Lösungen bald das Feld aufrollen und unter sich aufteilen werden.

Den User nicht ins Zentrum zu stellen, ist eine der Todsünden im Programmiergeschäft. Wer jemals mit Software von SAP gearbeitet hat, weiss, wovon die Rede ist. Ein System muss für den Benutzer da sein - nicht umgekehrt. Firmen wie Apple und Google haben diese Lektion begriffen und setzen sie konsequent um. Auch die Schweiz bringt zuweilen nutzerfreundliche Apps hervor, wie etwa die SBB zeigt. Allzu oft gehen Programmierer und deren Auftraggeber aber noch vom Gegenteil aus: Dass der Mensch für die Technologie da ist. Das muss sich ändern.

4. Politiker aussen vor

Eigentlich ist die IT-Branche nicht so schlecht vernetzt. Diverse Verbände tragen ihre Anliegen nach aussen: Swiss ICT, Swico, die Schweizer Informatik Gesellschaft. Trotzdem fristet sie ein politisches Mauerblümchendasein. Sinnbildlich dafür steht das gescheiterte Referendum gegen das Überwachungsgesetz Büpf, das viele IT-Betriebe unterstützten.

Bauern oder die MEM-Industrie verschaffen sich mehr Gehör. Woran liegt das? Nicht an der Anzahl Verbindungen ins Parlament, wie die Seite Lobbywatch.ch zeigt. Dort sind 34 Parlamentarier aufgelistet mit Verbindungen zur IT: Ähnlich viele wie bei den Krankenkassen (29), den Versicherungen (31) oder den Banken (51).

Offensichtlich tun sich die Informatikfirmen aber schwer mit dem Finden einheitlicher Positionen - manche KMU stehen der SVP nahe, andere Grossunternehmen hegen Sympathien zur FDP, viele Informatiker wählen links-grün. Die IT-Ahnungslosigkeit vieler Parlamentarier macht die Sache nicht einfacher. Sollen Themen wie E-Health oder E-Voting vorankommen, müssen sich die Beteiligten künftig noch besser organisieren.

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