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Free Lunch
Die globale Wirtschaftskrankheit

Unterbezahlt: Arbeiter in einer BMW-Fabrik in Deutschland. Keystone

OECD und IWF schlagen Alarm: Die Weltwirtschaft sei in Gefahr. Doch die Rezepte der internationalen Organisationen lassen Fragen offen.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 01.03.2016

Die Nervosität nimmt zu. Erst wurden die Börsen von schlechter Stimmung erfasst – nun werden die internationalen Organisationen unruhig. Gleich zwei von ihnen richteten in den letzten Tagen eindringliche Appelle an die Öffentlichkeit: Um die Weltwirtschaft aus ihrer Lethargie zu reissen, sei nun endlich «entschiedenes Handeln» nötig, forderten sowohl OECD als auch IWF (Berichte dazu finden sich im Wall Street Journal oder in der Financial Times).

Die Warnungen wurden im Vorfeld der aktuellen G20-Zusammenkunft in Shanghai platziert. Sie sind nachvollziehbar: Der Aufschwung, der nach der Finanz- und Wirtschaftskrise hätte einsetzen sollen, verläuft nach wie vor enttäuschend. Die Industrieländer wursteln seit Jahren herum. Schwung kam bislang von den Schwellenländern, doch nun gerät die Wirtschaft auch dort ins Stocken. Die Weltkonjunktur steckt in der Sackgasse.

Der Aufschwung stockt, die Weltwirtschaft lahmt

Eine Grafik bringt die Ernüchterung auf den Punkt. Sie stammt vom IWF und zeigt das tatsächliche Wachstum der Weltwirtschaft (in schwarz) neben den Vorstellungen, wie dieses Wachstum eigentlich hätte verlaufen sollen (farbig). Die Prognosen wurden Mal für Mal verfehlt, die Trendwende blieb eine Fata Morgana. Statt aufwärts ging es in den letzten Jahren stets abwärts.

Um eine totale Stagnation zu verhindern, legen IWF und OECD den Industrieländern nun nahe, ihr gesamtes Arsenal an konjunktur- und wachstumsfördernden Massnahmen in Stellung zu bringen. Das beteutet: Weiterhin eine lockere Geldpolitik zu verfolgen (erstens), die Reform der Güter- und Arbeitsmärkte zu beschleunigen (zweitens), und die staatliche Investitionsmaschinerie anzuwerfen (drittens). Hier zwei weitere Artikel dazu bei der FT und beim WSJ.

So soll die Welt endlich das übergeordnete Problem in den Griff kriegen: der Mangel an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. Diesen Mangel sehen die Ökonomen beim IWF und OECD als Grundübel der Nachkrisenzeit. Konsumenten wollen zu wenig der Güter und Dienstleistungen kaufen, welche eigentlich produziert werden könnten – deshalb investieren die Unternehmen auch kaum. So harrt die Wirtschaft in einem schlechten Gleichgewicht und bleibt unausgelastet.

Die eigentlichen Gründe reichen tiefer

Die Diagnose der Ökonomen trifft zu. Doch sie greift gleichwohl zu kurz. Denn sie adressiert das Problem der fehlenden Nachfrage nur an der Oberfläche. Sie lässt die tieferen Ursachen unerwähnt, die der Weltwirtschaft im Grunde genommen schon lange zu schaffen machen: zunehmende Ungleichheiten, steigende Schulden, Wachstum auf Pump.

Wie all dies zusammenhängt, ist nicht ganz einfach zu eruieren. Doch es gibt Anhaltspunkte. Einer der eindrucksvollsten Parameter ist auf der folgenden Grafik abgebildet. Es handelt sich um den Anteil der Wertschöpfung, den die Arbeitnehmer in einzelnen Ländern erhielten. Oder etwas einfacher ausgedrückt: der Lohnanteil am BIP.

Dieser Anteil ist in praktisch allen Industrienationen seit mehreren Jahrzehnten im Rückgang. Speziell ausgeprägt ist die Entwicklung in den USA. Doch auch in Ländern wie Österreich hat sich die Verteilung über die Jahre verändert. Vor vierzig Jahren gingen dort noch fast 75 Prozent des BIP an den Produktionsfaktor Arbeit. Heute ist der Anteil auf unter 65 Prozent gefallen (die Schweiz ist übrigens fast das einzige Land, in dem dieser Anteil nicht zurückgegangen ist - zumindest nicht gemäss den Daten, die für den Zeitraum ab 1990 vorliegen).

Die Wirtschaft hat sich fundamental verändert

Der Rückgang des Lohnanteils ist keine ganz neue Tendenz. Trotzdem hat es einige Zeit gebraucht, bis sie von Ökonomen aufgegriffen wurde. Denn über lange Jahrzehnte galt es in den Wirtschaftswissenschaften als ausgemacht, dass sich der Lohnanteil wie eine Naturkonstante verhalten und über die Zeit kaum verändern würde. Nicholas Kaldor, ein Wachstumsökonom aus den fünfziger Jahren, führte dies in seiner berühmten Liste vermeintlich unumstösslicher Fakten sogar an erster Stelle auf.

Inzwischen haben sich verschiedene Studien mit dem Thema auseinandergesetzt - vor allem, aber nicht nur, von linker Seite. Aus den Arbeiten wird klar, dass sich die Entwicklung nicht auf einen einzigen Nenner zurückführen lässt. Verantwortlich gemacht wird eine ganze Reihe von Faktoren - wobei die Gewichtung nicht immer identisch ist, wie sich etwa in Arbeiten der ILO (2013) oder des Levy Insituts (2014) zeigt.

  • «Finanzialisierung»: Unter diesem Begriff werden Dinge wie das Überhandnehmen des Shareholder-Value-Denkens und die grössere Bedeutung der Finanzmärkte zusammengefasst. Die Entwicklung sei generell den Kapitalbesitzern zugute gekommen.
  • Technologischer Wandel: Der technische Fortschritt vergrössert die Lohnkluft zwischen den Hoch- und Niedrigqualifizierten. Diese weitgehend unbestrittene Entwicklung bewirkt, dass die aufsummierte Lohnmenge langsamer wächst als die Gesamtwirtschaft.
  • Globalisierung: Der weltweite Austausch von Gütern, Kapital und Arbeit multipliziert gemäss gängiger Lesart den obigen Effekt, weil Kapitalbesitzer und Hochqualifizierte in den Industrieländern überdurchschnittlich von der Globalisierung profitieren.
  • Flexibilisierung: Der Rückgang des Wohlfahrtsstaats und die schwindende Bedeutung von Gewerkschaften haben die Verhandlungsmacht der einfachen Arbeiter gegenüber den Unternehmern vermindert.
  • Managerlöhne: Zieht man die Topverdiener von der Lohnsumme ab, so akzentuiert sich der Trend. Dann stellt sich heraus, dass der BIP-Anteil der «unteren 90 Prozent» über die Zeit sogar noch stärker zurückgegangen ist.

Die innere Stärke verloren

Was auch immer die genauen Gründe für den schwindenden Lohnanteil liegen - Tatsache ist, dass die Volkswirtschaften der Industrieländer über die letzten Jahrzehnte eine strukturelle Veränderung durchlaufen haben, deren Auswirkungen heute noch nicht verdaut sind. Die Verschiebung der Primäreinkommen weg von den Lohnempfängern hat eine dauerhafte Schwäche an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage zur Folge gehabt.

Denn: Reiche und einkommensstarke Haushalte konsumieren weniger als Haushalte mit geringem Einkommen. Je ungleicher die Einkommensverteilung, desto schwächer die Nachfrage: Dieser Zusammenhang beinhaltet sowohl die Verteilung innerhalb der verschiedenen Lohnklassen, als auch die Verteilung zwischen den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Man kann also getrost sagen: Eine Art verschärfter Klassenkampf erklärt, warum seit der Finanzkrise so wenig investiert wird.

Die OECD selbst fasste dies in einer Studie zuhanden der G20, die vor genau einem Jahr in Antalya tagte, folgendermassen zusammen:

There  are  three  main  factors  explaining  the  disconnection  between  growing  profits  and productive investment in advanced G20 countries. First, much of the increase in profits accrued  in  the  financial  sector. Secondly,  in  advanced  economies,  profits  of  non-financial  corporations  have  increasingly  been  used  to  pay  dividends  and  to  invest  in financial  assets  rather  than  to  make  productive  investments.  Finally,  more  recently, productive  investment  in  advanced  economies  has  been  hampered  by weak  household, government and trade demand, combined in many countries with tight credit conditions, affecting small and medium-sized enterprises disproportionately.

Dieselbe, von der ILO mit verfasste Studie beschreibt auch, warum der Verlust an innerer Wachstumsstärke problematische Konsequenzen hat:

It is important to note that, when the negative impacts of falling labour share on private consumption  are  not  offset  by  investment,  countries  tend  to  rely more  on  credit (household debts) and/or net exports in order to maintain aggregate demand. This may contribute  to  increasing  economic  instability  and  global  imbalances.

Wachstumspolitik und Verteilpolitik

Ein Patentrezept, um den Lohnanteil wieder nach oben zu treiben, exisitert nicht. Löhne sind in der freien Marktwirtschaft ebenso wenig diktierbar, wie sich unternehmerischer Erfolg einfach herbeizaubern lässt.

Mit Blick auf die Schweiz könnte man umgekehrt sogar sagen: Hohe Löhne sind selbst ein Ausdruck davon, wenn es in einem Land wirtschaftlich gut läuft. Hierzulande hat der Produktionsfaktor Arbeit seinen Anteil am BIP über die Jahre nämlich halten können. Zuletzt wuchs er sogar überproportional, wie die eine auf Daten des Seco basierende Grafik zeigt.

Die grossen Volkswirtschaften müssen sich mit dem Problem dennoch auseinandersetzen. Denn: Von sich alleine wird der Lohnanteil nicht wieder ansteigen. Im Gegenteil. Die rasante Weiterentwicklung der Robotik und ähnlicher Technologien wird weitere Einkommensdiskrepanzen zur Folge haben. Wollen die Industrieländer aus ihrer Stagnation finden, so müssen sie darauf Antworten finden - Antworten, welche sowohl wachstums- als auch verteilpolitische Komponenten beinhalten.

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