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Free Lunch
Jobs der Zukunft: Warum Pfleger besser dran sind als Verkäufer

Hohe Fachkräftemangel und geringes Automatisierungsrisiko: Krankenpfleger.Keystone

Die Digitalisierung verändert den Arbeitsmarkt. Welche Berufe im 21. Jahrhundert gefragt und welche bedroht sind.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 11.01.2017

Millionen von Arbeits­plätzen verschwinden. ­Roboter nehmen uns die Arbeit weg. Menschen braucht es bald nur noch als Konsumenten: So tönt es oft, wenn Medien über die Digitalisierung berichten. Gern wird der technische Fortschritt zur Bedrohung hochstilisiert. Massenarbeitslosigkeit sei zu erwarten, wenn intelligente Maschinen bald ­Tätigkeiten übernehmen, die heute noch von Menschen aus Fleisch und Blut ausgeführt ­werden.

Die Realität ist komplexer. Dies geht aus einer Untersuchung der «Handelszeitung» hervor, die in Zusammenarbeit mit der Beratungsfirma Deloitte entstanden ist. Am Anfang stand dabei eine einfache Idee: Aufzeigen, inwiefern sich diverse Berufsfelder je nach dem dort vorhandenen Fachkräftemangel und dem Rationalisierungspoten­zial unterscheiden – eine Idee davon erhalten, wie knapp die Ressource Mensch für verschiedene Berufe ist. Am Ende herausgekommen ist eine ­eigentliche Landkarte der Arbeit im 21. Jahrhundert. Sie legt die Strukturen offen, die den Arbeitsmarkt prägen – in der heutigen Zeit und über die kommenden Jahrzehnte hinweg.

Mehrere berufliche Bruchlinien zeichnen sich gemäss der Analyse ab. Markant zeigt sich dies entlang der horizontalen Achse – der Automatisierungswahrscheinlichkeit. Hier teilt sich das Feld der Berufe in drei Bereiche auf (siehe Grafik). Auf der linken Seite stehen Jobs, bei denen sich menschliche Arbeitskraft nur geringfügig durch Roboter ersetzen lässt: Ärzte, Raumplaner, Elektronik­ingenieure. Dies  umfasst heute etwa ­40 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Tendenziell steigt die Beschäftigung in diesen Zukunftsfeldern stark an.

Weitere 30 Prozent der Bevölkerung sind im zweiten Pulk versammelt. Hier stehen Baukonstrukteure, Gestalter oder Hauswirtschaftsleiter. Diese Berufe, die in den letzten 25 Jahren ein mässiges Wachstum aufwiesen, unterliegen einem mittleren Automatisierungsrisiko. Experten rechnen ­damit, dass diese Jobs sich im Zuge der Digitalisierung inhaltlich verändern werden. Deshalb auch ihr Name, der einer Idee des Arbeitsmarktökonomen Lawrence Katz entstammt: «neue Handwerker». Computer werden menschliche Arbeit in diesen Jobs nicht ersetzen, sondern sie werden diese ergänzen.

Im dritten Pulk ganz rechts sind die Jobs vereinigt, denen ein sehr hohes Automatisierungsrisiko attestiert wird. Rund 30 Prozent der Beschäftigten arbeiten derzeit in dem Bereich: im Verkauf, im Sekretariat, am Schalter, an der Kasse. Sie leisten mehrheitlich Routinearbeit,  die relativ leicht auch von Algorithmen erledigt werden kann. Die Beschäftigung ist in vielen von diesen Jobs bereits geschrumpft. Dies zeigen die hellgrünen und blauen Farbblasen auf der Grafik an. In Zukunft dürfte diese Beschäftigung weiter zurückgehen.

Es lohnt sich, in einer Nische tätig zu sein

In den kommenden Jahrzehnten werden Arbeitskräfte von der rechten in die linke Hälfte des Berufsfelds wandern. Dies, weil Produkte dank der Automatisierung billiger werden. Konsumenten werden mit dem gesparten Geld wiederum zusätzliche Güter und Dienstleistungen nachfragen – beispielsweise im Gesundheitsbereich. Hier wird die Beschäftigung deshalb weiter wachsen. Dies entpricht einem Trend, der bereits in der Vergangenheit eingesetzt hat. In der Schweiz arbeiten heute viermal so viele Fachkräfte für Fitness und Sport wie noch im Jahr 1990.

Bestimmte Personen profitieren jedoch stärker vom Wandel als andere. Dies offenbart eine weitere Bruchlinie im linken Teil der Grafik. Sie trennt die obere Hälfte der vermeintlich sicheren Berufe von der unteren Hälfte. Oben stehen die Jobs, wo bereits heute grosser Fachkräftemangel herrscht. Also etwa Softwareentwickler und allgemeine Führungskräfte – die hochqualifizierten «Geistesarbeiter». Unten stehen die Jobs mit geringem Fachkräftemangel: Primar- und Sekundarlehrer, Schutzkräfte und Sicherheitsbedienstete – man könnte sie als «notwendige humane Kräfte» bezeichnen. Die beiden Gruppen sind wegen der Bildungsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt aber kaum durchlässig. Wer unten steht, hat somit künftig mit grösserer Konkurrenz zu rechnen.

Auch bei den stark automatisierbaren Berufen gibt es eine feine Bruchlinie. Einige Jobs weisen nämlich eine Besonderheit auf: Es gibt dort trotz Automatisierungsrisiko und rückläufiger Beschäftigung einen Fachkräftemangel. Beispielsweise bei den Schreinern und Schweissern. Arbeitskräfte in diesen Berufen sind die «letzten Mohikaner» auf ihrem Gebiet. Anders als die «Proletarier» der Roboter-Ära besetzen sie eine Nische, die ihnen auch in Zukunft ein Auskommen sichert.

Die Daten zur Auswertung stammen von der Universität Oxford, wo 2013 eine vielbeachtete Studie zur Automatisierung erschienen ist. Deloitte hat die Ergebnisse für die Schweiz adaptiert. Hinzu kommen ein Indikator zum Fachkräftemangel aus der Küche der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion sowie Zahlen des Bundesamts für Statistik zur Beschäftigung. Es handelt sich um die erste derartige Auswertung für die Schweiz.

Die beruflichen Anforderungen steigen

Eine wichtige Erkenntnis ist, dass die Branche alleine wenig über die künftigen Chancen auf dem Arbeitsmarkt aussagt. Dies zeigt sich etwa in der Finanzindustrie. Hochqualifizierte Arbeitnehmer bleiben dort zu einem gewissen Grad unersetzlich. Nichtakademiker unterliegen aber bereits einem mittleren Automatisierungsrisiko. Für Bürokräfte im Finanz- und Rechnungswesen sind die Aussichten dagegen prekär. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist bereits jetzt gross. Dazu kommt in Zukunft ein sehr hohes Automatisierungsrisiko.

«Der klassische Bürojob wird verschwinden», sagt Dorothea Tiefenauer vom Verband KV Schweiz. «Gefragt sind unternehmerisch denkende Generalisten mit fachlicher Spezialisierung und hoher Sozialkompetenz.» Damit die heutigen Bürolisten den höheren Anforderungen auch in Zukunft gerecht werden können, seien dringend Investitionen in die Berufsbildung nötig, sagt sie. «Die Unternehmen, aber auch die Politik sind in der Pflicht. Die Berufsbildung sollte gleich viele Fördermittel wie die Hochschulen erhalten.»

Einen verstärkten Fokus auf die Weiterbildung brauche es auch im Detailhandel, sagt die Unia-Gewerkschafterin Natalie Imboden. «Angestellte im Verkauf, die sich in Richtung Onlinehandel oder Kundenberatung weiterbilden wollen, sind vielfach auf sich alleine gestellt.» Die Branche sei abgesehen von den Grosskonzernen Migros und Coop stark fragmentiert. Bildungsangebote seien oft nicht verfügbar. Auch wer die Branche ganz wechseln wolle, stehe vor grossen Hürden.

Die Aussagen legen nahe, dass die Digitalisierung durchaus Probleme schafft. Selbst wenn die meisten Berufsleute die Zusammenarbeit mit intelligenten Maschinen als Bereicherung empfinden und davon auch materiell profitieren werden, geraten manche Menschen auf dem Arbeitsmarkt unter Druck. Für sie hat das Rennen um Jobs – und um menschenwürdige Löhne – in der Roboterwelt gerade erst begonnen.

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