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«Meine Karriere liegt auf Eis»

 

14 Wochen nach der Geburt wieder arbeiten, auf Teilzeit reduzieren oder aus dem Job aussteigen? Vier ausländische Mütter erzählen, wie sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hierzulande erleben.

Kommentar  
Von Karen Merkel
am 20.03.2016

Alicia Martinez: «Druck auf die Frau»

Alicia Martinzez und Pascal Perrone mit Ainhoa (9 Monate).Für mich ist es wichtig, mein eigenes Geld zu verdienen und gleichberechtigt mit meinem Mann zu sein. Ich hatte mich schon vor der Geburt unserer Tochter Ainhoa im März entschieden, dass ich nach dem Mutterschutz wieder 100 Prozent in den Job zurückkehren möchte.

Glücklicherweise hat es mit der Kinderbetreuung gut geklappt: Wir haben einen Platz bei uns im Betriebskindergarten bekommen. Diese Möglichkeit zu haben, ist wirklich wichtig für uns. Die Kita ist sehr flexibel und hat von 7 Uhr bis 19 Uhr geöffnet. In den ersten zwei Monaten, nachdem ich wieder angefangen hatte zu arbeiten, habe ich noch gestillt - das war während der Arbeitszeiten möglich.

Ich habe meine Mutter bewundert, weil sie arbeiten ging

Auch meine Mutter und meine Grossmutter haben immer gearbeitet, ich habe das bewundert. In meiner Familie hat das niemanden erstaunt, dass ich so früh in den Job zurückgekehrt bin. Nachfragen kamen vielmehr aus meinem Umfeld in der Schweiz.

Ich empfinde, dass es hier einen Druck gibt, als Frau zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Auch mein Mann muss häufiger Fragen beantworten, warum ich schon so früh wieder Vollzeit eingestiegen bin.

Was ich in der Schweiz vermisse, ist eine reale Wahlmöglichkeit. Der Unterschied zwischen den Gehältern bei Mann und Frau ist oft so gross und Kinderbetreuung kostet in der Schweiz so viel, dass es sich in vielen Fällen nicht rechnet, als Mutter wieder arbeiten zu gehen.Amer Vohora und Azita Qadri mit Samara (4) und Kabir (2).

Azita Qadri: «Eine hohe Lebensqualität»

Wir leben seit fünf Jahren in der Schweiz und geniessen es sehr. Uns gefällt, dass wir nicht gezwungen sind, die berufliche Karriere komplett zu unterbrechen, nachdem unsere zwei Kinder geboren wurden. Amer arbeitet Vollzeit als Banker, ich bin drei Tage in der Woche als Digitale Produktmanagerin beschäftigt. Wir fühlen uns vor allem sehr privilegiert, weil unsere Krippe nur zwei Minuten von unserer Wohnung entfernt liegt. Unsere Kinder Samara und Kabir lieben es dort.

Zwar ist die Kinderbetreuung in einer privaten Krippe nicht preiswert. Aber wenn wir es mit der Situation unserer Verwandten in London vergleichen, ist unser Leben in der Schweiz viel komfortabler. Wir brauchen keine Nanny, die sich neben der Krippe noch um die Kinder kümmern muss. Bei uns funktioniert die Kinderbetreuung gut, auch wenn die Grosseltern leider nicht in der Nähe wohnen und kurzfristig einspringen können. In London ist es zudem viel weniger akzeptiert als in der Schweiz, dass Frauen Teilzeit arbeiten. Bei der Mehrheit unserer Freunde in der Schweiz ist hingegen die Frau schon nach einem Jahr nach der Geburt des Kindes wieder in den Job eingestiegen.

Ebenso erfreuen wir uns an der hohen Lebensqualität in der Schweiz. Mit den Kindern wandern zu gehen oder im See zu schwimmen, ist ein grosser Luxus. Nur dass die Babysitter hier so teuer sind, stört ein wenig. Sonst würden wir viel häufiger ohne die Kinder ausgehen.

Elisabeth Schöppel: «Der Arbeitgeber entscheidet»

Robert MacKenzie und Elisabeth Schöppel mit Madeleine (10 Monate).

Bis einen Monat vor der Geburt unserer Tochter Madeleine habe ich gearbeitet, solange es eben gesundheitlich ging. Ich wusste, dass ich länger als die 14 Wochen Mutterschutz zu Hause bleiben möchte. Für die ersten acht Monate wollte ich mich nur dem Kind widmen.

Da ich in der Beratungsbranche und somit projektbezogen arbeite, ist eine Auszeit gut möglich. Ich konnte den Mutterschutz mit unbezahltem Urlaub verlängern und hätte mir da sogar mehr Zeit lassen können. Allerdings habe ich mich jetzt für einen Jobwechsel entschieden und suche eine Teilzeitstelle mit 80 Prozent. Madeleine ist jetzt zehn Monate alt, und ich wünsche mir wieder eine Aufgabe über das Kind hinaus. Zugleich sehe ich auch bei ihr, dass sie stärker mit anderen Kindern interagiert. Mittlerweile wäre es in Ordnung, sie in die Krippe zu geben.

Ab Februar haben wir einen Kita-Platz. Bis dahin kommt meine Mutter aus München und betreut unsere Tochter vier Tage die Woche. Da ich Deutsche bin und Robert Kanadier, haben wir in der Schweiz keine Familie. Die familiäre Unterstützung fehlt uns in unvorhergesehenen Situationen, wenn etwa wir oder das Kind krank werden. Heikel ist meines Erachtens auch, dass es in der Schweiz stark vom Arbeitgeber abhängt, inwieweit Beruf und Familie vereinbar sind. Ob etwa Teilzeitarbeit möglich ist oder eine Zeit der reinen Kinderbetreuung über den Mutterschutz hinaus, entscheidet das Unternehmen. Ein Anspruch darauf besteht nicht.

Laura Selman: «Meine Karriere liegt auf Eis»

Borja Marin und Laura Selman mit Ella (8) und Oscar (6).

Mein Mann und ich haben beide dasselbe studiert. Er arbeitet heute Vollzeit als Manager in einem multinationalen Konzern, ich arbeite Teilzeit als Schulassistentin und habe akzeptiert, dass meine Karriere vorerst auf Eis liegt.

Das sage ich ohne Vorwurf, für uns als Familie haben wir eine gute Lösung gefunden. Aber es ist eine Realität, dass der Spagat zwischen Beruf und Familie in der Schweiz kein einfacher ist. Ich habe gut zehn Monate nach der Geburt von Ella angefangen, wieder Vollzeit zu arbeiten. Den Job gab ich nach vier Monaten auf, ich konnte ihn schwierig mit dem Baby vereinbaren. Meine Priorität war schlussendlich unsere Tochter. Drei Jahre später – nun war auch unser Sohn Oscar auf der Welt – stieg ich mit einem 60-Prozent-Job wieder ein. Fast mein gesamtes Gehalt ging für die Kinderbetreuung drauf.

Es war aber trotzdem gut, wieder zu arbeiten. Auch weil eine Teilzeitstellte schwer zu finden gewesen war. Das ist in Holland, wo ich herkomme, anders. Teilzeit ist dort für Männer und Frauen akzeptiert, auch Jobsharing ist etablierter. Mein Vater zum Beispiel hat bereits in den 1980er-Jahren zwei Sekretärinnen beschäftigt, die sich ihren Arbeitsplatz geteilt haben.

Heute arbeite ich halbtags. Mittlerweile bleibt auch mein Mann hin und wieder zu Hause, wenn die Kinder krank sind. Damit teilt sich die Kinderbetreuung bei uns erstmals – unsere Tochter ist inzwischen acht Jahre alt – etwas gleichmässiger auf.

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