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Digitalswitzerland
Ivo Furrer: «Die Digitalisierung ist mit Ängsten verbunden»

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Der neue Präsident von Digitalswitzerland, Ivo Furrer, bei seiner Eröffnungsrede in Zürich. Quelle: ZVG

Digitalswitzerland-Chef Ivo Furrer kritisiert, dass digitalen Projekten zu wenig Zeit gegeben wird. Gerade bei Grosskonzernen.

Von David Torcasso
am 20.09.2018

Wann haben Sie realisiert, dass der Digital-Zug ins Rollen kommt?
2012 war ich zum ersten Mal mit der Geschäftsleitung von Swiss Life Schweiz im Silicon Valley zu Besuch und habe da gespürt, wie diese Entwicklungen Geschäftsmodelle branchenübergreifend verändern werden.

Sie sind neuer Präsident von Digitalswitzerland. Was wollen Sie erreichen?
Ein Ziel, das mir persönlich besonders am Herz liegt, ist die Digitalisierung in der breiten Bevölkerung zu thematisieren. Die Digitalisierung ist für viele Menschen nicht fassbar und mit Ängsten verbunden. Wir wollen mit Aufklärung und Wissensvermittlung aufzeigen, dass die Digitalisierung Chancen bietet. Es geht darum, sich überhaupt mit der Thematik Digitalisierung auseinanderzusetzen, darüber zu reden und sich die Frage zu stellen, was dies für jeden einzelnen von uns bedeutet.

Eine Herausforderung.
Absolut. Wir wollen nicht abgehoben über dieses Thema sprechen, sondern sehr konkret. Denn die Veränderungen, welche die Digitalisierung mit sich bringt, sind wichtig für die Menschen in unserem Land.

Ihr bestes Argument, um den Leuten diese Angst zu nehmen?
Was man nicht kennt, das macht Angst. Deshalb ist es so wichtig, sich zu informieren und weiterzubilden. Dazu möchte Digitalswitzerland einen Beitrag leisten.

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Mit einem Fuss in Liechtenstein

Ivo Furrer war zwischen 2008 bis 2017 CEO von Swiss Life Group. Davor war der 61-Jährige bei der Zurich und Winterthur Versicherung tätig sowie bei der Credit Suisse. 

Neben seinem Amt als Präsident von Digitalswitzerland amtet er im Aufsichtsrat der Finanzmarktaufsicht Liechtenstein und sitzt im Verwaltungsrat von Julius Bär, Helvetia, ResponsAbility und Inventx. 

Im Oktober findet wieder der Digitaltag, den Digitalswitzerland initiiert hat, statt. Was sind weitere Massnahmen zur Sensibilisierung der Bevölkerung?
Der Digitaltag will die Digitalisierung mit all ihren Facetten konkret erlebbar machen und eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema auslösen. Weiter setzen wir uns bei Digitalswitzerland stark für das Thema Bildung ein. Etwa mit der «nextgeneration»-Initiative oder Schulungen im Bereich «Lifelong Learning». Erwähnen möchte ich ausserdem die «Challenge», mit der Digitalswitzerland Innovation zwischen Unternehmen und Startups fördert.

Was bringen Sie als neuer Präsident für das Amt mit?
Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir Prozesse nachhaltiger angehen wollen. Mit meiner langjährigen Unternehmenserfahrung, zuletzt als CEO von Swiss Life Schweiz, will ich hier anpacken. Ich sehe mich als unabhängiger «down-to-earth guy», der mit beiden Beinen auf dem Boden steht und als solcher nicht nur den Zugang zu den grösseren, sondern auch kleineren und mittleren Unternehmen aktiv sucht. Nicht zuletzt auch mit der zentralen Startup-Community.

Ihr Vorgänger Christian Wenger war stark in der Startup-Szene verwurzelt. Dort entsteht Innovation. Sie kommen aus der Corporate-Welt. Warum sind Sie der richtige Mann?
Die Corporates können durchaus auch innovativ sein (lacht). Die Swiss Life hat beispielsweise als erster Versicherer eine Cloud für ihre Kunden nutzbar gemacht. Unternehmen haben ganz andere Datenmengen und decken eine breitere Funktionalität ab. Ein Startup befasst sich nur mit einem kleinen Teil der Wertschöpfungskette und verändert diesen. Deshalb hatte ich als CEO von Swiss Life Schweiz auch ein «Innovation-Lab» mit Adrian Bührer und Myke Näf, dem Gründer von Doodle, ins Leben gerufen. Das Thema: Wie kann ich mir Versicherungen auch noch vorstellen?

Welche konkreten Vorhaben wollen Sie in den nächsten Jahren umsetzen?
Es geht mir nicht nur um quantifizierbare Ziele, also etwa Mitgliederwachstum. Dabei stehen Schweizer KMUs im Fokus, die das Rückgrat der Wirtschaft bilden. Diese möchten wir noch stärker bei Digitalswitzerland einbinden und sie in der technologischen Innovationsbewältigung unterstützen. Da geht es auch um optimale Rahmenbedingungen, zum Beispiel in arbeitsrechtlicher und steuerlicher Hinsicht.

Ist das Präsidium bei Digitalswitzerland nicht einfach ein weiteres Amt in Ihrem VR-Portfolio?
Meine Vergangenheit in der Corporate-Welt kann ich nicht weglassen. Ich bin überzeugt, dass wir die Corporates und Startups noch stärker zusammenzubringen können. Sie profitieren enorm voneinander. Ein starkes Startup-Ökosystem ist zentral für Schweizer Unternehmen. Neben Unternehmen und Startups braucht es dafür aber auch die Politik. Die Herausforderungen der Digitalisierung können nicht im Alleingang gelöst werden: Es braucht einen gemeinsamen Schulterschluss.

Schweizer Versicherer versuchen, neue Apps und Anwendungen für Millenials zu lancieren. Die Helvetia, bei der sie im VR sitzen, hatte eine App namens Flink lanciert, die jetzt aber wieder verschwunden ist. Woran hapert es?
In der Schweiz wird oft zu schnell nach der Profitabilität gefragt. Die Helvetia hat 50 Millionen Franken als Venture Fonds, ausgerichtet über vier Jahre, vorgesehen. Sie hat auch in Moneypark investiert, die dem Kunden Zugang zum Hypothekenmarkt gewährt. Als Versicherer werden wir auch künftig mit Menschen und nicht nur mit Robo-Advisors arbeiten. Eine Autoversicherung kann man natürlich online abschliessen. Aber wenn es um die persönliche Vorsorge der Familie geht, wird es auch weiterhin einen Berater oder eine Beraterin brauchen.

Die Schweiz hat eine Chance, zu einem weltweit bedeutenden Fintech-Standort zu werden. Was braucht es dafür?
Wir beschäftigen uns intensiv mit neuen Technologien, wie etwa Blockchain und Kryptowährungen. Ich selbst bin auch bei der Finanzmarktaufsicht von Liechtenstein aktiv. Dabei ist aber klar, dass zu Fintech nicht nur Kryptowährungen und Blockchain gehören.

Liechtenstein will Zug als «Crypto Valley» konkurrenzieren. Warum spannen die zwei kleinen Länder nicht zusammen?
Beide Länder können gegenseitig voneinander lernen. Einige der Crypto-Startups sind nach Liechtenstein gezogen, weil sie dort gute Bedingungen vorfinden. Zudem ist ein Vorteil von Liechtenstein der Zugang zum europäischen Raum. Bei Digitalswitzerland setzen wir auf vier Pfeiler. Dazu gehören auch Fintech und Crypto. Zusätzlich wollen wir für jeden Pfeiler ein sogenanntes «Matterhorn-Projekt» aufbauen, also ein Projekt mit nachhaltiger Wirkung und internationaler Sichtbarkeit.