Jedes Unternehmen muss sich fragen, wie die Chancen der ­Digitalisierung in das eigene Geschäftsmodell integriert werden können. Gesetz der Stunde sei es, seine Wertschöpfungsketten aus ­digitaler Perspektive zu hinter­fragen, meint deshalb Sergio Chiandetti, der Manager bei Swisscom Enterprise Customers.

Wer glaube, die Digitalisierung ­betreffe ihn nicht, handele fahrlässig. Damit Unternehmen so schnell als möglich auf den digitalen Zug aufspringen können, hält der Experte sechs Orientierungspunkte bereit.

1. Digitalisierung zur Chefsache machen

Als Erstes gelte es, die Digitalisierung Teil der Unternehmensstrategie werden zu lassen und sie damit auf oberster Unternehmensebene anzusiedeln, so der Experte. Hier muss entschieden werden, welche Teile des Unternehmens sich für die digitale Transformation eignen und was mit welcher Priorität digitalisiert werden muss. Dabei geht es nicht um eine einmalige Betrachtung, sondern vielmehr darum, einen umfassenden Transformationspfad im Unternehmen zu etablieren.

2. Digitalisierungsstrategie in den Händen des CDO

Die digitale Transformation hat die Kraft, ein Unternehmen von Grund auf umzukrempeln und in eine neue Ausgangslage zu katapultieren. Wer vorne mitspielen will, sollte ein dezidiertes Team gründen, das ­direkt an die Geschäftsleitung berichtet. Der Chief Digital Officer orchestriert dabei alle Aktivitäten und Massnahmen und ­navigiert das Schnellboot mit fester Hand.

Nach der Analyse von Geschäftsprozessen sollten sich die Unternehmen gemäss Sergio Chiandetti folgende Fragen stellen: Welche Teile und ­Bereiche des Unternehmens können und sollten digitalisiert werden? Welche Technologien eignen sich jeweils? Sensoren, Beacons, neue Plattformen, Cloud-Lösungen, Robotics und Augmented Reality – die Palette ist riesengross.

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3. Daten sind das neue Gold

Wer die eigenen Daten dank Big-Data-Technologien smart nutzt, kann entscheidungsrelevante Erkenntnisse aus unterschiedlich strukturierten Informationen gewinnen. Laut Chiandetti war dies noch vor drei bis fünf Jahren den ganz grossen Technologie-Playern vorbehalten. Auch wenn der Sicherheit der Daten oberste Priorität zukommen müsse, sollte das Unternehmen aber nicht vor der Einführung neuer Technologien abschrecken. IT-Sicher­heits­experten können bei der Umsetzung beraten und unterstützen.

4. Co-Creation: Vier Augen sehen mehr als zwei

Unternehmen, die ihre Geschäftsprozesse erfolgreich digitalisieren wollen, profitieren vom frühzeitigen Einbezug ihrer Kunden und Partner, das stellt Chiandetti fest. Wenn diese bereits digitale Prozesse aufweisen, können dazu Schnittstellen geschaffen werden. Kunden und Partner können aber auch für zündende Ideen sorgen, so dass dank Vernetzung im Ökosystem neue Mehrwerte entstehen können. Möglicherweise entstehen dadurch auch komplett neue Business-Modelle.

5. Digitale Kompetenzen fördern

Die Digitalisierung werde das Anforderungsprofil für Mitarbeitende langfristig stark verändern. Nur Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden frühzeitig sensibilisieren und auf die Transformationsreise mitnehmen, bleiben wettbewerbsfähig, glaubt Experte Chiandetti. Also gilt es, transparent zu kommunizieren und den Mitarbeitenden Weiterbildungen rund um digitale Kompetenzen anzubieten – dann verlieren weder die Mit­­­­ar­beitenden noch das Unternehmen den ­Anschluss.

Es braucht auch ein Umdenken im Führungssystem: Bimodale Unternehmensorganisationen stehen klassischen gegenüber. Vor allem in modernen, agilen Unternehmensbereichen, die sich schnell und flexibel an die technischen Veränderungen anpassen, sind Agilität und Agieren in Netzwerken gefordert.

6. Internetfirmen werden zu Wettbewerbern

Der Wettbewerb kann zukünftig aus ­einer neuen Himmelsrichtung kommen – von Technologieunternehmen. So besitzt etwa Alibaba selbst keine Waren und ist ­dennoch die grösste chinesische Han­delsplattform. Etablierte Autohersteller ­werden bald dem Unternehmen Google ­gegenüberstehen, das viel Geld in die neue Mobilität investiert. Unternehmen müssen folglich breiter beobachten. Im ­Idealfall spannen sie mit jungen Techno­logieunternehmen zusammen. Mit dem ­Herzblut und den frischen Ansätzen von Startups lässt sich schnell Neues ­ent­wickeln, und etablierte Unternehmen profitieren vom Ideen- und Technologietransfer.

Die nächsten zwei, drei Jahre werden darüber entscheiden, ob die Schweiz auch im digitalen Zeitalter eine der führenden Wirtschaftsnationen bleiben wird. Unternehmen müssen nach Meinung von Chiandetti jetzt alles daransetzen, digitale Fähigkeiten ihrer Mitarbeitenden zu fördern und digitale Technologien zu nutzen, um neue Geschäftsmodelle aufzubauen, anstatt diese nur als Mittel zur Effizienzsteigerung zu sehen. Investitionen in Technik sind kein Show-Stopper mehr – die Preise für Sensoren, Datenkommunikation und IT-Infrastruktur fallen massiv.

«Verschlafen Sie nicht den Start»

Wer den grössten unternehmerischen Nutzen erzielen will, muss jedoch das ­Gesamtsystem Digitalisierung verstehen und die Transformation ganzheitlich angehen. Entscheidend ist also der Vorsprung, wie Chiandetti meint: «Verschlafen Sie nicht den Start in die Zukunft!»

(jfr)